Es lohnt sich zu kämpfen und nicht aufzugeben
Frauen in Führung

Es lohnt sich zu kämpfen und nicht aufzugeben

Berlin

Dr. Veronika Wolter ist Deutschlands erste gehörlose Chefärztin in einem Akutkrankenhaus und am Helios Klinikum München West tätig. Die renommierte Expertin für Cochlea-Implantate weiß, was sie tut – sie trägt selbst eine Innenohr-Prothese.

Glauben Sie, dass Ihr Weg nach oben schwieriger war als bei Männern?

Ja, ab einem gewissen Punkt schon. Solange es einen Mann in der Hierarchie über Ihnen gibt, können Sie diesem zuarbeiten und durch ihre eigene Kompetenz dessen Position und Macht stärken und werden dann folgerichtig von klugen Chefs gefördert. Dann erreichen allerdings viele Frauen wirklich eine Art gläserne Decke. Diese ist in der Medizin vor allem durch die Chefarztebene gekennzeichnet und zu 90 Prozent von Männern besetzt. In dieses Revier als Frau eindringen zu wollen, ist für viele Männer, besonders unter den über 50 Jährigen, immer noch schwer vorstellbar, beziehungsweise einfach ungehörig. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Ich hatte bei gewissen Stationen meiner Karriere auch einfach Glück auf eine solche „Ausnahme“ zu treffen. Das war auch bei meiner jetzigen Position so.

Inwieweit unterschiedet sich Ihr Führungsstil von dem eines Mannes?

Ich denke, dass Frauen grundsätzlich eher bereit sind für eine Sache und für andere Menschen zu arbeiten, Stichwort Care-Arbeit, die ja immer noch überwiegend von Frauen übernommen wird. Ich habe während meiner beruflichen Laufbahn nur selten erlebt, dass dies bei Männern in hohen Positionen der Fall war. Diese sahen ihr Team, ihre Patienten und bestehende Strukturen, vor allem hierarchisch. In dem Sinne, dass diese Ihnen zu dienen haben. Ich aber denke, dass ich meiner Sache und meinem Team dienen sollte. Meine Position hilft mir dabei zu gestalten und zu verändern, natürlich ist das auch eine Form von Macht. Damit muss man verantwortungsvoll umgehen und man sollte das nicht für eigene, persönliche Machtinteressen ausnutzen. Ehrlich gesagt freut mich das riesig, für Betroffene etwas verändern zu können. Ich bin schließlich selbst Betroffene und Patientin. So eine Chefärztin habe ich mir als Patientin und junge Assistenzärztin jedenfalls immer gewünscht.

Ich denke, dass Frauen grundsätzlich eher bereit sind für eine Sache und für andere Menschen zu arbeiten, Stichwort Care-Arbeit.

Dr. Veronika Wolter, Chefärztin der Helios Hörklinik Oberbayern | Helios Klinikum München West

Was geben Sie Frauen mit, die am Anfang ihrer Karriere stehen?

Suchen Sie nach Vorbildern! Ich weiß, dass diese immer noch schwer zu finden sind – vor allem weibliche. Der Weg über soziale Netzwerke und Medien wie diesen hilft uns hoffentlich dabei. Und ich würde motivierten Frauen, die noch am Anfang stehen, gerne sagen, dass es sich lohnt zu kämpfen und nicht aufzugeben. Es klingt hölzern und wenig hilfreich, aber tatsächlich öffnet sich immer irgendwo eine Tür, wenn sich eine andere schließt. Augen und Ohren offen halten! Es gibt Wege, auch wenn man manchmal länger und hartnäckiger danach suchen muss.