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Im Gespräch mit Ensar Karapinar

Ensar Karapinar, stellvertretender Stationsleiter unserer Notaufnahme, ist der Kultur-Botschafter für die Türkei. Im Interview verrät er, warum ein Kuhfladen seine Kindheit prägte, wo man in der Türkei am besten Paragliding macht und warum ein einfacher Sesamring für ihn das größte Glück bedeutet.

Heimat & Wurzeln: Zwischen Bayburt und dem Bauernhof

Woher genau kommst du?

Ich bin in Deutschland geboren und sehe mich als Deutschtürke. Aber meine Eltern stammen aus Bayburt, einer Provinz in der Zentraltürkei, etwa zwei Stunden vom Schwarzen Meer entfernt. Mein Vater kam schon mit 12 Jahren nach Deutschland, weil er hier wegen einer schweren Augenverletzung operiert werden musste. Mein Großvater war damals schon als Gastarbeiter hier und hat dann seine Familie nachgeholt. Meine Eltern haben sich dann in einem kleinen türkischen Lokal kennengelernt, das mein Großvater betrieb – sie wurden sozusagen verkuppelt!
 

Was ist deine schönste Kindheitserinnerung an die Türkei?

Die intensivsten Momente habe ich in den Sommerferien in Erzincan erlebt, auf dem kleinen Landhaus meiner Großeltern. Das war eigentlich ein kleiner Bauernhof mit Kühen und Hühnern zur Selbstversorgung. Als ich mit 6 das erste Mal dort war, ist das erste, was ich tat, mit dem Fuß in einen Kuhfladen zu treten! (lacht) Dieses Bild und das Gefühl habe ich heute noch im Kopf. Es war einfach herrlich... Urlaub!

Zwischen Herzlichkeit und Stolz: Die feinen Signale der türkischen Kultur

Wer die türkische Kultur verstehen will, darf nicht nur auf die Worte hören, man muss sie fühlen. In der Türkei ist Kommunikation weit mehr als Sprache; sie ist eine Mischung aus tiefer Herzlichkeit, Stolz und einem feinen Gespür für Respekt. Während in Deutschland vieles sachlich und logisch abläuft, kommunizieren wir extrem stark über Körpersprache und Emotionen.
 

Genau hier entstehen oft Missverständnisse. Ein kurzes Schnalzen mit der Zunge oder das Zurückwerfen des Kopfes bedeutet bei uns ein klares „Nein“ - eine Geste, die in Deutschland oft gar nicht als Ablehnung erkannt wird. Auch bei Handzeichen ist Vorsicht geboten: Was hier als „Daumen hoch“ oder „OK“ positiv besetzt ist, kann in der Türkei als schwere Beleidigung aufgefasst werden.
 

Ein Herzstück unserer Kultur ist aber die Gastfreundschaft. Ein Gast ist bei uns fast schon heilig. Es geht nicht nur darum, jemanden zu bewirten, sondern ihm das Gefühl zu geben, vollkommen willkommen zu sein.
 

Ein großer Unterschied ist die Distanz: Bei uns sind Nähe und leichter Körperkontakt Zeichen von Höflichkeit. Wer zu distanziert bleibt, wirkt schnell kühl oder unhöflich. Mein Rat für das Miteinander: Wer respektvoll bleibt, auf diese nonverbalen Signale achtet und nicht alles nur „deutsch korrekt“ analysiert, findet schnell einen herzlichen Zugang. Nationalstolz und der Respekt vor Vorbildern wie Atatürk sind uns wichtig, hier sollte man mit Kritik von außen sehr feinfühlig umgehen.

Kultur & Geheimtipps: Von Fethiye bis Mardin

Dein persönlicher Geheimtipp für die Türkei?

Wenn ich heute in die Türkei fahre, dann meist in den Urlaub. Mein absoluter Favorit ist Fethiye, eine Stadt am Mittelmeer mit einer unvergleichlichen Bucht und umgeben von Gebirgsketten. Dort kann man herrlich Paragliding machen, schöne Bootstouren zu den kleinen Inseln unternehmen oder Konzerte im Amphitheater erleben. Wer es lieber etwas kultureller mag, dem empfehle ich Mardin, eine Stadt nahe der syrischen Grenze. Dort leben verschiedene Religionen friedlich zusammen, es gibt wundervolle Kirchen und Klöster, kleine Steindörfer und eine atemberaubende Landschaft.

Kulinarik: Die Liebe zum Simit

Wenn du an das Essen in der Türkei denkst, was kommt dir sofort in den Sinn?

Die türkische Küche ist so vielfältig! Es gibt tolle Fleischgerichte wie Kebab, aber auch viel Gemüse wie gefüllte Wein- oder Weißkohlblätter, Auberginen und Paprika. Aber ich persönlich liebe alles, was mit Teig zu tun hat. Ich könnte stundenlang vor einer türkischen Bäckerei stehen... Am allerliebsten mag ich Simit, einen Sesamring, der ungefähr so groß ist wie eine Brezel, mit einem einfachen schwarzen Tee dazu.



Was macht Simit für dich so besonders?

Mit Simit und schwarzem Tee verbinde ich die vielen gemütlichen Nachmittage mit der Familie. Das Beisammensein, die Gespräche, die nur unterbrochen werden, wenn es wieder ans Essenmachen geht. Den Tee dürfen bei uns übrigens auch schon die Kinder trinken, natürlich in verdünnter Form.