„Ich bin Johanna Blenk, 21 Jahre alt und komme aus Frankfurt (Oder)“ – hinter diesen Worten steckt eine junge Frau, die ihre Zukunft fest in die Hand nimmt und dabei eine Waffe gegen Kanüle und Pflaster tauscht. Sowohl in Schieß-Europameisterschaften als auch in der deutschen Meisterschaft der Pflege räumte sie diverse Titel ab und stand auf internationalen Meister-Treppen. Die Auszubildende zur Pflegefachkraft darf sich unter anderem seit wenigen Wochen auch Pflege-Vize-Meisterin nennen.
„Als ich die Aufgaben zur Meisterschaft der Pflege das erste Mal gelesen habe, dachte ich mir: Das kann nur schiefgehen“, erinnert sich Johanna Blenck. Der Druck, die Aufregung, die Aufgabe – ihre normalen Strategien zur Beruhigung funktionierten bei der Deutschen Meisterschaft in der Pflege in Bamberg zuerst nicht. Dennoch konnte Johanna Blenck die richtige Ruhe finden, bevor sie in den verschiedenen Aufgaben geprüft wurde.
Ein internationales Naturtalent aus Frankfurt (Oder) mit sportlichen Genen
Ein Blick in ihre außergewöhnliche Vergangenheit erklärt ihre enorme Ruhe in Stresssituationen. Vor ihrer Ausbildung zur Pflegefachkraft am Helios Klinikum Bad Saarow absolvierte sie ihr Abitur an der Sportschule in Frankfurt (Oder) – und das als Leistungssportlerin im Sportschießen. In der 6. Klasse entdeckte sie über den Schützenverein ihre Leidenschaft zum Schießen. Nach wenigen Trainingseinheiten folgte der Wechsel an die Frankfurter Sportschule.
„Ich war damals sogar in der Nationalmannschaft für das Schießen“, erzählt die junge Frau schmunzelnd. „2022 bin ich gestartet, war bei Weltmeisterschaften in Südkorea und Peru und wir sind 2024 sogar Team-Europameister in Ungarn geworden.“ Sogar im Weltcup-Finale in Kroatien stand sie bereits.
Inzwischen haben sich ihre Prioritäten verschoben und sie hat sich neue Ziele gesetzt. Die Inspiration dazu kam von ihrer Mutter, die ebenfalls Pflegefachkraft ist. Mit viel Vorfreude begann sie dann im Oktober 2024 ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft in Bad Saarow. Auch Pflegefachmänner- und frauen, Physiotherapeut:innen und Operationstechnische Assistent:innen werden jährlich an diesem Standort ausgebildet.
Die Herausforderung der angehenden Pflegefachfrau: Manschetten und Englisch
Dass sie nun erneut in einer Nationalmannschaft steht – diesmal für die Pflege –, verdankt sie ihrer stellvertretenden Schulleiterin Nadja Wittke und ihrer Kursbegleiterin Claudia Schwerin. Als eine Rundmail des Verbandes über die anstehenden „WorldSkills“ (die BerufsWeltmeisterschaften) eintrudelte, zögerten die Mitarbeiterinnen des Bildungszentrums nicht lange.
Der Wettkampf selbst, der Ende Juni stattfand, verlangte der Auszubildenden viel ab. Unter den strengen Augen der Prüfer:innen mussten vier komplexe Pflegeszenarien gelöst werden. „Die post-operative Wundversorgung eines Patienten fiel mir relativ leicht, da war praktisches Handeln gefragt“, erinnert sich Johanna Blenck. Doch ein Wettkampf bringt auch unerwartete Herausforderungen mit sich. Die größte für die Auszubildende? „Über fachliche Themen auf Englisch zu reden, die man auf Deutsch noch gar nicht perfekt beherrscht.“ Am leichtesten fiel ihr das Erstellen eines Plakats über Alzheimer. Die Lerneinheit Niereninsuffizienz und Schilddrüsenunterfunktion wurde in ihrer Ausbildung noch nicht behandelt, trotzdem konnte sie punkten. Auch eine Pflegeplanung wurde von den fünf Teilnehmenden aus ganz Deutschland abgefragt.
Die Auszubildende erinnert sich an ihren kleinen, sympathischen Fehler: "Ich legte die Blutdruckmanschette am Patienten falsch herum an". Doch statt in Panik zu geraten, bewies Johanna Blenck die Gelassenheit einer Profisportlerin. Sie reflektierte den Fehler in der anschließenden Evaluation, überzeugte die Prüfer:innen mit ihrer Professionalität und erreichte damit den zweiten Platz des Wettbewerbs. In zwei Monaten könnte sie die nächste Chance haben, ihr Wissen erneut unter Beweis zu stellen. Sollte die Erstplatzierte unerwartet ausfallen, darf Johanna Blenck mit zu den Weltmeisterschaften im September nach Shanghai fahren. Für das nächste Jahr visiert sie die die Europa Meisterschaft in Düsseldorf an. Zuerst haben ihre Abschlussprüfungen Priorität.
Eine Auszubildende in Bad Saarow wird zum „absoluten Vorbild für die Pflege“
Die stellvertretende Schulleiterin Nadja Wittke kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus: „Wir sind wahnsinnig stolz. Johanna ist im zweiten Ausbildungsjahr gegen Teilnehmerinnen angetreten, die kurz vor dem Examen stehen oder es bereits abgeschlossen haben. Was sie mit so wenig Vorbereitungszeit geleistet hat, ist phänomenal. Sie trägt das Herz am rechten Fleck und ist ein absolutes Vorbild für unseren Beruf.“ Johanna Blenck, die sich besonders für die Traumatologie und Gynäkologie begeistert, hat ihre berufliche Zukunft fest im Blick. Nach dem Examen im nächsten Jahr möchte sie erst einmal Praxiserfahrungen sammeln, am liebsten am Helios Klinikum in Bad Saarow. Danach kann sie sich eine Weiterbildung zur Praxisanleiterin oder ein Studium der Medizinpädagogik vorstellen.