Wie eine Ärztin aus einem Krebsmedikament eine Salbe machte
Forschung bei Helios

Wie eine Ärztin aus einem Krebsmedikament eine Salbe machte

Dicke rote Knötchen im Gesicht, die bei der kleinsten Berührung bluten. Die Haut spannt, ist sonnenempfindlich – Kinderärztin Dr. Sarah Pfaff war schnell klar, wie sehr ihre jungen Patienten unter den optischen Folgen der Generkrankung Tuberöse Sklerose leiden. Sie recherchierte, probierte, analysierte – und testete so eine Salbe, die schon etlichen Patienten helfen konnte.

Frau steht vor Wand im weißen Kittel und lächelt in die Kamera
Dr. Sarah Pfaff, Kinderärztin an der HSK Wiesbaden | Foto: Helios

22 Jahre ist Alexandra inzwischen. Im Alter von fünf hatte ihr Kinderarzt eine Vorahnung und schickte Alexandra nach Wiesbaden in das Tuberöse-Sklerose-Zentrum der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken.

Dort bestätigte sich der Verdacht: Alexandra leidet unter dieser seltenen Genmutation, bei der Zellen ungehemmt wachsen können und eine hochkomplexe Systemerkrankung ausgelöst wird. Denn aus den Zellen bilden sich Tumore in Form von stecknadelkopfgroßen Knötchen. Das Tückische: Sie können fast überall im Körper auftauchen.

Bei Alexandra hat die Erkrankung das Gehirn, die Niere und das Gesicht erfasst. Eine spezifische Therapie und deren regelmäßige Erfolgskontrolle im Zentrum in Wiesbaden helfen ihr, die unheilbare Erkrankung im Griff zu haben. So zum Beispiel auch die verräterischen Knötchen im Gesicht, die man auch Angiofibrome nennt.

Die roten, erhabenen Knötchen sind stark durchblutet und breiten sich großflächig vorwiegend im Bereich der Nase und der Wangen, manchmal auch über das gesamte Gesicht aus. Schon leichte Berührungen oder Alltagstätigkeiten wie Nase putzen oder Rasieren können die Haut erheblich reizen und die Knötchen verletzten, sodass sie bluten. Ein leichter Schnupfen wird dann zur echten Qual.

Dr. Sarah Pfaff, Kinderärztin | Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken

Gesicht unter Spannung

Zwei Jahre lang hat sich die inzwischen 35-Jährige Fachärztin intensiv mit den Tumoren im Gesicht beschäftigt und die Ergebnisse in einer Doktorarbeit niedergelegt.  Viele Patienten mit Tuberöser Sklerose haben schwerwiegendere Krankheitsverläufe. Oft leiden sie unter Krampfanfällen, sind geistig zurückgeblieben und weisen autistisches Verhalten auf. „Eine meiner Patientinnen schlägt in regelmäßigem Takt ihren Kopf gegen die Wand. Da ist der Tumor im Gesicht nicht das Vordringlichste.

All diejenigen, bei denen die Knötchen jedoch die vordringlichste Ausprägung der Tuberösen Sklerose sind, erleben dies natürlich als erhebliche Einschränkung.“ Die warmen, knallroten Knötchen setzen das gesamte Gesicht unter Spannung. Sommerliche Temperaturen verschlimmern die Beschwerden zusätzlich.

Ausgeprägte Angiofibrome können extrem unangenehm sein und sind auch optisch häufig ein ernst zu nehmendes Problem.

Dr. Sarah Pfaff, Kinderärztin | Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken

Diese Hauterscheinungen brechen meist im frühen Schulkindalter aus, also mitten in dem Lebensabschnitt, in dem viele neue Faktoren das Miteinander beeinflussen, unter anderem die Bewertung des Äußeren. Die betroffenen Jungen und Mädchen fühlen sich stigmatisiert, werden ausgeschlossen, gekränkt, gemobbt. Die Folge ist klar: Rückzug aus der Gemeinschaft. Ihr Selbstbewusstsein leidet enorm, Zukunftsängste und Depressionen machen sich breit. Um sich Linderung zu verschaffen, mussten sich Patienten bisher Operationen, Kälte- oder Lasertherapien unterziehen. Dr. Pfaff legt die Stirn in Falten: „All diese Behandlungen sind schmerzhaft, aufwendig und müssen regelmäßig wiederholt werden, denn die Knötchen setzen ihr Wachstum stetig fort.“

In den HSK behandeln wir tatsächlich 70 Patienten mit Tuberöse Sklerose jeglicher Ausprägung und Alters. Wir bündeln hier jahrzehntelange Erfahrung und sind seit 2010 eines von 19 zertifizierten Zentren bundesweit. Nur aufgrund dessen war es überhaupt möglich, eine Gruppe von 13 Patienten zu identifizieren. Und alle wollten sofort mitmachen.

