Eine Skoliose entsteht, wenn sich die Wirbelsäule seitlich verkrümmt und gleichzeitig verdreht, sodass eine S- oder C-förmige Fehlstellung entsteht. Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein.
„Es gibt verschiedene Formen der Skoliose. Bei Kindern und Jugendlichen handelt es sich entweder um angeborene Verkrümmungen, etwa durch Wirbelfehlbildungen, oder um solche, die sich im Wachstum entwickeln. Die häufigste Form ist die idiopathische Skoliose, die vermutlich genetisch bedingt ist und meist während des pubertären Wachstumsschubs erstmals sichtbar wird.
Daneben gibt es die Altersskoliose, die sich typischerweise in der fünften oder sechsten Lebensdekade entwickelt – ausgelöst durch Abnutzung, einseitige Belastungen oder degenerative Veränderungen. Jugendliche bemerken ihre Skoliose oft gar nicht selbst, weil sie zunächst keine Beschwerden verursacht. Auffällig wird sie meist für Eltern, Angehörige oder Lehrer, die beim Blick von hinten eine Verformung des Rückens erkennen. Nach der Diagnose stellt sich die Frage, ob eine Behandlung nötig ist.
Entscheidend sind vor allem der Krümmungsgrad und das Wachstumspotenzial. Liegt der Winkel unter 20 Grad, beobachtet man zunächst nur den Verlauf. Nimmt die Krümmung zu und überschreitet 20 Grad, beginnt man mit einer konservativen Therapie – in der Regel einem Korsett, kombiniert mit Physiotherapie. Steigt der Krümmungsgrad weiter an oder liegt er bereits bei der Erstdiagnose über 45 Grad, empfiehlt man eine Operation, weil konservative Maßnahmen dann nicht mehr ausreichen und langfristig ein hohes Risiko für Verschleiß und Beschwerden besteht.
Schmerzen müssen dabei nicht unbedingt vorhanden sein – selbst ausgeprägte Krümmungen können im Jugendalter symptomfrei sein. Im Erwachsenenalter sieht das anders aus. Die Patienten kommen meist wegen chronischer Beschwerden, nicht wegen der sichtbaren Verformung. Die degenerative Skoliose verursacht Rückenschmerzen, häufig auch ausstrahlende Nervenschmerzen, weil sich der Spinalkanal verengt und Nerven eingeengt werden.
Das kann zu Sensibilitätsstörungen, Muskelschwächen oder sogar Lähmungen führen. Typisch ist zudem eine veränderte Haltung: Neben der seitlichen Verkrümmung (Skoliose) entwickelt sich oft eine Vorneigung, eine sogenannte Kyphose. Beides zusammen prägt das typische Bild der Altersdeformität“, erläutert Prof. Dr. Kröber am Anfang unseres Gesprächs und geht näher auf die häufigste Form, die idiopathische Skoliose, ein:
„Hier treten die Veränderungen meist im Jugendalter auf, wobei genetische Faktoren, Wachstumsschübe und muskuläre Ungleichgewichte eine Rolle spielen. Angeborene Fehlbildungen der Wirbelkörper können bereits bei Geburt oder in der frühen Kindheit eine Skoliose verursachen, während neuromuskuläre Erkrankungen wie Muskeldystrophien oder Rückenmarksverletzungen ebenfalls zu einer seitlichen Verkrümmung führen können.
Bei Erwachsenen entwickelt sich die Skoliose oft durch degenerative Veränderungen, zum Beispiel Abnutzung, Bandscheibenschäden oder Osteoporose. Die Symptome einer
Skoliose sind vielfältig und hängen von Ausmaß und Lokalisation der Krümmung ab. Häufig fallen Schieflagen der Schultern, ungleich hohe Hüften oder ein sichtbarer Rippenbuckel auf. Betroffene können Rückenschmerzen oder Muskelverspannungen verspüren, besonders bei ausgeprägten Fehlstellungen oder im Erwachsenenalter.
