Psychische Erkrankungen

Diese Krankheitsbilder behandeln wir

Die Behandlungsschwerpunkte liegen auf der Rehabilitation von Patienten mit psychischen Erkrankungen, insbesondere, wenn sie unter chronischen Hautkrankheiten leiden sowie auf der Rehabilitation von Psychoseerkrankungen, Essstörungen, speziell Adipositas, und Borderline-Persönlichkeitsstörung bei Frauen.

Epidemiologische Studien belegen, dass mindestes 1/3 ärztlicher Inanspruchnahme auf seelische Störungen (z.B. Depression und Angsterkrankungen, Arolt 2004), funktionelle Beschwerden (Somatisierungsstörung) sowie Folgeerkrankungen eines problematischen Lebensstils (Alkohol- und Nikotinmissbrauch, falsche Ernährung, Bewegungsmangel, Vereinsamung etc.) zurückgehen.

Psychosomatisches Denken gründet auf einer umfassenden Sichtweise und einem bio-psycho-sozialen Verständnis der Erkrankung des Patienten. Die symptombezogene Behandlung prägt den medizinischen Alltag und ist in vielen Fällen erfolgreich. Bei den chronischen Erkrankungen (psychisch und körperlich) greift dieser Ansatz zu kurz.

Das psychosomatische Vorgehen zeichnet sich durch eine veränderte Herangehensweise an den Patienten aus:
Erfasst werden nicht nur die körperlichen und psychischen Beschwerden des Patienten, sondern auch die Lebenssituation, in der der Patient sich heute befindet bzw. damals war, als die Beschwerden auftraten. Darüber hinaus erkundigen wir uns nach der Lebensgeschichte, weil hieraus häufig erst das Entstehen bestimmter Beschwerden verständlich wird und der Charakter und die Erfahrungen eines Menschen wesentlich für die Bewältigung von Krankheit sind.

Essstörungen zählen bei Mädchen und jungen Frauen zu den häufigsten Störungsbildern. Man unterscheidet grob und etwas vereinfachend zwischen Magersucht, Bulimie, Binge Eating und verschiedenen Mischformen. Bei fast allen kreisen die Gedanken nur noch um das Essen. Körpergewicht und Proportionen bekommen eine völlig überwertige Bedeutung und können häufig nur noch verzerrt wahrgenommen werden (man nennt das Körperschemastörung). 

Wenn man das Körpergewicht nicht nur subjektiv beurteilen will, braucht man einen objektiven medizinischen Bezugspunkt. International durchgesetzt hat sich hierzu der Body-Maß-Index (BMI), der mit einer etwas komplizierten Rechenformel das Körpergewicht und die Körpergröße miteinander in Bezug setzt.

Berechnung des BMI

Gewicht in kg : Körpergröße in m : Körpergröße in m
z.B. für eine Frau mit einem Gewicht von 50 kg und einer Größe von 1,70 m wäre dies:
50 : 1,7 : 1,7 = BMI 17,3.

 

Zu den Krankheitsbildern zählen

Anorexia nervosa (Magersucht)
Hierunter versteht man eine durch selbstgesteuerte Mangelernährung betriebene Gewichtsabnahme auf einen BMI von 17,5 oder darunter, meist begleitet von zusätzlichen Maßnahmen, die das Gewicht niedrig halten sollen. Hierzu zählen z.B. Erbrechen, übertriebene Bewegung und der Missbrauch von Abführmitteln. Die Körperwahrnehmung ist verzerrt, oft existiert kein Krankheitsgefühl. Die Frau aus dem obigen Rechenbeispiel wäre vom Gewicht her anorektisch. Voraussetzung für die Aufnahme auf unserer Station ist ein BMI von mindestens 13. Bei einem so gefährlich niedrigen BMI müssen wir sofort mit der Patientin gewichtssteigernde Maßnahmen in Gang bringen. Nach Absprache kann in besonderen Fällen eine Behandlung in der hiesigen HELIOS Klinik Bad Berleburg helfen, das geforderte Aufnahmegewicht zu erreichen.

