Im Rahmen unseres Interkulturellen Jahres sprechen wir diesen Monat mit Mohammed Alhmidi, Leitender Oberarzt in unserer Klinik, über den Ramadan. Er gibt uns einen sehr persönlichen und herzlichen Einblick in eine Zeit, die für Muslime auf der ganzen Welt von großer Bedeutung ist.
Was bedeutet der Ramadan ganz persönlich für Sie – nicht religiös erklärt, sondern wirklich emotional / tief im Inneren?
Für mich ist der Ramadan sehr wertvoll. Es ist die Zeit, in der ich mich Gott am nächsten fühle. Ich habe das tiefe Gefühl, dass die Fehler, die ich gemacht habe, durch das Fasten und Beten im Ramadan gelöscht werden. Das gilt aber nicht für Verfehlungen gegenüber Menschen. Wenn man gestritten oder jemandem Unrecht getan hat, muss man das mit den Menschen klären, sich entschuldigen und bereuen.
Die Atmosphäre im Ramadan hat für mich eine enorme Bedeutung. Das gemeinsame Frühstück mit der Familie zwischen 4:30 Uhr und 5 Uhr morgens, das gemeinsame Beten und das gemeinsame Abendessen nach meiner Arbeit – darauf freue ich mich sehr. In dieser Zeit rückt für mich auch das Lesen des Korans in den Vordergrund, weshalb der Ramadan auch „Koranmonat“ genannt wird.
Was ist im Ramadan für Sie am schwierigsten – gerade im Alltag in Deutschland – und was gibt Ihnen in dieser Zeit besonders Kraft?
Herausfordernd ist der Umgang mit muslimischen Patienten, die unbedingt fasten wollen, obwohl es gesundheitlich schwierig ist. Oft kommen gerade junge Frauen mit Kreislaufproblemen zu uns. Dann verbiete ich ihnen als Arzt das Fasten und versuche, ihnen das Verbot verständlich zu machen. Die Gesundheit steht trotz allem an erster Stelle, auch im Koran. Das Gebot „Schade deinem Körper nicht" ist hier ganz zentral. Meine Frau zum Beispiel fastet zurzeit nicht, da sie unseren kleinen Sohn stillt – und das ist natürlich völlig in Ordnung. Grundsätzlich kann man das Fasten nachholen oder eine Mahlzeit pro Tag an bedürftige Menschen spenden. Das machen wir als Familie: Mein Bruder hat ein Restaurant in Aleppo und verköstigt auf meine Kosten eine bedürftige Familie. So kann man auch etwas Gutes tun, wenn man selbst nicht fasten kann. Das gilt auch für mich: Wenn ich 24-Stunden-Dienste habe oder fliege, trinke ich trotzdem – nicht mit Absicht und nicht sehr viel, aber so viel, dass mein Körper gesund bleibt. Dieser Grundsatz, gut auf sich zu achten, wird im Ramadan noch präsenter.
Kraft gibt mir in dieser Zeit vor allem das Lesen des Korans und die Gemeinschaft mit meiner Familie. Aber natürlich auch die Vorfreude auf das Zuckerfest, welches wir immer mit der Familie und Freunden feiern. Dafür reise ich für zwei bis drei Wochen auf Heimatbesuch nach Syrien. Vorher werden neue Kleider gekauft und man geht zum Friseur. (schmunzelt) Der Friseur macht kurz vor dem Zuckerfest immer das Geschäft seines Lebens! Alle putzen sich für dieses besondere Fest heraus.
Lassen Sie die anderen an Ihrer Religion teilhaben oder leben Sie sie lieber ganz im Stillen? Falls Sie andere teilhaben lassen – begegnen Sie Verständnis oder eher Unverständnis?
Ich lasse andere gern teilhaben. Ich verschenke Datteln und freue mich über Fragen nach meinem Wohlergehen oder einfach nur: „Wie fühlst du dich, wie geht’s dir?“. Ich finde es auch gut, dass es im Klinikum einen Gebetsraum für das Mittagsgebet gibt. Es braucht nur fünf Minuten und gibt so viel Kraft. Manchmal gibt es aber auch Unverständnis oder hämische Kommentare, warum ich das mache. Das gehört leider auch dazu.