Auch die Beweglichkeit kann eingeschränkt sein, und in seltenen Fällen können neurologische Symptome wie Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Schwäche in Armen oder Beinen auftreten, wenn Nervenstrukturen betroffen sind. Sehr starke Skoliosen im Brustbereich können darüber hinaus die Lungen- oder Herzfunktion beeinträchtigen. Die Symptome entwickeln sich meist schleichend und werden oft erst im Rahmen von Kontrolluntersuchungen im Jugendalter erkannt, während sie bei Erwachsenen durch Verschleißprozesse zunehmen können, wenn die Fehlstellung unbehandelt bleibt“.
Eine Skoliose wird als behandlungsbedürftig eingestuft, wenn die seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule ein bestimmtes Ausmaß überschreitet, die Fehlstellung fortschreitet oder bereits Beschwerden wie Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder funktionelle Probleme auftreten.
Krümmungen über 40 bis 50 Grad müssen häufig operativ korrigiert werden, vor allem, wenn sie fortschreiten. Auch das Alter, das Wachstumspotenzial und die Symptomatik spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung. „Bei der idiopathischen, also jugendlichen Skoliose besteht das Ziel der Operation darin, die Hauptkrümmung so weit zu korrigieren, dass sich die verbleibende Gegenkrümmung durch das weitere Wachstum von selbst ausgleichen kann.
Viele Skoliosen sind nämlich doppelkurvig: Verkrümmt sich die Wirbelsäule an einer Stelle, bildet der Körper oft eine Gegenkrümmung, um das Gleichgewicht zu halten. Da Kinder noch Wachstumspotenzial haben, konzentriert man sich operativ auf die Hauptkrümmung. Diese wird mithilfe eines Schrauben‑Stangen‑Systems – gewissermaßen wie Korsettstangen – begradigt. Die Idee dahinter ist, dass die zweite Krümmung sich durch das weitere Längenwachstum des Kindes selbst korrigiert. Das
lässt sich gut mit einem jungen, schief gewachsenen Baum vergleichen, den man an einen Pfosten bindet, damit er gerade weiterwächst.
Auf diese Weise kann man mit einer vergleichsweise kleineren Operation eine dauerhafte Korrektur erreichen, die später keine Beschwerden verursacht. Beim Erwachsenen funktioniert dieses Prinzip nicht mehr, weil kein Wachstum stattfindet. Deshalb muss die Operation dort über eine längere Strecke erfolgen, und die Korrektur umfasst beide Krümmungen. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen der jugendlichen und der altersbedingten Skoliose. Die operative Technik selbst – die Begradigung der Wirbelsäule über ein Schrauben‑Stangen‑System – ist jedoch bei beiden Formen ähnlich“, erklärt Prof. Dr. Kröber.
Eine Skoliosenchirurgie ist ein hochspezialisierter Eingriff, der darauf abzielt, die seitliche Verkrümmung und Verdrehung der Wirbelsäule zu korrigieren, das Fortschreiten der Fehlstellung zu stoppen und die Funktion der Wirbelsäule zu erhalten.
Der Ablauf beginnt in der Regel mit einer präzisen Operationsplanung, bei der die Ausmaße und die Lokalisation der Krümmung durch Röntgen-, CT- oder MRT-Aufnahmen genau bestimmt werden. Auf dieser Grundlage wird entschieden, welche Wirbelsegmente korrigiert und stabilisiert werden müssen und welche Fixationstechniken zum Einsatz kommen.
Der operative Zugang erfolgt meist über einen Rücken- oder seitlichen Zugang, je nach Lage und Art der Krümmung. Moderne Skoliosenchirurgie arbeitet fast immer mit posterioren Instrumentierungstechniken, das heißt, Schrauben und Stäbe werden auf der Rückseite der Wirbelsäule eingebracht, um die Wirbel in die gewünschte Position zu bringen und zu fixieren. Dabei kommen pedikuläre Schrauben (metallische Schrauben, meist aus Titan), konturnachgebildete Titanschienen oder flexible Stäbe zum Einsatz, die die Wirbelsäule stabilisieren und gleichzeitig die natürliche Beweglichkeit soweit wie möglich erhalten.
Hierzu erklärt Prof. Dr. Kröber: „Bei der Operation werden die Implantate eingesetzt und tief unter der Muskulatur und direkt am Knochen verankert. Von außen sieht oder spürt man sie nicht. Diese Implantate stabilisieren die Wirbelsäule, richten sie durch biomechanische Techniken auf und halten sie dauerhaft in der korrigierten Position.