Bulimia nervosa
Eine Bulimie ist gekennzeichnet durch Heißhungerattacken mit Kontrollverlust und anschließendem Erbrechen, oft auch durch zusätzliche Einnahme von Abführmitteln. Das Gewicht ist häufig normal, manchmal auch durch die enormen Nahrungsmengen erhöht, zeitweise auch erniedrigt. Die begleitende Scham über die Symptomatik bringt Heimlichkeiten mit sich, die z.B. Beziehungen oder die berufliche Situation sehr belasten können. Der offene Umgang über die Thematik mit den anderen Patientinnen auf der Station kann sehr zur Entlastung beitragen und wird oft als befreiend erlebt.

Binge Eating
Mit diesem englischen Begriff beschreibt man Heißhungerattacken ohne anschließende Gegenregulation (z.B. extreme Formen des "Frustfressens“). Übergewicht ist hier die fast zwangsläufige Folge.

Mischformen
Viele Patientinnen leiden nicht nur unter einer Form der Essstörung, sondern haben z.B. Heisshungerattacken bei einer bestehenden Anorexie ("Bulimarexie“). Im Laufe des Lebens vermischen sich die Störungsbilder oft oder gehen ineinander über. Auch aus anderen psychischen Ursachen heraus können sich Essstörungen entwickeln, z.B. im Rahmen einer depressiven Erkrankung oder einer Persönlichkeitsstörung.

Adipositas
Von einer Adipositas spricht man ab einem BMI über 30. Auch adipöse Patientinnen behandeln wir auf der Station, wobei wir darauf achten, diesbezüglich gleichzeitig mehrere Patientinnen aufzunehmen. Das Selbstwertgefühl adipöser Frauen ist oft so gering, dass sie sonst sehr schnell in eine sehr schamhaft besetzte Position kommen können mit negativen Folgen für die Behandlung und den offenen Umgang miteinander.

 

Die Station

Die Behandlung findet auf einer Station mit vorwiegend jüngeren Patientinnen statt, zumeist mit Essstörungen, aber auch Störungsbildern wie Depressionen, Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Borderlinestörung oder anderen Persönlichkeitsstörungen. Aufgenommen werden Patientinnen ab 16 Jahren, wobei wir bei so jungen Patientinnen in einem Vorgespräch prüfen, ob unser Behandlungskonzept und die Station für sie angemessen sind. Auch Mütter mit Kindern können aufgenommen werden. Die Station ist grundsätzlich offen, Besuch kann empfangen werden. Eine Kontaktsperre haben wir nicht.

Durch den Kontakt mit Gleichaltrigen, die sich in ähnlichen Lebenssituationen befinden, entwickelt sich die Sicherheit, mit seinen Problemen nicht allein zu stehen und vor allem auch die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten Lösungsmöglichkeiten zu finden. Die gemeinsamen Gespräche werden oft im Nachhinein als ausgesprochen hilfreich für den Therapieerfolg gesehen.

 

Unser Umgang mit Essen

Wir besprechen zu Beginn der Behandlung, welche Kostform für die Patientin angemessen ist. Vegetarische Ernährung ist möglich. Um Alltagsnähe zu erhalten, werden die Mahlzeiten im gemeinsamen Speisesaal von einem Buffet eingenommen.

Erfahrungsgemäß sind allerdings essgestörte Patientinnen manchmal mit dem großen Nahrungsangebot eines Buffets überfordert, so dass wir beim Auftreten von Schwierigkeiten portioniertes Essen mit Service am Tisch anbieten. So können die Patientinnen vom Gang zum Buffet entlastet werden. Wir arbeiten jedoch darauf hin, dass die Portionierung möglichst nur übergangsweise erfolgt, um nicht die Realitätsnähe gänzlich einzubüßen und versuchen, gemeinsam mit der Patientin andere Stützungsmöglichkeiten als den Rückzug zu erarbeiten. Zusätzliche Zwischenmahlzeiten helfen bei der Strukturierung der Mahlzeiten und beim Erreichen der jeweils individuell abgesprochenen Gewichtsziele. Die Zwischenmahlzeiten können auch gemeinsam mit den Schwestern der Station eingenommen werden. Gewogen wird auf der Station. Die Häufigkeit schwankt nach Absprache und Notwendigkeit zwischen einmal in der Woche bis täglich.