Prof. Dr. Markus Knuf, Klinikdirektor Kinder- und Jugendliche | Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken

Wirkstoff aus der Krebsbehandlung

Doch bei ihren Recherchen kam ihr eine einfache, aber geniale Methode zu Ohren. In Japan und in den USA war eine Salbe mit einem aus der Krebsbehandlung bekannten Wirkstoff getestet worden. Zwar an einer verschwindend kleinen Patientengruppe – aber mit vielversprechendem Ergebnis. Ein Hoffnungsschimmer gegen die Knötchen im Gesicht? Hier setzte Dr. Pfaff an, analysierte und verglich die Zusammensetzungen der Salben und traf immer wieder auf einen Wirkstoff: Sirolimus. „Der Wirkstoff ist bereits in der Transplantationsmedizin und in der Onkologie bekannt. Und ein ganz ähnlicher Wirkstoff, das Everolimus, wird bereits zum Abbremsen des ungehemmten Zellwachstums bei Tuberöser Sklerose im Gehirn mit Erfolg eingesetzt. Möglicherweise kann Sirolimus als Bestandteil einer Salbe die Knötchenbildung im Gesicht zurückdrängen“, so die Hoffnung der Ärztin.

Bestärkt von ihrem Doktorvater und Chef, Prof. Dr. Markus Knuf, wog die damalige Assistenzärztin die Erfolgsaussichten und die Machbarkeit einer eigenen Versuchsreihe ab. Rasch war beiden klar: Ein Heilversuch lohnt garantiert. Kurz darauf startete Dr. Pfaff ihre Suche nach Patienten. Kein leichtes Unterfangen, da die Erkrankung selten vorkommt.

Endlich ohne Make-up

Eine Frau im weißen Kittel untersucht eine Frau auf einer Liege. Sie schaut sich die Haut im Gesicht genau an.
Kinderärztin Dr. Sarah Pfaff erfindet eine Salbe, die gegen Hautprobleme hilft | Foto: Helios

Sechs Monate dauerte der Versuch, bei dem die Patienten nur eine Aufgabe hatten: einmal täglich abends sorgfältig die Sirolimus-Salbe auftragen. „Ich hatte vollstes Vertrauen, dass sich alle an den Versuchsplan halten. Der Leidensdruck ist hoch genug und das Prozedere einfach und schmerzfrei“, begründet Dr. Pfaff. Unvergesslich dann die Begegnungen nach den ersten vier Wochen Versuchsdauer: „Ich war selbst sehr gespannt und habe es sofort gesehen: Die Knötchen hatten sich bei den meisten deutlich zurückgebildet, und die Patienten waren in einer ganz anderen Stimmung. Viele waren  einfach glücklich!“, erinnert sich die Ärztin. Auch klingelte ihr privates Telefon: „Eine Patientin rief mich aus dem Kaufhaus an. Sie konnte nicht abwarten, mir zu erzählen, dass sie das erste Mal ohne Make-up aus dem Haus gegangen war. Es war für viele eine Befreiung.“


Dr. Pfaff sah ihre Patienten nach drei und nach sechs Monaten wieder. Die Haut verbesserte sich weiter deutlich, die Rötungen ließen nach, die Knoten wurden flacher und breiteten sich weniger aus. Der Wirkstoff sorgte also für die erhoffte Linderung, indem er das durch den Gendefekt angetriebene Zellwachstum hemmte. Dann die Gegenprobe: Nach sechs Monaten verordnet Dr. Pfaff ihren Patienten eine vierwöchige Behandlungspause. Der Salbenentzug blieb nicht ohne Folgen, die Knötchen begannen wieder zu blühen. „Damit war belegt: Die Salbe wirkt. Sie hält die Tumorbildung bei dauerhaftem Anwenden in Schach und sie erzeugt bei keinem der untersuchten Patienten Nebenwirkungen.“

Während Dr. Pfaff kurze Einblicke in einzelne Patientengeschichten gibt, ist ihr anzusehen, wie glücklich auch sie ist. Gesegnet mit einem ohnehin entspannten, durchweg positiven Wesen, strahlt ihr Gesicht doppelt. Ist sie stolz auf ihre Leistung? „Nein, zufrieden. Denn nichts ist erfüllender, als helfen zu können. Gerade unsere chronisch kranken Kinder begleiten wir oft sehr lange. Wir erleben sie in ihrer spannendsten Entwicklungsphase und bauen eine Beziehung zu ihnen und ihren Familien auf. Das erlebt sonst nur ein niedergelassener Kinderarzt. Für mich ist das ein ganz wertvoller Teil meiner Arbeit.“

Selbsthilfe

Unterstützung für Betroffene

Was ist das Besondere des Tuberöse Sklerose Deutschland e.V.?

Helmut Hehn, Bundesvorsitzender der Stiftung: Durch die Seltenheit der Krankheit sind wir bundesweit organisiert, regionale Angebote sind schwieriger umzusetzen. Dafür setzen wir bei unserer Jahrestagung und vielen weiteren Veranstaltungen auf eine gute Mischung zwischen Informationsvermittlung und Geselligkeit, wobei gerade am späten Abend oft tiefgründige Gespräche geführt werden. Insgesamt verstehen wir uns als „große TS-Familie“. Das wollen wir uns bei aller Professionalisierung der Arbeit bewahren.