Deshalb werden sie später auch nicht wieder entfernt – sie bleiben in der Regel im Körper. Wie viele Schrauben dabei verwendet werden, hängt von der Länge der zu korrigierenden Krümmung ab. Pro Wirbel werden meist zwei Schrauben gesetzt, sodass es bei größeren Krümmungen durchaus bis zu 20 Schrauben sein können. Das zeigt auch, wie umfangreich solche Wirbelsäulenoperationen sind. Gerade die Korrektur einer Skoliose gehört zu den größten Eingriffen, die man in diesem Bereich durchführt“.
Während der Operation wird die Wirbelsäule unter kontinuierlicher neurologischer Überwachung (Intraoperative Neurophysiologie) kontrolliert, um sicherzustellen, dass Nervenstrukturen nicht geschädigt werden.
„Viele Patienten haben zunächst große Angst vor einer Skolioseoperation, vor allem wegen der Sorge vor möglichen Lähmungen. Bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich jedoch, dass sie den Eingriff meist erstaunlich gut verkraften: Sie erholen sich schnell, werden früh wieder mobil und empfinden die postoperativen Schmerzen oft als deutlich geringer als erwartet. Natürlich besteht – wie bei jeder Wirbelsäulenoperation – grundsätzlich das Risiko einer Nerven- oder Rückenmarksverletzung.
Dieses Risiko lässt sich heute jedoch nahezu auf Null reduzieren, weil während der gesamten Operation die Nervenleitfähigkeit gemessen wird. Dieses Neuromonitoring zeigt sofort an, wenn ein Nerv irritiert oder durch eine Schraubenfehlposition gefährdet ist, sodass man unmittelbar korrigieren kann. Dadurch sind dauerhafte Nervenschäden, die früher das Hauptrisiko darstellten, heute extrem selten. Die Klinik führt jährlich etwa 60 bis 80 solcher Eingriffe durch – nicht nur bei Jugendlichen, sondern vor allem bei Erwachsenen mit Altersskoliose, deren Zahl aufgrund der steigenden Lebenserwartung deutlich zunimmt.
Die Operationsdauer variiert: Bei Jugendlichen dauert der Eingriff rund zwei Stunden, bei Erwachsenen aufgrund der komplexeren Ausgangslage fünf bis sieben Stunden. Trotz der Größe des Eingriffs wird er auch älteren Patienten empfohlen. Dank moderner Anästhesie, intensivmedizinischer Betreuung und verbesserter Operationstechniken lassen sich viele Risiken heute gut kontrollieren, sodass selbst 70- oder 80‑jährige Patienten erfolgreich operiert werden können“, so Prof. Dr. Kröber und ergänzt:
„Wenn eine Operation aufgrund der Narkosefähigkeit eindeutig ausgeschlossen ist, kann der Eingriff natürlich nicht durchgeführt werden. Dann bleibt nur die weitere konservative Behandlung, meist in Form einer Schmerztherapie – so wie es der Patient ohnehin schon über Jahre gewohnt ist. Grundsätzlich ist die Entscheidung für oder gegen eine Operation aber immer individuell und hängt stark davon ab, wie sehr die Lebensqualität beeinträchtigt ist.
Jeder Mensch bewertet seine Belastbarkeit und seinen Anspruch an den Alltag anders, selbst zwei gleichaltrige Patienten können völlig unterschiedliche Maßstäbe haben. Deshalb muss man immer das Risiko gegen den möglichen Nutzen abwägen.
Wichtig ist auch, dass Patienten verstehen, was sie realistisch erwarten können. Der Effekt der Operation tritt nicht sofort ein, sondern entwickelt sich über Monate. Die Operation schafft zunächst die strukturellen Voraussetzungen, und erst nach drei bis sechs Monaten Rehabilitation zeigt sich das eigentliche Ergebnis. Studien und Erfahrungen zeigen jedoch, dass sich die Lebensqualität danach deutlich verbessert und die Zufriedenheit der Patienten hoch ist“.
Ziel der modernen Skoliosenchirurgie ist es nicht nur, die Fehlstellung zu korrigieren, sondern auch Sicherheit, Schonung der Nerven und eine nachhaltige Wiederherstellung der Mobilität zu gewährleisten.