Absprachen über das Essverhalten werden mit den einzelnen Patientinnen im Rahmen des Einzelgesprächs individuell festgelegt. Bezugspunkt für Gewichtsabsprachen ist der BMI, wobei wir als Normalgewicht einen Korridor von mindestens BMI = 19 bis 20 ansehen. Für eine 1,70 m große Frau  entspricht dies einem Gewicht von 54,9 kg. Bei den Absprachen berücksichtigen wir auch selbstverständlich Zielvorstellungen der Patientinnen, so lange dies medizinisch zu verantworten ist.

Es ist entscheidend, einen bloß künstlichen Anpassungseffekt an die Erwartungen der Klinik zu vermeiden und die Übertragbarkeit des veränderten Essverhaltens zu gewährleisten. Zum einen muss das Gewicht letztlich von der Patientin innerlich akzeptiert werden können, um eine erneute Abnahme zu vermeiden. Zum anderen hat das krankhafte Essverhalten meist eine Funktion im Leben der Patientinnen, die erst durch die Entwicklung neuer Lösungsstrategien außer Kraft gesetzt werden kann (z.B. Aufbau von Selbstbehauptung oder gesunder Entlastung von innerem Druck). Insofern legen wir großen Wert darauf, solche Verhaltensalternativen gemeinsam zu entwickeln und möglichst schon während der Behandlung auszuprobieren.

 

Der Behandlungsablauf

Nach der Anreise werden die Patientinnen von der Stationsschwester begrüßt und auf ihr Zimmer geführt. Es folgt der erste Kontakt zum Bezugstherapeuten, meist am selben Tag auch noch die körperliche Untersuchung. Der Umgang mit Essen wird bereits in diesem ersten Gespräch thematisiert, um möglichst schnell ungünstige Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern.

Auf der Station gibt es ein Patensystem, d.h. eine Mitpatientin erklärt sich bereit, der "Neuen“ erste Fragen zu beantworten, das Haus zu zeigen und bei der ersten Kontaktaufnahme mit den anderen zu helfen. Da das erste Treffen mit der „Patin“ oft im Aufenthaltsraum der Station erfolgt, lernt man die Neuen schnell kennen und fühlt sich nicht mehr so alleine. Die ersten Tage sind zumeist ausgefüllt von organisatorischen Dingen, die erledigt werden müssen und davon, dass man sich als „Neue“ auch akklimatisieren muss. Am Ende der ersten Woche lernen Sie das gesamte Behandlungsteam kennen und erhalten den auf Sie abgestimmten Therapieplan.

Untergebracht sind die Patientinnen in Einzelzimmern mit Dusche, Telefon und Kabelanschluss. Für Mütter mit Kindern ist ein spezieller Flur, mit für Kinder angepassten Möglichkeiten eingerichtet (z.B. Spielmöglichkeit). Die Kinder werden montags bis freitags in einer Kindertagesstätte betreut.

 

 

Indikationen

Wenn die Lebensqualität durch die Hauterkrankung erheblich beeinträchtigt ist oder Konflikte bzw. vermehrte Spannungssituationen die Erkrankung verschlechtern, dann ist eine psychosomatische Behandlung sinnvoll. Nicht zuletzt sollte ein untypischer Behandlungsverlauf, bei dem trotz intensiver und adäquater dermatologischer Therapie die erwartete Besserung nicht eintritt, Anlass zur Vorstellung bei einem psychosomatisch erfahrenen Arzt sein, der im Gespräch mit dem Patienten nach bislang übersehenen Belastungsfaktoren sucht und prüft, ob ggf. eine psychosomatische Behandlung Lösungsmöglichkeiten bietet.

Man kann auch nicht sagen, dass bestimmte Hautkrankheiten, wie z.B. Neurodermitis, immer einer psychosomatischen Behandlung bedürfen, weil sie psychischen Ursprungs wären. Vielmehr weiß man heute, dass es vom Krankheitsverlauf und den Bewältigungsmöglichkeiten eines Menschen abhängt, welcher Behandlung er im einzelnen bedarf. Wenn die ambulante Therapie nicht ausreicht und es um die Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit oder die bestmögliche Integration in das tägliche Leben geht (Rehabilitation), dann ist eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme angezeigt, in der sowohl die körperliche Erkrankung behandelt wird, als auch die psychosozialen Faktoren und Auswirkungen Beachtung finden und in das Therapiekonzept mit einbezogen werden.

