Es ist ein Fehler immer beweisen zu wollen, dass man im Beruf besser ist als alle anderen
Frauen in Führung

Es ist ein Fehler immer beweisen zu wollen, dass man im Beruf besser ist als alle anderen

Berlin

Dr. med. Imke Wirth ist Chefärztin der Klinik für Geriatrie und Frührehabilitation im Helios Klinikum Aue. Auf ihrem Weg nach oben hat sie sich als junge Mutter unter diversen männlichen Kollegen durchsetzen müssen - mit Erfolg. Welche Rolle ihre Familie und ihre privaten sowie beruflichen Überzeugungen dabei einnahmen, lesen Sie im Interview.

Glauben Sie, dass Ihr Weg nach oben schwieriger war als bei Männern?

Jein, ich glaube, so klar lässt sich das nicht sagen. Am Anfang bin ich einer gewissen Skepsis bei den männlichen Kollegen begegnet, ob eine junge Mutter es tatsächlich schafft, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Aber ich habe meinen Beruf von Anfang an als Berufung gesehen. Wahrscheinlich habe ich mich persönlich mehr unter Druck gesetzt, hatte oftmals den Gedanken, dass ich sowohl in meiner Funktion als Chefärztin, aber als auch als Mutter und Ehefrau nicht genug geben kann.

Doch meine Familie und mein Partner standen immer hinter mir und durch Engagement, Verantwortungsbewusstsein und vor allem auch durch meine beruflichen Leistungen habe ich schnell die Akzeptanz meiner männlichen Kollegen erreicht. Das gab mir dann später auch mehr Gelassenheit. In meinen Augen ist es wichtig, immer die Leistung jedes Einzelnen zu fördern. Dabei ist es egal, ob derjenige männlich oder weiblich ist. Wer seinen Beruf liebt, ausfüllt und gut darin ist, wird früher oder später eine Führungsrolle einnehmen können.

Man muss für sich festlegen, welcher Weg einem wichtig ist. Man muss weg vom Perfektionismus und ehrlich zu sich selbst sein.

Dr. med. Imke Wirth, Chefärztin der Klinik für Geriatrie und Frührehabilitation

Inwieweit unterschiedet sich Ihr Führungsstil von dem eines Mannes?

Da müsste ich wohl meine Kolleg:innen fragen. Ich glaube, ich habe ein sehr gutes Organisationsvermögen, da ich schon früh lernen musste, die Patientenversorgung, die Termine als Chefärztin aber auch Zeit für Familie und auch für mich selbst irgendwie miteinander zu vereinbaren. Vielleicht habe ich aus diesem Grund auch mehr Verständnis für Familie und Beruf, völlig egal, ob es um den Jahresurlaub, einen Kindergeburtstag oder ein krankes Kind zu Hause geht. Kollegialität ist mir sehr wichtig – von weiblichen und männlichen Kollegen.

Eventuell empfinde ich als Frau auch weniger Konkurrenzdenken. Mir fällt es leicht, Schwächen zuzugeben, allerdings bin ich auch selbstkritischer. Oftmals erscheint es mir auch, als haben weibliche Führungskräfte höhere Ansprüche an sich selbst – und dann auch an die Arbeit der Kolleg:innen.


Was geben Sie Frauen mit, die am Anfang ihrer Karriere stehen?

Es ist ein Fehler immer beweisen zu wollen, dass man im Beruf besser ist als alle anderen. Insbesondere besser als die männlichen Kollegen. Gleichzeitig möchte man für die Familie stets präsent, eben eine „Supermama“ sein.

Es gilt, Abstriche zu machen. Man muss für sich festlegen, welcher Weg einem wichtig ist. Man muss weg vom Perfektionismus und ehrlich zu sich selbst sein.

Wenn man seine Arbeit mit Leidenschaft und Verantwortungsbewusstsein macht, dann kommt der sogenannte „Erfolg“ von ganz allein. Man wächst mit seinen Aufgaben und in manche Karriere auch hinein. Ein letzter Rat an meine weiblichen Kolleginnen ist, dass man die  Familie nie als Belastung auf dem Weg nach oben sehen sollte, sondern eher als eine Energiequelle. Mein Credo ist: „Es hat alles seine Zeit…“