Herr Tullius, wo passieren die meisten Notfälle?
Markus Tullius: Zuhause, im Arbeitsumfeld und im öffentlichen Raum – und nicht, wie man landläufig noch immer oft vermutet, im Straßenverkehr. Verkehrsunfälle mit Todesfolge haben sich in den letzten 40 Jahren drastisch reduziert. Erste-Hilfe-Kurse ausschließlich an den Führerscheinerwerb zu koppeln, ist deshalb nicht mehr zeitgemäß.
Wenn wir lebensrettende Sofortmaßnahmen einleiten, egal ob als Laien auf der Straße oder als Ärzte in der Klinik, sind in der Regel Herz-Kreislauf-Störungen die Auslöser. Dabei spielt die zunehmende Überalterung der Bevölkerung mit den typischen Folgen wie Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkt eine entscheidende Rolle.
Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. schätzen sich nur 15 Prozent der Befragten als sehr sicher beim Thema Erste Hilfe ein. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Da gibt es eine einfache Erklärung. Die allermeisten kommen nur einmal in ihrem ganzen Leben mit dem Thema in Kontakt – nämlich dann, wenn sie in jungen Jahren einen Führerschein erwerben. Darüber hinaus gibt es kaum Veranlassung, sich im Alltag aktiv mit Erste-Hilfe-Maßnahmen zu befassen.
Sollte es eine gesetzliche Verpflichtung geben, regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse zu absolvieren?
Nein, das lehne ich ab. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Einzelne selbst entscheiden muss, in welcher Form er Verantwortung für sich und andere übernimmt. Ich glaube daran, dass die Menschen durch gute Angebote von der Sinnhaftigkeit des Erwerbs von Erste-Hilfe-Kompetenzen überzeugt werden können. Durch Zwang erreichen wir nichts Gutes.
Was wäre ein besserer Ansatz?
Der Ansatz, den ich bevorzuge: Erste Hilfe turnusmäßig in den Schulen als Bestandteil des Unterrichts anzubieten. Wir haben in Deutschland eine allgemeine Schulpflicht, und dort sehe ich den Platz, wo Kinder schon von klein auf die Kompetenzen erwerben können, das Helfen zu lernen. Auf spielerischem Weg kann man so früh das Interesse an Erster Hilfe wecken und dauerhaft lebendig halten – und erreicht praktisch die gesamte Bevölkerung.
Schon im Grundschulalter sollten Kinder erkennen können, wenn es Mama oder Opa nicht gut geht. Es sollte wie das Binden von Schnürsenkeln in Fleisch und Blut übergehen, die 112 zu wählen und die Adresse sagen zu können, damit Hilfe kommt. Wenn man dann die Schule verlässt, kennen die Jugendlichen die wichtigsten Bausteine und sind für Notsituationen sensibilisiert.
Wie die erwähnte Umfrage zeigt, sind aber auch schon die meisten Erwachsenen mit dem Thema Erste Hilfe überfordert.
Festzustellen ist, dass es große Berührungsängste gibt. Dementsprechend schwierig ist es für viele, zu handeln, wenn es darauf ankommt. Denn normalerweise kommt man nur sehr selten – und fast immer unerwartet – in eine solche Situation. Viele hadern dann, weil sie nicht in der Lage sind, sich zu entscheiden und ins Tun zu kommen. Und insbesondere für Jüngere, die in ihrem Leben kaum mit Krankheit oder Verletzungen konfrontiert worden sind, wirkt das Thema sehr weit weg. Mit zunehmender Lebenserfahrung verändert sich das Bewusstsein dafür – zumindest bei einigen.
Was beobachten Sie bei Ihren eigenen Kursen und Seminaren?
Ich sehe bei vielen Teilnehmern, dass sich immer noch ganz spezielle Mythen halten. Und die haben fast immer mit Nebensächlichkeiten zu tun. Zum Beispiel wird diskutiert, welche Seite der Rettungsdecke warmhält oder kühlt und welches Bein zuerst abgelegt werden muss, wenn man eine stabile Seitenlage einrichtet. Wenn ich dann nachfrage, was eine Seitenlage überhaupt bewirken soll, sehe ich oft fragende Gesichter. Man verheddert sich also in Nebensächlichkeiten ohne Relevanz, wenn es eigentlich auf jede Sekunde ankommt.
