Boreout versus Burnout© Foto: Canva
Symptome richtig deuten

Boreout versus Burnout

Berlin

Langeweile als Krankheitsfaktor? Das klingt erst einmal für viele unglaublich. Und selbst wenn, nichts leichter, als selbst etwas dagegen zu tun, oder? "Deine Probleme möchte ich haben", müssen sich deshalb viele Betroffene anhören, die von ihrem „Boreout“ erzählen.

Sie fühlen sich unterfordert und haben das Gefühl, dass ihr Potenzial permanent ungenutzt bleibt. Das Phänomen tritt vor allem in der Arbeitswelt auf, seltener im Alltag. Wie viele Betroffene es gibt, ist unklar – Boreout ist bisher keine anerkannte Diagnose.  

Was ist Boreout?

Frau am Schreibtisch gelangweilt
Unterforderung oder Langeweile im Job können einen Boreout begünstigen | Foto: Canva

Eine medizinische Definition des Begriffs Boreout gibt es nicht. "Boreout wird oft als Erschöpfungszustand beschrieben, der durch Unterforderung oder Langeweile hervorgerufen wird. Ein Mensch möchte aktiv sein, seine Begabungen zur Anwendung bringen, gute Kontakte am Arbeitsplatz haben und vor allem wissen und erleben, dass die Arbeit Sinn macht", so Prof. Andreas Broocks, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie in den Helios Kliniken Schwerin.

Jemand hat ein aufwändiges Studium absolviert, findet aber keinen angemessenen Arbeitsplatz, schlägt sich so durch mit Gelegenheitsjobs – und leidet. Zu viel Zeit, die nicht sinnvoll gefüllt werden kann. Ein anderer ist beruflich irgendwie auf ein Abstellgleis geraten: es ist eine gesicherte Stelle, zum Beispiel in einer Behörde. Aber der Inhalt der Arbeit wird langweilig, es ist nicht das, was man eigentlich machen wollte. Oft wären die Aufgaben mittags bereits fertig, aber es müssen noch einige Stunden abgearbeitet werden. Dann meldet sich wieder dieses Gefühl einer gewissen Sinnlosigkeit. Und Ärger: man denkt an Vorgesetzte, die deutlich weniger qualifiziert und geeignet erscheinen, als man es selbst gewesen wäre. Vieles könnte besser laufen, aber die eigenen Einflussmöglichkeiten sind begrenzt bis nicht vorhanden.

Alles hinschmeißen“, dieser Gedanke meldet sich immer wieder mal, aber wie wäre man dann abgesichert? Würde man eine andere ausreichend bezahlte Stelle finden? - Am Ende kann dies zu Grübelzwängen, Schlafstörungen und depressiven Verstimmungen führen". Angestellte geraten öfter als Freiberufler in die Boreout-Falle, wenn ihnen Aufstiegschancen und Möglichkeiten zur freieren Gestaltung der eigenen Arbeit fehlen", so der Chefarzt. Allerdings – in der Corona-Pandemie sind gerade Freiberufler viel stärker von Nachteilen und Sorgen betroffen.
 

Boreout wird oft als Erschöpfungszustand beschrieben, der durch Unterforderung oder Langeweile hervorgerufen wird.

Prof. Andreas Broocks, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie | Helios Kliniken Schwerin

Welche Symptome gibt es beim Boreout?

Ein Boreout äußert sich vor allem in körperlicher und psychischer Erschöpfung, obwohl auf den ersten Blick kein Grund dafür besteht. Die üblichen Verdächtigen wie Stress, zu kurze Tage und körperliche Auslastung sind nicht vorhanden.

Einige Betroffene leiden unter:

  • Magen-Beschwerden
  • Kopfschmerzen und Schwindel
  • Tinnitus
  • häufige Erkältungen und andere Infekte

Dazu kommen vielfach:

  • Schlafstörungen
  • Depressionen
  • Gereiztheit

Was ist Burnout

Frau erschöpft am Schreibtisch
Zu viel Stress im Beruf kann zu einem Burnout führen | Foto: Canva

Auch für einen Burnout gibt es keine feststehende Diagnose. Ebenso wie der Boreout ist es ein Erschöpfungszustand, der aber nicht aus Langeweile, sondern aus Stress entsteht. Die Work-Life-Balance gerät über einen längeren Zeitraum komplett aus den Fugen. Die Betroffenen brennen für ihren Beruf, gern auch abends oder am Wochenende.

Und plötzlich merken sie: es ist alles zu viel geworden, die Arbeit macht keine Freude mehr. Wenn man da nicht rechtzeitig gegensteuert, kann sich der Zustand weiter in Richtung Depression verschlechtern, ausgebrannt – und dann ist oft eine längere Auszeit erforderlich.

Welche Symptome gibt es beim Burnout?

Die Symptome beim Burnout können sich sowohl körperlich als auch psychisch äußern. Die unspezifischen Symptome erschweren das frühzeitige Erkennen, da sie einzeln auftretend auch andere Ursachen haben könnten.

Körperliche Symptome können sein:

  • Schlafstörungen
  • schlechte Konzentration
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Atembeschwerden
  • ständiges Druckgefühl

Psychische Symptome sind häufig

  • Depressionen
  • Angstzustände
  • komplette Erschöpfung
  • Versagensängste
  • Gedächtnisprobleme
  • verringerte Entscheidungsfähigkeit

Im Arbeits- und familiären Umfeld fallen Betroffene oft als sehr distanziert auf. Sie geben sich zynisch, da ein Ausweg aus der Situation nicht zu sehen ist.

Wie begünstigt die Corona-Pandemie das Risiko eines Boreouts oder Burnouts?

