Tilo Kelz' Kampf gegen den Krebs
Aufgeben ist keine Option

Tilo Kelz' Kampf gegen den Krebs

Arbeit, Freunde, Vitalität: Tilo Kelz hat durch seine Krebserkrankung viel verloren. Nicht aber seinen Humor und sein Kämpferherz – und das trotz vier Rückfällen in sieben Jahren. Am Ende hat er für sich sogar etwas gewonnen: die Erkenntnis, wie wichtig Familie, Freunde und die kleinen Momente im Leben sind. Die Geschichte von Tilo Kelz ist die Geschichte von einem, der niemals aufgehört hat zu kämpfen.

„Lachen trägt die Zeit, die unvergessen bleibt.

Denn sie ist traumhaft schön.“

Als Ute Freudenberg ihr Lied „Jugendliebe“ anstimmt, aus dem diese Zeilen stammen, hakt sich das Publikum ein und beginnt zu schunkeln. Unter den Zuschauern des Ostrock-Classic-Festivals 2007 in der Berliner Wuhlheide ist Tilo Kelz. Auch er hakt sich bei seiner Sitznachbarin ein, kommt mit ihr ins Gespräch. „Und so habe ich meine Frau kennengelernt“, erzählt er, als wir ihn im Januar 2020 besuchen.

„Was daraus geworden ist, kann man an der Wand sehen.“ Kelz steht auf und zeigt die gerahmten Hochzeitsfotos seiner zweiten Ehe. „Das war am 15. Mai 2015“, sagt er. Ein glücklicher Tag, obwohl seine Krebserkrankung damals schon weit fortgeschritten war. „Für die Hochzeit habe ich sogar meine Behandlung unterbrochen und den Chemo-Zyklus für zwei Monate ausgesetzt“, sagt Kelz.

Er nimmt die Brille ab, reibt sich die Augen und blickt aus dem Fenster. Die Erinnerung an die glückliche Zeit des Kennenlernens fällt ihm nicht leicht. Denn nur wenige Jahre nach dem Konzertabend wird das frische Liebesglück durch eine Diagnose getrübt, die das Leben von Tilo Kelz und seinen Angehörigen auf den Kopf stellt.

Mit der Krebs-Diagnose in den Urlaub

Krankenpflegerin steht am Krankenbett, Patient liegt im Bett und blickt sie an.
Vertrauen war ein wichtiger Punkt der Therapie von Tilo Kelz | Foto: Murat Aslan

Rückblick: Juni 2011, der erste gemeinsame Urlaub in Spanien ist geplant, gemeinsam mit der Familie des Bruders. Eine Woche vor dem Flug sucht Kelz wegen Schmerzen in der Brust einen Chirurgen im Helios Klinikum Berlin-Buch auf.

„Beim Drücken konnte ich einen Knoten fühlen“, beschreibt Kelz seine Beschwerden. Der Mediziner vermutet zunächst einen Bluterguss im Gewebe und beruhigt: „Herr Kelz, da werden Sie sich wohl irgendwo an einer Autotür gestoßen haben.“ Um sicher zu gehen, schickt er Kelz trotzdem zum Röntgen – und dann geht es Schlag auf Schlag. „Vom Röntgen wurde ich sofort in die Mammographie geschickt, wo noch am gleichen Tag eine Biopsie gemacht wurde“, erinnert sich Kelz.

In den Urlaub geht es mit einem mulmigen Gefühl, im Hinterkopf stets die Sorge vor einem unguten Ergebnis der Biopsie. Nach der Rückkehr, drei Wochen nach der Untersuchung steht der Befund fest: ein Lymphom – Krebs. Kelz ist zu diesem Zeitpunkt 52 Jahre alt.

Die Diagnose ist ein Schock. „Man fragt sich: War’s das jetzt? Man hört ja immer nur Horrorgeschichten über Krebs“, sagt er. In den Urlaub geht es trotzdem. „Ich dachte mir: Jetzt erst recht.“

Zuversicht nach dem Schock

Was Kelz in diesem Moment der Verunsicherung und Sorge hilft, sind Menschen, die mit ihm reden, denen er seine Fragen stellen kann. „Ich hatte das große Glück, damals im Helios Klinikum Berlin-Buch eine Ärztin zu haben, die sich Zeit für mich genommen hat“, sagt Kelz. „Sie und ihr Mann, der die Ultraschall-Untersuchungen durchgeführt hat, haben mich in dieser Zeit gut geführt. Dadurch bekommt man das Gefühl, man ist gut aufgehoben.“

