Gewalt an Frauen: So können Sie helfen

Gewalt an Frauen: So können Sie helfen

Leipzig

Am 25. November ist internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. Um welche Formen von Gewalt geht es dabei? Wie helfen Therapeuten den Opfern, und was können wir alle tun? Thomas Wolf, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Leipziger Helios Park-Klinikum, gibt einen Überblick.

Entwicklung: ​Die Tendenz ist unter Pandemiebedingungen steigend; Gewalt gegen Frauen ist ein zunehmendes Problem, nicht nur, weil sie öfter erkannt wird.  Zuletzt haben Einschränkungen durch die Pandemie Menschen näher zusammengebracht, die sich sonst aus dem Weg gehen konnten. „Momentan ist häusliche Gewalt und Gewalt in Partnerschaften durchaus ein größeres Problem“, hat Wolf beobachtet.

Körperliche Gewalt: ​Die offensichtlichste Ausprägung. Laut Bundeskriminalamt waren 2019 von insgesamt 142.000 Gewaltopfern rund 115.000 Frauen. Bei sexuellen Übergriffen sind sie zu 98 Prozent betroffen, bei Stalking, Bedrohung und Nötigung zu 88 Prozent, bei Körperverletzung zu 80 Prozent. Jede dritte Frau erfährt in ihrem Leben mindestens einmal körperliche oder sexualisierte Gewalt – sehr oft durch den Partner oder Ex-Partner. „Der Tag gegen Gewalt an Frauen ist wichtig, weil Frauen einfach mehr betroffen sind“, sagt Wolf.

Strukturelle und psychische Gewalt: ​„Gewalt hat viele Gesichter“, erklärt Oberarzt Wolf. Oftmals ist sie gar nicht so leicht zu erkennen. Immer dann, wenn eine Frau etwas tun muss, was sie nicht machen will oder wenn sie in einer Situation gehalten werde, in der sie nicht sein will, könne man von Gewalt sprechen, so Wolf. Das gilt vor allem für strukturelle Gewalt (Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz) sowie für psychische Gewalt. Die kommt vor allem in Partnerschaften vor: Wenn der Partner das Handy kontrolliert und SMS liest, wenn er den Umgang mit Freunden verbieten will, wenn er Unterordnung erwartet oder Besitzdenken an den Tag legt. „Dieses umfassende Gewalt-Verständnis müssen wir wecken“, sagt Thomas Wolf.

Symptome: ​In Therapie landen Menschen nicht nur mit den Folgen posttraumatischer Belastungsstörungen, sondern auch mit Depressionen, Angst- und Suchterkrankungen. Mitunter ist sogar das Sprachzentrum gehemmt: Traumatisierte finden keine Worte dafür, was passiert ist. „Dass diese Symptome mit Gewalt zu tun haben, wird oft erst während der Behandlung festgestellt“, schildert Wolf. Auch Hilfetelefone oder Vereine wie z. B. der „Weisse Ring“ oder „Frauen für Frauen e.V.“ in Leipzig sind hierbei wichtige Anlaufstellen, die die Betroffenen bei notwendigen weiteren Schritten, wie z. B. dem Anbahnen von Behandlung, unterstützen. „Dann ist der erste Schritt schon getan und das Problem bereits erkannt“, erklärt Thomas Wolf.

Therapie: ​Zentralen Raum nimmt die Psychotherapie ein. Bei traumatisierten Patientinnen gehe es dabei oft zunächst um das „Normalisieren“: Den Frauen wird erläutert, dass sie eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis zeigen. Das ist nicht selbstverständlich, denn eine erlebte Grenzverletzung ist oft mit Scham- und Schuldgefühlen der Opfer verbunden – die Frauen überdenken ihr eigenes Verhalten. „Leider suchen Betroffene auch nach schweren Grenzverletzungen wie z. B. einem sexuellen Übergriff oft zunächst noch die Schuld bei sich oder sie werden im Bekanntenkreis auf vermeintliche Eigenanteile an diesen Ereignissen hingewiesen, z. B. dass ihr kurzer Rock doch förmlich eingeladen habe“, erläutert Thomas Wolf. Bedeutsam sei deshalb immer die Feststellung: „Täter entscheiden sich – niemals die Opfer!“ Wichtig sei außerdem, dass Kontakte zum Täter vermieden werden. Das ist wegen gemeinsamen Hausständen in vielen Fällen nicht so einfach. Schließlich gehe es darum, für die betroffenen Frauen innere und äußere Sicherheit zu schaffen – in Person von Therapeuten, aber auch durch Institutionen wie den Verein „Frauen für Frauen“. Thomas Wolf: „Sich wehren muss man lernen.“

Gesellschaft: ​Alle können etwas tun, um gegen Gewalt an Frauen vorzugehen. „Es geht darum, aufmerksam zu sein, auf Grenzverletzungen im Bekanntenkreis und auf der Straße hinzuweisen, einzugreifen“, so Wolf. Freundinnen und Freunde könnten auch dazu anleiten, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen!
Häusliche Gewalt
Heben Sie Ihre Hand, knicken Sie dann den Daumen ein und legen Sie die restlichen Finger der Hand langsam über den Daumen, sodass eine Faust entsteht. Ein stiller Hinweis, den man im Videochat unauffällig in die Kamera zeigen kann. Freunde und Familie können so alarmiert werden und Hilfe holen.

Gewalt verarbeiten, Hilfe suchen

Sie wurden Opfer von Gewalt oder kennen jemanden, der Opfer geworden ist? Dann lassen Sie sich helfen. In unserer psychiatrischen Institutsambulanz arbeiten wir seelische Krisen auf.