Koch im leeren Restaurant
Plötzlich bleibt die die Perspektive im Job aus - was nun? | Foto: Canva

In bestimmten Berufsgruppen, zum Beispiel in den Krankenhäusern oder in der Altenpflege, gab es plötzlich viel mehr zu tun als vor Corona. Teilweise fallen Kolleginnen und Kollegen aus, so dass noch mehr Schichten übernommen werden müssen. Die eigene Angst vor einer Erkrankung muss erst einmal zurückgesteckt werden. Und zuhause warten die Kinder, die den ganzen Tag nichts zu tun hatten und Aufmerksamkeit brauchen. Das schlaucht jeden und kann schnell zur Burnout-Falle werden.

Auf der anderen Seite gab es diejenigen, die auf einmal komplett von 100 auf 0 runterfahren mussten. Viele Menschen konnten durch den Lockdown plötzlich nicht mehr das tun, für das sie eigentlich brennen. Geschäfte und Restaurants wurden geschlossen, die Angestellten mussten zu Hause bleiben. Fitnesstrainer standen vor dem geschlossenen Studio, Kulturveranstaltungen waren plötzlich nicht mehr möglich – die Proben für die nächste Theateraufführung waren schon sehr weit gediehen, aber macht es Sinn, mit den Proben in irgendeiner Form weiter zu machen, soweit das überhaupt erlaubt ist, bei einer völlig unsicheren Perspektive?

Student am Schreibtisch mit Büchern
Studierende kommen im Studium nicht mehr voran | Foto: Canva

Plötzlich hat man mehr Zeit, als man sich gewünscht hätte. Anfangs geht das noch, endlich mal Haus und Keller aufräumen – und die Bücher sortieren. Zum Glück gibt es auch interessante Sendungen im Fernsehen. Aber die meisten Menschen wollen etwas tun – aktiv und sinnvoll.

Studenten wollen in ihrem Studium vorankommen – und in der Firma gäbe es auch viel zu tun. Das Übermaß freier Zeit wird zur Qual: alles stockt. Irgendwie hat man wieder einen Tag geschafft – irgendwie die Zeit totgeschlagen – und zurück bleibt ein Gefühl der Frustration.

Dann kommen die Sorgen: wenn aus der Kurzarbeit am Ende eine Langzeitarbeitslosigkeit wird? "Wer seinen Tag nicht strukturieren kann und selbst für Abwechslung sorgt, kann schnell in die Boreout-Falle laufen. Anspruchsvolle Aufgaben - oder auch Freizeitspaß  -  sind nicht leicht zu finden, wenn alles eingeschränkt ist", so Chefarzt Prof. Broocks.
 

Wenn man darauf brennt, nach Ende der Coronakrise in kurzer Zeit alles nachholen zu wollen: dann könnte es wieder im Burnout enden.

Prof. Andreas Broocks, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie | Helios Kliniken Schwerin

Gegen Boreout oder Burnout angehen – wie gelingt das?

Grundsätzlich wichtig ist, sich mit der Problematik zu beschäftigten. Dazu gibt es kurze und hilfreiche Bücher, zum Beispiel „Zeitkrankheit Burnout“ von Martin Grabe oder „Bore-Out – Biografien der Unterforderung und Langeweile“ von Elisabeth Prammer.

Dann geht es um ganz konkrete Veränderungen der Arbeitssituation, da braucht es häufig eine Portion Mut für den ersten Schritt, aber es lohnt sich. Unter Umständen kann dies auch bedeuten, sich einen neuen Job zu suchen. Ein regelmäßiges und ausreichend intensives körperliches Training trägt maßgeblich dazu bei, sich wieder wohler in seiner Haut und auch insgesamt belastbarer zu fühlen.

Manche Menschen müssen lernen, sich im Beruf besser abzugrenzen, auch, um wieder mehr Zeit zu haben für andere Aktivitäten und für Lebensbereiche, die aus Zeitmangel vernachlässigt wurden. Ein klärendes Gespräch mit dem Chef kann zu neuen Aufgaben und neuen Herausforderungen führen. Grundsätzlich helfen innere Werte dabei, sich nicht „verbiegen“ zu lassen. Wer merkt, dass er allein nicht weiterkommt, sollte rechtzeitig psychotherapeutische Hilfe suchen. Auf jeden Fall sollte gehandelt werden, bevor sich eine manifeste depressive Erkrankung eingestellt hat.

Auf den Körper hören und Symptome ernstnehmen

Junge Frau betrübt
Betroffene sollten sich nicht scheuen nach Rat zu fragen | Foto: Canva

Die Anzeichen für einen Boreout oder Burnout zu erkennen, ist manchmal schwierig. Erst wenn die unspezifischen Symptome gehäuft auftreten, erkennen die meisten Mediziner einen Zusammenhang. Deshalb sollte bei körperlichem und psychischem Unwohlsein immer auch die Lebenssituation der Betroffenen mit einbezogen werden. Wer viel Stress erfährt oder sich häufig langweilt, sollte unbedingt ein Gespräch mit Vorgesetzten suchen oder schauen, wie eigene Aufgaben verändert werden könnten. Sprechen Sie in Corona-Zeiten mit Partnern, Freunden oder Familie über Ihre Probleme.

"Wer das Gefühl hat, dass Burnout oder Boreout bei ihm oder ihr eine Rolle spielen könnten, sollte mit einem Arzt oder Therapeuten sprechen", so Prof. Andreas Broocks. Wenn sich die psychische Krise zuspitzt, gibt es auch jederzeit sofortige Hilfe über den kassenärztlichen Notdienst oder eine Klinik.