Die beiden Mediziner klären Kelz detailliert darüber auf, was ihn erwartet und was alles passieren kann. Die Gespräche helfen ihm, nach dem ersten Schock wieder zuversichtlicher nach vorne zu blicken. „Ich wusste danach: ‚Junge, daran kannst du sterben, musst du aber nicht. Damit kannst du auch 100 Jahre alt werden.‘ – Und dann habe ich mich zusammengerissen. Nicht eine Sekunde habe ich ans Aufgeben gedacht.“

Man trägt selbst viel zu seiner Heilung bei: Entweder man will oder man will nicht.

Tilo Kelz

Das muss er auch. Denn schnell merkt er, wie überfordert Familie und Freunde mit der Situation sind. „Meine Familie brauchte eine Zeit, bis sie wusste, wie sie mit mir umgehen soll: mich in Watte packen oder alles beibehalten wie bisher“, erzählt Kelz. „Das ist eine ganz komische Rolle: Ich bin der Betroffene, aber gleichzeitig derjenige, der stark sein muss.“

Es folgen viele Monate im Krankenhaus

Nach dem Spanienurlaub, im August 2011, soll dem Brustknoten in der Klinik eine größere Probe entnommen werden. Danach müsse er noch drei bis vier Tage im Krankenhaus bleiben, erklärt man ihm. Aus drei Tagen werden drei Monate.

Der Eingriff selbst verläuft gut, statt einer Probe wird gleich der ganze Knoten entnommen. „Den war ich erstmal los“, sagt Kelz. „Das Problem war die Wundheilung.“ Insgesamt 16 Mal wird Kelz operiert, bis die Wunde schließlich geschlossen ist. „Die OP-Schwester meinte schon scherzhaft: „Nicht Sie schon wieder, Herr Kelz!‘“

Die Monate im Krankenhaus kosten Kraft. Aber sie lassen auch eine wichtige Erkenntnis in ihm reifen. „Man trägt selbst viel zu seiner Heilung bei: Entweder man will oder man will nicht.“ Kelz will. Er sieht andere Patienten, die aufgeben und beschließt: „Das passiert mir nicht.“ Er wird kämpfen. Was er da noch nicht voraussehen kann, ist, wie häufig er in den nächsten Jahren noch kämpfen wird.

Vier Rückfälle in sieben Jahren

Krankenpflegerin und Patient mit Infusionsständer im Fahrstuhl
Während der Therapie hat Tilo Kelz zu den Pflegekräften ein gutes Verhältnis aufgebaut | Foto: Murat Aslan

Der Krebs kann jederzeit wiederkommen. Das teilt man Kelz gleich bei der ersten Behandlung mit. Dass es aber so schlimm kommt, ahnt niemand. „Vier Rückfälle in sieben Jahren – das ist nicht normal“, sagt er heute rückblickend.

Der erste Rückfall kommt schon im Juni 2012. Bei einer Nachsorgeuntersuchung werden Knoten in der Leiste und im Hals festgestellt. Gemeinsam entscheidet man sich für eine Bestrahlung. „Ich habe da ganz dem Rat der Ärzte im Helios Klinikum Berlin-Buch vertraut“, sagt Kelz. Das Vertrauen macht sich bezahlt: Die Therapie wirkt.

„Aber die Nebenwirkungen waren die Hölle“, sagt Kelz. Er kann wochenlang kaum essen und trinken, verliert vorrübergehend seinen Geschmackssinn. Am Hals und im Gesicht hinterlässt die Behandlung dunkelbraune Brandspuren. „Aber wie sagt meine Mutter immer: Einen schönen Menschen entstellt nichts.“ Kelz übersteht die Behandlung, aber der Krebs kommt wieder. Und dann immer wieder.

Vor der ersten Chemo-Therapie hat er noch Angst. „Angst, dass einen dieses Zeug auffrisst, das man in den Körper bekommt.“ Doch die Angst verschwindet schnell, auch weil er die Chemo-Therapie besser verträgt als die Bestrahlung. „Man wird zwar grün im Gesicht“, scherzt Kelz über die Übelkeit. „Aber krasse Nebenwirkungen hatte ich nie.“ Haare verliert er erst nach Jahren, bei der allerletzten Chemo-Behandlung. Es ist die insgesamt 64. Dosis im fünften Chemo-Zyklus.

