Sodbrennen – gefährlicher als man denkt

Sodbrennen – gefährlicher als man denkt

Pforzheim

Pforzheimer Lehrer erhält Ersatzspeiseröhre dank modernster Medizintechnik

Etwa jeder vierte Erwachsene in Deutschland leidet an Sodbrennen. Der Realschullehrer Markus Speer litt über viele Jahre an Sodbrennen und saurem Aufstoßen. Wie viele andere Betroffene schenkte er den Symptomen wenig Aufmerksamkeit bis er nicht mehr essen konnte. Dieses Jahr erhielt er die Diagnose: Speiseröhrenkrebs!

Prof. Dr. Wolfram Lamadé, Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie am Helios Klinikum Pforzheim führte nach Chemotherapie und Bestrahlung eine komplett minimalinvasive Operation  (Schlüsselloch-Operation) durch. Fast die gesamte Speiseröhre wurde durch einen präparierten Magenschlauch ersetzt. Bereits drei Wochen nach der fünfstündigen Operation kam Markus Speer für ein Interview zurück ins Klinikum.

Wie geht es Ihnen heute, Herr Speer?
Gemeinsam mit der Ernährungsberatung des Klinikums arbeite ich gerade am Kostaufbau. Ich muss lernen kräftig zu kauen und muss mehrmals am Tag kleine Portionen zu mir nehmen, da die Aufnahmemenge des Magens jetzt eingeschränkt ist. Gefühlt habe ich aber sonst keine großen Einschränkungen.

Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Symptome?
Natürlich! Ich habe mich in der Vergangenheit sehr ungesund ernährt: Täglich habe ich statt Wasser nur süße Getränke zu mir genommen und fetthaltig gegessen. Nachts kam dann das stechende Sodbrennen, Bullrich-Salz hat zeitweise geholfen. Wenn das nicht ausreichte, musste ich sogar im Sitzen schlafen.

Weshalb sind Sie dann zum Arzt gegangen?
Erst als es gar nicht mehr ging und ich mein Essen nicht mehr richtig schlucken konnte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Sogar wenn ich getrunken habe, habe ich es wieder ausgespuckt. Im April erhielt ich dann bei einer Gastroskopie die Nachricht, dass etwas nicht stimmt. Eine weitere Untersuchung (Endosonographie) konnte schon nicht mehr durchgeführt werden, weil in der Speiseröhre kein Durchkommen mehr möglich war.

Herr Prof. Lamadé, was ist die Erklärung für diese massive Schluckstörung?
Durch den ständigen Rückfluss der Magensäure in die Speiseröhre, hat sich die Schleimhaut der Speiseröhre entzündet. Man spricht dann von einem Barrett-Ösophagus, d.h. die Schleimhaut der Speiseröhre hat sich krankhaft umgewandelt. Bereits in diesem Stadium hätte man dringend durch Ernährungsumstellung sowie medikamentös gegensteuern können. Den veränderten Teil der Schleimhaut hätte man in diesem Stadium noch durch eine Magenspiegelung entfernen können, da es in diesem Stadium sich nur um eine Vorstufe von Krebs handelte. Da dies nicht erfolgt ist, hat sich die Schleimhautveränderung über mehrere Stufen zu einem bösartigen Tumor weiterentwickelt. Diese hat durch seine Wucherung über eine Strecke von über 10 cm Länge die Speiseröhre eingeengt. Im weiteren Verlauf war dann irgendwann kein Durchfluss von Speisen oder Getränken mehr möglich. Ein operativer Eingriff war der einzige Ausweg.

