Über 100 Jahre Gesundheit: Zur Geschichte des HELIOS Klinikums Berlin-Buch

Über 100 Jahre Gesundheit: Zur Geschichte des HELIOS Klinikums Berlin-Buch

Die Krankenhauslandschaft in Berlin-Buch besteht bereits seit über 100 Jahren. Der Verlauf des 20. Jahrhunderts hat die verschiedenen Einrichtungen mitgeprägt. Das heutige Klinikum Berlin-Buch gehört seit 2001 zu Helios und wurde 2007 um ein modernes Haupthaus ergänzt.

Kontinuität: Der Gesundheitsstandort Berlin-Buch

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts konzipiert, entstanden bis 1929 die unterschiedlichen Abschnitte einer weitflächigen Krankenhauslandschaft im Grünen. Buch war damit zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts der größte und einer der modernsten Wohlfahrts- und Pflegestandorte Europas. Bis heute kennzeichnen medizinische und forschende Einrichtungen verschiedener Träger den Standort.

Wie es begann: Von Versorgungsanstalten zu Krankenhäusern

Mit der Entwicklung zur europäischen Metropole am Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Berlin ein großer Bedarf an Krankenhaus- und Heimplätzen. Im Barnimer Dorf Buch – 18 Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt – ergaben sich nach umfangreichen Landankäufen durch den Magistrat von Berlin hervorragende Voraussetzungen zur Errichtung von weitläufigen Krankenhausanlagen. Unter dem Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann (1852-1932) und seinem Nachfolger Martin Wagner (1885-1957) wurden in fünf verschiedenen, architektonisch abgeschlossenen Ensembles Einrichtungen für Lungenkranke, ein Altenheim sowie die „III. Städtische Irrenanstalt“ errichtet. Insbesondere letztere - auf dem Gebiet des heutigen Klinikcampus – galt als liberal und vorbildlich im Umgang mit psychisch kranken Menschen und wurde weit über Berlin bekannt. Von 1906 bis 1908 wirkte hier auch der spätere Schriftsteller Alfred Döblin als junger Arzt.
Mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 wurden einige Bauten in ein Reserve-Lazarett umgewidmet, in das insgesamt 33.000 Menschen bis zum Ende des Krieges aufgenommen wurden.
In der Weimarer Republik entwickelten sich aus den Versorgungs- und Pflegeanstalten nach und nach Krankenhäuser, die aktiv medizinische Behandlung betrieben. Zum Ende der 1930er Jahre waren fast alle Bereiche nahezu vollständig auf die Akutversorgung umgestellt.

Die Heil- und Pflegeanstalten im Nationalsozialismus

Die politischen Änderungen zeigten auch in den Kliniken in Buch unmittelbare Wirkung: Ab April 1933 wurden ungefähr einhundert jüdische und politisch missliebige Mitarbeiter entlassen. Das Haus 231 auf dem Klinikcampus C.W. Hufeland diente im Mai 1933 der SA als Kaserne und Folterstätte.
Die menschenverachtende Unterscheidung von „minder- und höherwertigem Leben“ führte seit 1934 zur Zwangssterilisation von als „erbkrank“ oder „asozial“ angesehenen Patienten. In Buch wurden aufgrund dieser Einschätzung per Operation oder Röntgenbestrahlung mehrere hundert Patienten zwangsweise unfruchtbar gemacht.
Bereits zu Beginn des NS-Regimes wurde auch ein so genanntes Tötungsprivileg für Ärzte gefordert. In der nationalsozialistischen Ideologie der „Rassenhygiene“ sollte es zur ärztlichen Aufgabe gehören – in Unterscheidung zwischem „höherwertigerem“ und „lebensunwertem Leben“ – geistig oder körperlich behinderte Menschen zu töten. Dieses schönfärberisch als „Gnadentod“ oder Sterbehilfe („Euthanasie“) bezeichnete Vorgehen blieb trotz vieler Vorstöße selbst während der NS-Zeit strafbar. Dennoch wurden schätzungsweise bis zu 100.000 Menschen im Deutschen Reich aufgrund von „Euthanasie“-Aktionen ermordet, ca. 3000 davon waren aus Buch.

