Die Psychiatrie kommt nach Hause© Foto: Vladislav Syumko
Stationsäquivalente Behandlung

Die Psychiatrie kommt nach Hause

Berlin

Das Konzept der stationsäquivalenten Behandlung erweist sich in der Psychiatrie als großer Erfolg. Im Helios Park-Klinikum Leipzig kommt das Behandlungsteam zu den Betroffenen nach Hause.

Was bringt die Therapie zuhause?

Studien zeigen, ein psychiatrischer Klinikaufenthalt führt nicht immer zum optimalen Behandlungsergebnis. Mitunter lässt sich mehr erreichen, wenn die Patient:innen in ihrem häuslichen Umfeld betreut werden.

Die Vorzüge dieser stationsäquivalenten Behandlung, kurz StäB, hat auch Ingetraut Preusch aus Leipzig zu schätzen gelernt. Den Tod ihres Mannes und den Umzug in ein Heim für betreutes Wohnen konnte sie nur schwer verkraften. Depressionen, Panikattacken und Angstzustände waren die Folge.

Zweimal schon verließen Preusch die Kräfte, jedes Mal wies sie ihr behandelnder Hausarzt in das Zentrum für Seelische Gesundheit am Helios Standort Leipzig ein. Abermals, sagt die 84-Jährige, wollte sie das aber nicht. Denn die Wohnung längere Zeit zu verlassen, falle ihr zunehmend schwerer.

Kein Unterschied zu stationär

„Wenn bei den Betroffenen die Symptomatik vor allem in der Häuslichkeit auftritt, ist die Behandlung dort besonders erfolgversprechend. Außerdem können andere Verpflichtungen der Betroffenen, etwa die Betreuung von Kindern, gute Gründe für eine Behandlung zu Hause sein“, erläutert Thomas Herzog, Facharzt in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Helios Park-Klinikum Leipzig und Leiter des dortigen StäB-Teams.

18 Patient:innen betreut das Team, dem wie beim stationären Aufenthalt Fachärzt:innen sowie Mitarbeiter:innen der Ergotherapie, Sozialarbeit und Psychotherapie angehören, im Stadtgebiet Leipzig. Drei Wochen lang besuchten die Fachleute täglich Preusch. „Ich fühle mich gut versorgt und behandelt“, resümiert sie ihre Fortschritte zum Abschluss der Behandlung.

Großes Vertrauen

Ängste, die Preuschs Seele einst im Zaum hielten, nehme sie nun als natürlichen Vorgang an. Eine Fahrt in der Straßenbahn, das Zugehen auf fremde Personen, allein schon der Gang vor die Haustür stellen kein Hindernis mehr dar. Schwierig gestaltet sich für die Seniorin nur der Übergang in die ambulante Versorgung.

Eine niedergelassene Ärztin oder einen niedergelassenen Arzt zu finden, sei schier hoffnungslos. Umso mehr weiß Preusch die Arbeit und Verlässlichkeit des Zentrums für Seelische Gesundheit zu schätzen. Hier hat man ihr auch praktische Übungen beigebracht, die sie bei aufkommenden Ängsten selbst anwenden kann. Gezielte Atemübungen gehören dazu oder Muskelentspannung.

Erfolg mit Nebeneffekt

Die Erfolge der stationsäquivalenten Behandlung lassen sich klar belegen, betont Herzog. „Es spricht einiges dafür, dass dies bei vielen Erkrankten der bessere Weg ist“, fügt er an. Aktuell ist Helios die einzige Klinik mit diesem Angebot im Großraum Leipzig. Doch das
Konzept spricht sich herum und macht Schlagzeilen.

Thomas Herzog: „Ein positiver Nebeneffekt ist, dass das Stigma, welches die psychiatrische Behandlung mitunter noch umgibt, damit weiter an Kraft verliert.“

Klare Kriterien festgelegt

Das Repertoire der Behandlung ist bei StäB wie in der Klinik auf die Patient:innen ausgerichtet. Kriterien zur Aufnahme in das Programm sind die stationäre Behandlungsbedürftigkeit, das Einverständnis eventueller Mitbewohner:innen sowie der Ausschluss einer Kindeswohlgefährdung. Eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung darf ebenfalls nicht vorliegen.