Wie haben Sie die Operation durchgeführt?
Ich habe mich gegen eine invasive Operation mit geöffnetem Bauch und Brustkorb entschieden, da aufgrund des ausgedehnten Tumors  über 10 cm die Operation sehr traumatisch gewesen wäre. Die von mir gewählte komplett minimalinvasive Methode ist schonender und ermöglicht zusätzlich einen besseren Blick auf die Organe. Dadurch wird die Operation präziser und weniger belastend. Wir sind eine der wenigen Kliniken, wo eine komplett minimalinvasive Operationstechnik bei Speiseröhrenkrebs angewendet wird. Bei dieser Operationsmethode werden über mehrere kleine Schnitte von unter einem Zentimeter im Oberbauch (laparoskopisch) und am Brustkorb (thorakoskopisch) die OP-Instrumente in den Körper eingeführt. So haben wir über einen einzigen 3 cm großen Schnitt die ganze Speiseröhre und die befallenen Lymphknoten entfernt. Mein Team und ich sind Spezialisten für minimalinvasive Verfahren. Doch die Möglichkeit der Kombination von minimalinvasivem Bauch-und Brustkorbzugang gibt es noch nicht so lange. Viele Kliniken, die minimalinvasiv operieren, führen nur einen Teil der Operation minimalinvasiv durch, so z.B. wird eine minimal invasive Bauchoperation mit einer offenen, sehr traumatischen Brustkorboperation kombiniert. Insgesamt haben mein OP-Team und ich 5 Stunden operiert. Durch diese Technik ist der Patient sehr viel schneller mobil, hat fast keine Schmerzen, und Nebenwirkungen sind seltener.

Herr Speer, wieso haben Sie sich für eine Operation im Helios Klinikum Pforzheim entschieden?
Die Chemie zwischen Prof. Lamadé und mir hat einfach gestimmt. Das Aufklärungsgespräch war so verständlich und gut, dass ich keine Angst mehr vor dem Eingriff hatte. Spätestens die Narkoseaufklärung hat mir dann mein letztes mulmiges Gefühl genommen.

Wie geht es für Sie nun weiter?
Mein Wunsch ist eine Reha, zum körperlichen Aufbau, insbesondere der Rückenmuskulatur und zur Gewichtszunahme. Was ich für mich immer wieder feststelle: Ich bin ein Steh-auf-Männchen. Nach jedem Tiefschlag gelingt es mir, mich wieder aufzuraffen. Bereits einen Tag nach der OP, da lag ich noch auf der Intensivstation, haben die Physiotherapeuten mit ersten Bewegungsübungen begonnen. Zwei Tage danach konnte ich schon mit dem Rollator über die Station laufen und auch das Schlucken hat wieder funktioniert.

Welche Empfehlungen haben Sie für Ihre zukünftigen Essgewohnheiten erhalten?
Es gibt ein paar Dinge, die ich zukünftig nicht essen darf:  Stark gewürzte Speisen sind nicht gut genauso wie Alkohol (Anmerkung des Operateurs: „Alkohol in Maßen ist erlaubt!“). Aber mein absolutes Lieblingsgericht, Maultaschen, darf ich weiterhin essen. Wichtig ist, dass ich alle Speisen gut kaue und bevorzugt weiches Essen zu mir nehme.

Was empfehlen Sie Betroffenen, die wie Sie unter Sodbrennen leiden?
Zwar wusste ich, dass eine Ernährungsumstellung sinnvoll wäre, zögerte den Arztbesuch aber so lange hinaus, bis es nicht mehr ging. Machen Sie das nicht! Gehen Sie zum Arzt und nehmen Sie Ihre Symptome ernst! Sie können sich viele Schmerzen ersparen und je früher Ihr Sodbrennen behandelt wird, umso einfacher ist der Eingriff. Dann bleibt Ihnen eine so komplexe Operation wie meine erspart!

Herr Prof. Lamadé, möchten Sie noch etwas ergänzen?
Ja, ich kann den Appell von Herrn Speer nur unterstützen: Sodbrennen ist keine Kleinigkeit! Eine konsequente Behandlung ist dringend erforderlich. Medizinische Studien haben uns gezeigt, dass die typische Symptomatik meist fünf Jahre dauert und über mehrere Erkrankungsstufen sich entwickelt. Die Vorstufen lassen sich alle gut behandeln und beugen einer Krebserkrankung der Speiseröhre vor.
Bei Herrn Speer hatten wir natürlich einen phantastischen operativen Verlauf. Bei der radiologischen Nachkontrolle war der zuständige Radiologe von dem Ergebnis begeistert und sagte, dass die Röntgenaufnahmen aussähen, als wäre die OP nicht erst vor drei Tagen sondern schon vor Wochen erfolgt. Das heißt, er konnte keine ansonsten typischen postoperativen Veränderungen an der Lunge erkennen. Aus unserer Sicht ist die komplett minimal invasive Therapie (Schlüsselloch-Operation) der Speiseröhre der offenen Operation bei weitem überlegen.