Unter Einbeziehung der Berliner Heil- und Pflegeanstalten wurde 1939 die Aktion T4 (benannt nach dem Dienstsitz in der Berliner Tiergartenstraße 4) vorbereitet. Eines der Treffen fand auch in der Heil- und Pflegeanstalt Buch statt, die zu dem Zeitpunkt mit etwa 2800 Menschen belegt war. Die Verordnung von 1939 sah vor, dass die T4-Zentrale anhand zugesandter Listen eintschied, wer ermordet wurde. Zu den ersten Opfern gehörten sämtliche jüdischen Patienten, die in Buch untergebracht waren oder in einer angeordneten „Sammelaktion“ aus anderen Heimen dorthin gebracht wurden. Die Heil- und Pflegeanstalt wurde am 1. November 1940 geschlossen, es verblieben nur noch 120 Patienten in einer psychiatrischen Station.

Hirnforschung in Berlin-Buch

Das Kaiser-Wilhelm-Institut war bereits seit 1928 auf dem Gelände des heutigen Klinikcampus ansässig gewesen und erhielt ab 1930 eigene Gebäude in unmittelbarer Nähe zu den Kliniken. Hier wurde Pionierarbeit auf dem Gebiet der Neurobiologie, der Anatomie des Gehirns und der Genetik geleistet. 1937 mussten die Gründungsdirektoren gehen, auch hier wurde die Forschung in den Dienst der NS-Ideologie gestellt.

Ein Ort schweigt nicht mehr: Aufarbeitung der NS-Zeit

Viele Jahrzehnte hat es gedauert, bis die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in den Heil- und Pflegeanstalten Berlin-Buch begann. Parallel zur umfassenden wissenschaftlichen Forschung haben engagierte Bucher Bürgerinnen seit Anfang der 90er Jahre umfangreich über die Zeit der Nationalsozialismus recherchiert und mehrere Schriften veröffentlicht. Auch die Internetseite „Unbekannt verlegt. Die Heil- und Pflegeanstalt Buch im Nationalsozialismus“ informiert über die Geschichte der „Euthanasie“-Morde.
Zur Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisationen und Morde ist am 14. November 2013 auf dem Klinikcampus am Übergang von Klinikneubau und historischem Gelände ein künstlerisches Denkzeichen an die Öffentlichkeit übergeben worden.
Im Haus 206, der heutigen Akademie der Gesundheit, informiert eine Dauerausstellung über die „Euthanasie“ in der Zeit des Nationalsozialismus in den Pflege-und Heilanstalten  - wie sie seit 1934 hießen – in Berlin-Buch.
2017 erschien ein Gedenkbuch für die in Berlin-Buch direkt oder durch Abtransport in Tötungsanstalten ermordeten Patienten und Patientinnen. Es listet fast 3000 Namen auf.

Neben der Berliner Künstlerin Patricia Pisani, die die Ausschreibung gewann und das Denkzeichen realisierte, waren die Initiatoren und Unterstützer des Denkzeichens aus Bezirk, Senat, Arbeitsgemeinschaft Bund der „Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten“ sowie die Klinikgeschäftsführung, zahlreiche Bürger der Region und Mitarbeiter aus dem Helios Klinikum Berlin-Buch anwesend.


Wichtiger Standort: Die Kliniken in Berlin-Buch in der DDR

Wie schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg waren auch nach Kriegsende zunächst Lazarette in einigen Bereichen des Klinikgeländes untergebracht. Ab den 1950er Jahren bildeten sich immer mehr Fachkliniken heraus. Ein Schwerpunkt lag weiterhin auf der Behandlung von Lungenkranken, insgesamt waren aber fast alle Fachbereiche vertreten. 1963 wurden alle Kliniken als Städtisches Klinikum Buch zusammengefasst. Das Klinikum war mit ca. 3000 Betten der größte Medizinstandort der DDR. Vor allem wegen der vielen Spezial- und Schwerpunktkliniken, die es im Rest der DDR nur selten gab, genoss es einen guten Ruf.
Ende der 70er Jahre wurde die Nuklearphysik zunehmend ausgebaut und Buch entwickelte sich zum DDR-Zentrum für Strahlentherapie in der Krebsbehandlung.
Auch die psychiatrischen und psychologischen Einrichtungen gehörten zu den wenigen in der DDR. 