„Nach der Operation bleibt der Patient je nach Größe des Eingriffs etwa zehn bis vierzehn Tage im Krankenhaus, im Durchschnitt rund zehn Tage. Danach geht er nach Hause, schont sich zunächst und erholt sich vom Eingriff. Etwa sechs Wochen später
beginnt die Physiotherapie oder Rehabilitation – entweder ambulant oder stationär, je nach persönlichem Bedarf und individueller Belastbarkeit.
Die Nachsorge erfolgt in klaren Schritten: Nach sechs Wochen findet eine erste Kontrolluntersuchung statt, also unmittelbar vor Beginn der Reha. Eine weitere Kontrolle erfolgt nach etwa einem halben Jahr, wenn der maximale Effekt der Operation erreicht ist und die Abschlussuntersuchung ansteht“, verdeutlicht Prof. Dr. Kröber und klärt über den Erfolg der Operation auf:
„Ob die Beweglichkeit nach der Operation wieder zu 100 % hergestellt ist, lässt sich so nicht beantworten, denn im Vordergrund steht nicht die vollständige Beweglichkeit, sondern die Schmerzreduktion und damit die Verbesserung der Lebensqualität. Diese verbessert sich in der Regel deutlich, auch wenn eine komplette und dauerhafte Schmerzfreiheit selten erreicht wird.
Ziel ist es, die über Jahre entstandenen chronischen Beschwerden so weit zu lindern, dass der Patient wieder zufrieden ist, weniger starke Schmerzmittel braucht oder sie sogar ganz absetzen kann. Um den Erfolg messbar zu machen, arbeitet man mit einer Schmerzskala von 0 bis 10, die vor und nach der Operation erhoben wird“.
Was passiert, wenn eine Skoliose nicht behandelt wird?
Viele Betroffene zögern aus Angst oder Unsicherheit – oft über Jahre. Dadurch verschlechtert sich die Situation weiter: Die Schmerzen nehmen zu, die Verkrümmung schreitet fort und konservative Maßnahmen helfen immer weniger. Viele Patienten berichten nach einer späten Operation, dass sie den Eingriff viel früher hätten machen sollen. Entscheidend ist daher Aufklärung: Es gibt wirksame Behandlungsoptionen jenseits reiner Schmerztherapie, und ein frühzeitiger Schritt in ein spezialisiertes Zentrum kann viel Leid ersparen.
In Deutschland haben schätzungsweise rund 900.000 Menschen eine Skoliose, wobei nur ein Teil dieser Patienten eine operative Behandlung benötigt. Operativ korrigiert wird in der Regel nur ein kleiner Prozentsatz, nämlich diejenigen, bei denen die Krümmung stark ausgeprägt ist, fortschreitet oder bereits zu Schmerzen, Funktionseinschränkungen oder Haltungsschäden führt.
„Bei einer so großen Wirbelsäulenoperation ist es entscheidend, dass Patienten genau darauf achten, in welchem Zentrum sie sich behandeln lassen. Das Wichtigste ist die chirurgische Expertise – sie muss eindeutig vorhanden sein. Von dort aus ergibt sich alles Weitere: Eine leistungsfähige Intensivmedizin und Anästhesie, ein etabliertes Neuromonitoring während der Operation und eine Infrastruktur, die Eingriffe auf höchstem Niveau ermöglicht.
Ebenso wichtig ist die qualifizierte Nachsorge, also gut geschulte Physiotherapeuten und ein eingespieltes Behandlungsteam. Damit Patienten all das erkennen können, ist eine
transparente Außendarstellung wichtig – über Internetseiten, Informationsmaterial oder Gespräche wie dieses, die zeigen, worauf es ankommt.
Natürlich benötigen nicht alle der betroffenen Personen eine Operation, aber der Bedarf an guter Therapie ist groß. Tatsächlich werden nur wenige Hundert bis vielleicht etwas über tausend Skolioseoperationen pro Jahr durchgeführt. Das liegt auch daran, dass es nur wenige Zentren gibt, die auf diesem Gebiet wirklich spezialisiert sind und solche komplexen Eingriffe auf hohem Niveau beherrschen“, macht Prof. Dr. Kröber deutlich.