Warum sind Selbsthilfegruppen wichtig?

Hehn: Patienten mit seltenen Erkrankungen wie der Tuberösen Sklerose sind darauf angewiesen, sich selbst viele Informationen über ihr Krankheitsbild und dessen Behandlung einzuholen. Dazu können Selbsthilfegruppen einen Beitrag leisten. Außerdem gibt die Gemeinschaft Halt, wenn es den Betroffenen einmal nicht so gut geht.

Was ist der Vorteil der Anbindung an ein klinisches TS-Zentrum?

Hehn: Wir finden in den vielfältigen Problemstellungen und multiplen Organbeteiligungen alle erforderlichen Disziplinen „unter einem Dach“. Gerade für die kaum klinikkompatiblen Patienten mit geistiger Behinderung und Autismus ist es wichtig, möglichst selten in die Klinik zu müssen und dort die Diagnostik gut abgestimmt und in einem kurzen Aufenthalt zu absolvieren. Die Zentren bieten außerdem den Vorteil einer höheren Fallzahl und damit einen guten Überblick über Diagnostik und Therapie.

Warum hat die Deutsche Tuberöse Sklerose Stiftung Fr. Dr. Pfaff für ihren Heilversuch als erster Wissenschaftlerin überhaupt ihren Forschungspreis verliehen?

Hehn: Gerade die Hautveränderungen stellen für die Patienten ein großes emotionales Problem dar. Bisher gab es dafür neben Aberasion und Laser keine Behandlungsoption. Die Salbe ist einfach anzuwenden

Was ist Sirolimus?

Das "Multitalent" von den Osterinseln

Die Entdeckung von Sirolimus oder Rapamycin klingt wie ein Abenteuer: In den 60er Jahren nahm ein Forscherteam aus Kanada auf der Suche nach wirksamen Naturstoffen einige Bodenproben auf den Osterinseln. Die Forscher  isolierten den Wirkstoff aus den im Boden enthaltenen Bakterien und setzen ihn als Fungizid zur Bekämpfung von Pilzen ein.

Erst vor wenigen Jahren wurden weit wichtigere Eigenschaften des Rapamycins entdeckt: Es wirkt als Immunsuppressivum, kann also die körpereigenen Abwehrkräfte unterdrücken. Damit wurde es interessant für die Transplantationsmedizin, denn es verhindert das Abstoßen von Spenderorganen. Neugierig, was Rapamycin noch leisten könnte, schickte einer der kanadischen Forscher eine Probe an das Nationale Krebsinstitut in den USA. Die Antwort: Rapamycin zeigt eine „sagenhafte Aktivität“ gegen Krebszellen.

Das „Multitalent“ von den Osterinseln unterdrückt also nicht nur Immunantworten, sondern bremst auch das Zellwachstum und tötet Zellen ab. Wie funktioniert Rapamycin tatsächlich? Diese „Bremskette“ entdeckte das Deutsche Krebsforschungszentrum: Die Zelle benötigt Ribosomen, um Eiweiße herzustellen. Diese Herstellungskette unterbricht Rapamycin, indem es die Produktion von Ribosomen blockiert. Rapamycin hemmt dazu ein Protein, das die Bereitstellung eines wichtigen Bauteils für die Ribosomen regelt. Ist das Protein lahmgelegt, fehlt es an Nachschub für die Herstellung der Ribosomen und damit zur Herstellung von Eiweißen. Da schnell wachsende Gewebe wie Tumore einen besonders hohen Bedarf an Ribosomen haben, werden sie durch Rapamycin auch besonders getroffen. Rapamycin erreicht diese „Bremswirkung“ durch seinen Einfluss auf genau ein einziges Protein. Der Wirkstoff gilt daher als „Präzisionswaffe“ gegen schnell wachsende Zellen – und zwar auch als Salbe.

Hintergrund

Die Generkrankung Tuberöse Sklerose (TS)

Sie ist selten und dabei auch noch unglaublich vielfältig: Die sogenannte Tuberöse Sklerose (TS) ist daher auf den ersten Blick oft nicht leicht erkennbar. Einige Patienten haben eine lange Ursachensuche hinter sich, bei anderen war es ein Zufallsbefund oder aufgrund familiärer Erkrankungen diagnostizierbar. Die Dunkelziffer der an der komplexen, genetischen Multisystemerkrankung leidenden Menschen ist entsprechend hoch. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit rund eine Millionen Menschen betroffen sind. Die Erkrankung bricht im Kindesalter aus und führt oft zu Krampfanfällen. Sind dann typische Hautmerkmale wie weiße Flecken am Körper oder Knötchen im Gesicht sichtbar, müssen die nächsten diagnostischen Weichen gestellt werden. 85 Prozent der TS-Patienten leiden unter den roten Gesichtsknötchen. Sie können nur punktuell, aber auch großflächig und deutlich erhaben auftreten

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