Streng geheim: Regierungskrankenhaus und Krankenhaus des MfS

1976 kamen zwei Krankenhäuser dazu. Nur für wenige Menschen zugänglich, befand sich das Regierungskrankenhaus der DDR auf einem neuerschlossenen Waldgrundstück an der Hobrechtsfelder Chaussee/Ecke Wiltbergstraße. Dort wurden Mitglieder der Regierung, des Zentralkomitees der SED und auch die Mitglieder des Politbüros und des Staatrats der DDR behandelt. Es stand modernste diagnostische und therapeutische Medizintechnik zur Verfügung, so auch einer von acht Computertomographen der DDR.
In unmittelbarer Nachbarschaft entstand kurze Zeit später das Krankenhaus des MfS, das so genannte Stasi-Krankenhaus, das noch abgeschotteter und ebenfalls gesondert bewacht war. Es stand ausschließlich Staatsratsmitgliedern zur Verfügung.


Unruhige Zeiten: Veränderungen in den Neunziger Jahren
 

Nach der Wende 1989 bzw. ab Anfang 1990 was das frühere Regierungskrankenhaus allen Patienten zugänglich. Mit den beiden neuen Häusern stieg die Zahl der Betten im Klinikum Buch kurzzeitig auf 4000.

In dieser Zeit war das Bucher Klinikum einschließlich der Poliklinik immer wieder von Schließung bedroht. 

Der Meilenstein: Private Trägerschaft

Am 1. Juni 2001 übernahm die Helios Kliniken GmbH das Klinikum Berlin-Buch sowie die Robert-Rössle- und die Franz-Volhard-Klinik der Charité vom Berliner Senat in private Trägerschaft. 2009 fusionierten diese beiden Spezialkliniken für Tumorerkrankungen und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit dem Helios Klinikum Berlin-Buch.
Berlin-Buch war der 20. Standort im Verbund der Helios Kliniken Gruppe, nach Erfurt deutschlandweit der zweite Maximalversorger und die erste Helios Klinik in der Hauptstadt. Die Helios Kliniken wurde 1994 durch Dr. med. Lutz Helmig gegründet und gehören seit 2005 zum Gesundheitskonzern Fresenius.

Modernste Architektur: Funktionalität im Mittelpunkt

Mit der Privatisierung verpflichtete sich Helios, einen Neubau zu errichten. Nach Vorbereitung und Planungsbestätigung begannen 2004 die Bauarbeiten in der Schwanebecker Chaussee 50.

Im Juli 2007 bezog das Helios Klinikum Berlin-Buch den neuen Krankenhauskomplex. Mehr als 230 Millionen Euro hat Helios in den Neubau investiert, davon 35 Millionen Euro in modernste Medizintechnik.
Das Haus fügt sich mit seiner Klinkerfassade und der Dreihüftigkeit optimal in die über 100-jährige traditionsreiche Bucher Krankenhauslandschaft ein. Warme Farben und viel Glas sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Die sechs großen Atrien dienen als Mittelpunkte der Bettenhäuser, Bezugspunkte und attraktive Aufenthaltsbereiche. Die bauliche Anlageform des Klinikums ist sowohl von städtebaulichen und denkmalpflegerischen Aspekten, als auch von neuesten Erkenntnissen zur Funktionsweise des Krankenhausbetriebs und beigeordneter ambulanter Bereiche bestimmt.

Heute: Das Bucher Krankenhaus für alle Fälle

Heute ist das Helios Klinikum Berlin-Buch ein Krankenhaus der Maximalversorgung mit über 1.000 Betten. Jährlich werden mehr als 52.000 stationäre und 113.000 ambulante Patienten aus Berlin und Brandenburg sowie dem In- und Ausland behandelt. Dafür stehen 21 OP-Säle, 123 Intensiv-, Intermediate Care- bzw. Neonatologie-Überwachungsplätze zur Verfügung: Hochleistungsmedizin mit moderner Medizintechnik der jüngsten Generation wie Laserchirurgie, Nuklearmedizin und allen bildgebenden Verfahren wie Tomotherapie, PET-CT, IOERT und Kardio-MRTs.