Zu diesem Zeitpunkt kennt er das Personal und die Abläufe in der Klinik schon gut. Die Mitarbeiter mögen ihn, weil er sich nicht hängen lässt, sich auch um seine Mitpatienten kümmert.

Sie glauben gar nicht, wie gut ein Marmeladen-Brötchen schmeckt, wenn man vorher lange nichts schmecken und riechen konnte.

Tilo Kelz

Stark sein für sich selbst und die Familie

Mann liegt im Krankenbett, schaut Krankenpflegerin an, die Infusion anschließt
Fünf Chemozyklen erhält Tilo Kelz während der Behandlung | Foto: Murat Aslan

Als im März 2018 schließlich eine Stammzellen-Transplantation angesetzt wird, weiß Kelz: „Das ist der letzte Strohhalm, mehr geht erstmal nicht.“ Sechs Tage lang erhält er jeweils zwei Chemos, dann beginnt die Stammzellengabe. Eine Pflegerin warnt ihn: „Morgen wird es Ihnen sehr schlecht gehen“. Und genau so kommt es. „Man denkt, man stirbt“, sagt Kelz. Doch selbst da verliert er nie die Hoffnung.

Wie er die Zeit durchgestanden hat? „Ich zeige es Ihnen.“ Kelz holt einige Kuscheltiere hervor: „Meine treuen Begleiter, die zu jeder Behandlung mitkommen.“ Da ist der Plüsch-Vogel Tweety, ein Geschenk seiner Tochter vor der ersten Chemo-Behandlung. Außerdem eine Puppe seiner Ehefrau, eine Socke der Enkeltochter und ein Teddy-Bär des Eishockey-Teams der Michigan Tigers. In den schlimmsten Momenten sieht er seine Glücksbringer an, dann weiß er: „Für die muss ich es machen.“

Nach vier qualvollen Wochen wird es allmählich besser: Er bekommt besser Luft, beginnt normal zu essen, wagt die ersten Schritte. Auch wenn er viele feinmotorische Fähigkeiten erst wieder neu erlernen muss: Das Schlimmste ist überstanden.

Das Leben neu schätzen lernen

„Heute geht es mir verhältnismäßig gut“, resümiert Kelz einige Monate nach der Transplantation. Er sitzt in seinem Wohnzimmer, wirkt ruhig und ausgeglichen. „Wenn man merkt, dass man auch das Schlimmste überstehen kann, dann gibt einem das viel Kraft.“

Durch seine Erkrankung habe er gelernt, wieder mehr zu genießen, sagt Kelz. Auch die kleinen Dinge: „Sie glauben gar nicht, wie gut ein Marmeladen-Brötchen schmeckt, wenn man vorher lange nichts schmecken und riechen konnte.“ Vor allem aber genießt er die Momente mit seiner Familie, seiner Frau, den vier Enkelkindern. „Ich hätte nie gedacht, dass Familie mir so viel Halt geben kann.“

Während die Familie in den Jahren der Krankheit wieder enger zusammengerückt ist, haben leider nicht alle Freundschaften überdauert. Kelz zuckt mit den Schultern. „Einige konnten einfach nicht mit der Situation umgehen.“ Noch schwieriger war für ihn der Moment im Jahr 2017, als er seine Stelle als Mitarbeiter in der Abteilung Qualitätskontrolle kündigen musste. „Es ging einfach körperlich nicht mehr“, sagt er. „Mir das einzugestehen – das war hart.“

Inzwischen hat Kelz mit all dem seinen Frieden gemacht. Ohne Bitterkeit blättert er heute manchmal in seinem Krankentageblatt, das er seit Beginn seiner Erkrankung geführt hat. Dann sieht er die kräftezehrenden Behandlungen wieder vor sich. Die Pflegekräfte, die er zum Teil schon lange kennt. Die Ärzte, die genauso um sein Leben gekämpft haben wie er selbst. „Dann bin ich erstaunt, was ich alles schon geschafft habe“, sagt er. „Und das gibt mir Zuversicht für alles, was noch kommt.“

Angst hat Tilo Kelz schon lange keine mehr. Und sollte der Krebs eines Tages wieder zurückkommen, dann wird er eines ganz sicher nicht: aufgeben.