Diese Konstellation findet sich häufig bei Patienten mit chronischen Erkrankungen wie atopischer Dermatitis/Neurodermitis oder Psoriasis, aber auch bei stark juckenden Dermatosen wie chronischer Urtikaria (Nesselsucht), Prurigo simplex subacuta oder genitalem Juckreiz. Vitiligo, Akne oder Alopecia areata (kreisrunder oder totaler Haarausfall) mindern häufig stark das Selbstwertgefühl, wiederkehrende Abszesse belasten eine Partnerschaft. Nicht zuletzt können schwere Hauterkrankungen (Zustand nach Melanom-Operation, blasenbildende Dermatosen) zu erheblichen Depressionen führen.

 

Unser Behandlungskonzept

In der Dermatotherapie kommen Salben und ggf. auch innerliche Medikamente zur Anwendung. Wir orientieren uns dabei an schulmedizinischen Standards (z.B. keine Bioresonanztherapie), messen aber den Erfahrungen des Patienten große Bedeutung bei: Womit hat dieser gute Erfahrungen gemacht, was ist sein Krankheitsverständnis? Die Klinik verfügt über umfangreiche Bestrahlungseinrichtungen (UVA, SUP, UVB-311 nm, Teil- und Ganzkörperbestrahlungsgeräte). In Verbindung mit der Badeabteilung sind Photosole-Therapie oder Bade-PUVA möglich.

In Absprache mit der Hautärztin können weitere Beratungen bei einer Diplom-Ökotrophologin im Hause veranlasst werden, auch der Besuch unserer Lehrküche ist möglich. Auf Nahrungsmittelallergien können wir in einem begrenzten Rahmen eingehen, bitte wenden Sie sich zur Abklärung im Vorfeld an die Aufnahmeabteilung unserer Klinik. 

In der dermatologischen Sprechstunde können im Verlauf der Behandlung Informationen zum Krankheitsbild und zur stadiengerechten Therapie vermittelt werden. Außerdem interessiert uns die Frage, warum der Patient gerade jetzt in Behandlung kommt, ob es eine auslösende Situation gegeben hat, die zur psychosomatischen Dekompensation führte. Dies kann z.B. eine Belastungssituation in Partnerschaft, Familie oder Beruf sein, die zur Verschlechterung oder zum Ausbruch der Hauterkrankung führte. Aber auch der Umgang des Patienten mit seiner Erkrankung und seine Krankheitstheorie sind von eminenter Bedeutung für einen guten, d.h. möglichst wenig einschränkenden Umgang mit der Erkrankung.  

Im Rahmen der Psychotherapie (Einzel- und Gruppentherapie, Kreativverfahren) haben die Patienten die Möglichkeit, über ihre Situation zu sprechen, diese zu reflektieren und neue Wege zu probieren. 

In der Tanztherapie wird die Sensibilität für den eigenen Körper und die eigenen Grenzen gefördert, was das Gefühl und damit auch das Verständnis für eigene Wünsche, Bedürfnisse, aber auch Grenzen ermöglicht und fördert.

Als Entspannungsverfahren bieten wir die progressive Muskelentspannung an.

Auch die Gymnastik und Sporttherapie fördern durch körperliche Aktivität den inneren Ausgleich, kräftigen und vermitteln so positive Erfahrungen.

 

Ihr Reha-Ziel

Ziel der Rehabilitation ist die Wiederherstellung oder Besserung sowie die Verhütung von Störungen der gesundheitlichen Integrität.

Auf der körperlichen Ebene umfasst dies die Beschwerdebesserung und möglichst Abheilung der Hautveränderungen. Damit dieser Erfolg aber möglichst lange anhält, sollte der Patient lernen, adäquat mit seiner Erkrankung umzugehen, sie weder wie einen Feind zu bekämpfen, noch zu resignieren, sondern den wechselhaften Verlauf zu kennen und zu akzeptieren. Mit dieser Haltung ist es erfahrungsgemäß leichter, die notwendige Hautpflege durchzuführen und bei einer Verschlechterung oder einem Schub adäquat zu reagieren.