Was ist das Mindeste, was jeder tun können muss, wenn er einen anderen Menschen in einer Notlage vorfindet?
Einen Notfall erkennen! Rechtlich wäre das Mindestsoll erfüllt, wenn man sofort sein Smartphone rausholt und den Notruf 112 wählt. Als Kernkompetenzen sollten die Atemwege freigemacht werden, eine Atemprüfung erfolgen und eine Herzdruckmassage durchgeführt werden können.
Ab wann ist ein Mensch definitiv ein Notfall?
Es gibt zwei Kriterien, um einen lebensbedrohlichen Notfall zu beurteilen: Atmung und Bewusstsein. Beides ist mit einfachen Mitteln feststellbar. Die entscheidende Frage lautet dann: Ist Atmung vorhanden? Dann heißt es, den Kopf zu überstrecken, um das Verlegen der Atemwege zu verhindern und eine Atemprüfung durchführen zu können. Gegebenenfalls schließt sich eine Herzdruckmassage an. Dieses Schema sollte man auch Jahrzehnte nach einem Kurs noch im Kopf haben.
Was kann man als Laie falsch machen?
Absolut falsch ist, bei Erster Hilfe gar nichts zu machen! Und an dieser Stelle will ich gleich mit einer weiteren Legende aufräumen: Niemand, der im Notfall aktiv handelt, ist in Deutschland jemals strafrechtlich für Fehler belangt worden. Nur wer passiv bleibt und wegsieht, macht einen Fehler! Der Laie muss eigentlich nur wenige Dinge kennen, die uns in der Klinik entscheidend weiterhelfen, wenn der Patient in die Notaufnahme kommt.
Man kann es nicht oft genug betonen: Wenn jemand bewusstlos ist und man macht die Atemwege nicht frei, wird derjenige fast sicher ersticken. Das ist eine vermeidbare Todesursache, die jeder auch ohne medizinisches Wissen verhindern kann. Das Zweite ist: Jeder, der einen Herz-Kreislaufstillstand hat und unmittelbar darauf eine Herzdruckmassage bekommt oder eine Defibrillation mit einem Laiengerät (AED), wie sie mittlerweile an vielen Orten verfügbar sind, hat eine deutlich höhere Überlebenschance, wenn er ins Krankenhaus eingeliefert wird.
Was erwartet die Teilnehmer Ihrer Kurse zum Thema, die Sie in der Helios Klinik Wipperfürth anbieten?
Zunächst einmal sind die Teilnehmer freiwillig und aus Interesse in unserem Workshop. Das macht schon einen großen Unterschied zu Pflichtveranstaltungen, und ich erlebe engagierte Menschen aller Altersklassen.
Unabhängig vom Wissen ist es allerdings eine Frage der Einstellung, in Notfallsituationen aktiv zu werden. Und an dieser Einstellung wird in meinen Kursen gearbeitet. Ich zeige beispielsweise dem Publikum Videos von solchen Situationen. Jeder, der sie sieht, sagt: „Nein, das glaube ich nicht. Da muss man doch was tun! Wie kann man da wegsehen?“ Ich behaupte aber: Wenn dieselben Menschen morgen in der gleichen Situation sind, kann es aus verschiedenen Gründen passieren, dass sie trotzdem weitergehen oder nicht anhalten.
Ich will aber das Gegenteil: Indem ich im Bewusstsein etwas verändere, am Mindset arbeite. Wenn es da Klick macht, habe ich das Ziel meines Kurses erreicht. Ich vermittle Dinge, mit denen Laien Leben retten können – und die im schlimmsten Fall zum Tod führen können, wenn man sie nicht anwendet. So hart das klingt: Darüber sollte sich jeder im Klaren sein.