Was bedeutet der Ramadan ganz persönlich für Sie – nicht religiös erklärt, sondern wirklich emotional?
Ramadan bedeutet für mich innere Ruhe.
Eine Reinigung – nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Es ist, als würde man einmal im Jahr bewusst innehalten und alles neu ordnen.
Viele Gefühle im Ramadan lassen sich schwer erklären. Es ist eine direkte, intensivere Verbindung zu Gott – eine Nähe, die man nicht beschreiben, sondern nur spüren kann.
Für mich ist der Ramadan auch eine jährliche Selbsterziehung. Eine ehrliche Überprüfung meiner eigenen Taten: Was tue ich? Warum tue ich es? Ist es richtig? Kann ich es besser machen? Dazu gehört auch, bewusst Konflikte zu lösen. Alte Spannungen, Streit oder negative Gefühle nicht mitzunehmen, sondern loszulassen. Ramadan ist für mich die Zeit, Hass abzubauen, Probleme zu klären und mit einem gereinigten Herzen weiterzugehen.
Gleichzeitig vertieft der Ramadan die familiären Bindungen.
Die Beziehung zu meiner Frau und meinen Kindern wird bewusster, intensiver. Aber auch zu meinen Eltern, Geschwistern und Freunden entsteht eine besondere Nähe. Man nimmt sich mehr Zeit füreinander – und das verbindet auf eine sehr tiefe Weise.
Ramadan ist für mich deshalb nicht nur Verzicht –
sondern Besinnung, Verbindung und bewusste Menschlichkeit.
Was ist im Ramadan am schwierigsten – gerade im Alltag in Deutschland – und was gibt Ihnen Kraft?
Die größte Herausforderung ist nicht der Verzicht auf Essen oder Trinken.
Schwieriger ist manchmal, dass die innere Stimmung des Ramadan nicht von allen geteilt oder verstanden wird.
Im Berufsalltag bedeutet das zum Beispiel:
Termine oder Besprechungen genau zum Sonnenuntergang – also zum Zeitpunkt des Fastenbrechens – lassen sich nicht immer vermeiden. Auch während des Tages braucht es manchmal etwas gegenseitige Rücksicht, etwa bei langen Sitzungen.
Besonders sensibel ist für mich das Thema Kinder.
Wenn Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse freiwillig fasten möchten, wünschen sich Eltern vor allem Verständnis. Gerade im Sportunterricht – insbesondere in den Sommermonaten – kann intensives Training sehr belastend sein. Wenn hier wenig Rücksicht genommen wird, tut das weh. Nicht aus Kritik, sondern aus Sorge um das Kind.
Natürlich betrifft das nicht alle – im Gegenteil: Viele Menschen begegnen uns mit Respekt und Offenheit. Dafür bin ich sehr dankbar.
Was mir Kraft gibt, ist mein Glaube.
Das Vertrauen darauf, dass jede Anstrengung gesehen und belohnt wird. Und auch die Überzeugung, dass es unsere Aufgabe ist, ruhig zu erklären, wenn etwas nicht verstanden wird. Veränderung entsteht durch Dialog, nicht durch Vorwurf.
Der Koran, das Gebet und die bewusste Besinnung im Ramadan geben mir innere Stabilität. Sie helfen, kleine Verletzungen nicht festzuhalten, sondern loszulassen.
Und genau daraus entsteht Stärke.
Lassen Sie andere an Ihrer Religion teilhaben oder leben Sie sie eher im Stillen?
Ich lebe meinen Glauben eher ruhig und selbstverständlich.
Nicht als Abgrenzung, sondern als Teil meiner Persönlichkeit.
Wenn Kolleginnen oder Kollegen fragen, erkläre ich es gerne. Oft entstehen sehr schöne Gespräche – neugierig, respektvoll, offen.
In meiner Erfahrung überwiegt im Krankenhaus klar das Verständnis.
Menschen im medizinischen Bereich wissen, was Disziplin bedeutet – und sie respektieren, wenn jemand aus innerer Überzeugung handelt
Was wünschen Sie sich von Menschen, die selbst nicht fasten?
Eigentlich nur eines: normale Selbstverständlichkeit und Respekt.
Niemand muss sich zurückhalten oder anders verhalten.
Es stört uns nicht, wenn andere essen oder trinken – wirklich nicht.
Was schön ist: ein bisschen Neugier, vielleicht ein Gespräch, vielleicht ein „Wie geht es Ihnen damit?“
Ramadan ist keine Abschottung.
Er ist eine Einladung zu Mitgefühl, Geduld und Bewusstsein – Werte, die uns im Krankenhausalltag alle verbinden.