Rehabilitationsziel ist auch eine Klärung, inwieweit die Hauterkrankung durch seelische Belastungen oder eine schwierige Lebenssituation beeinflusst wird. Dann gehört die Förderung von Perspektiven und Bewältigungsstrategien, die zu einer Stabilisierung des Patienten und Verbesserung seiner Lebensqualität beitragen, sowohl im Alltag wie auch im Beruf oder der Freizeit.

In der Anfangsphase der Rehabilitation werden mit dem Patienten seine besondere Situation besprochen und entsprechend in Absprache mit ihm Ziele festgelegt. Dabei ist es günstig, konkrete und überschaubare Ziele anzustreben, weil dies Erfolg versprechend ist und eine Umsetzung leichter gelingt. Damit wird der Patient ermutigt für den nächsten (kleinen) Schritt.

 

Behandlungsablauf

Bei der Anreise zur Wochenmitte werden die Patienten von der Schwester begrüßt und erhalten Fragebögen und Dokumentationsmaterial, das sie bis zum Wochenende ausfüllen. Es schließt sich die körperliche Untersuchung an und am späten Nachmittag nimmt ein Patient der Station (Pate) Kontakt mit dem Neuangereisten auf, um die Eingewöhnung zu erleichtern.

Das Erstgespräch findet meist am Aufnahmetag statt und zum nächsten Termin die Vorstellung in der dermatologischen Sprechstunde.

Freitags stellen sich die neu angereisten Patienten dem Behandlungsteam vor und nachmittags folgt ein Einführungsvortrag.

Nach Abstimmung der Therapieziele zwischen Behandlungsteam und Patient wird ein Behandlungsplan aufgestellt.

Extreme Stimmungsschwankungen, Gefühle von Niedergeschlagenheit, Depressivität, Selbstverachtung, Selbsthass, extreme Ängste und exzessive Wut, massive Selbstverletzungen, ausgeprägte Nähewünsche und zugleich heftige Attacken und Zerstörung von Nähe bei tatsächlicher Annäherung - all das sind Symptome des sogenannten Borderline-Syndroms.

Häufig finden sich gleichzeitig Symptome von Essstörungen, Suchttendenzen, posttraumatische Belastungsstörungen sowie Angst- und depressive Erkrankungen. Auch kurzzeitige psychotische Störungen sind möglich.

Bis zu 2 Prozent der Allgemeinbevölkerung sind betroffen, etwa 80 Prozent der Borderline-Patienten sind weiblich.

 

Störungsspezifische Behandlungsstrategien

Die Symptomvielfalt der Borderline-Problematik, die häufige Schwere und Chronizität des Krankheitsbildes sowie die fast regelhaft auftretenden therapeutischen Schwierigkeiten legen ein auf die Störung spezifiziertes Therapieschulen übergreifendes bzw. integratives Behandlungskonzept nahe:

  • Eine tiefenpsychologisch interaktionell ausgerichtete Gesprächsgruppe: In dieser Gruppe geht es insbesondere um das Erkennen und Überwinden von Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich. Im Vordergrund steht die Bearbeitung des „Hier und Jetzt“ und weniger die des „Dort und Damals“.
  • Eine verhaltenstherapeutisch (DBT) ausgerichtete Fertigkeits-Trainingsgruppe (skills): Aus verhaltenstherapeutischer Sicht steht die Fokussierung der Emotionsregulation im Vordergrund. Eine Störung bzw. Einschränkung in diesem Bereich soll überwunden werden durch ein gezieltes Training in den Bereichen Stresstoleranz, Modulation der Emotionen, zwischenmenschliche Fertigkeiten und innere Achtsamkeit.

Ergänzt werden die genannten therapeutischen Ansätze durch die Musiktherapie sowie durch zahlreiche Maßnahmen aus den Bereichen der Sport-, der Physio- und Bewegungs- sowie der Ergotherapie. Psychoedukative Maßnahmen aus den Bereichen der Ernährungsberatung sowie der Sozialberatung ergänzen das genannte Vorgehen. Die Behandlung findet statt im Rahmen einer sozialtherapeutisch konzipierten Stationsgemeinschaft und eines jeweils individuell abgestimmten Gesamtbehandlungsplans. Dieser wird im Rahmen der Einzeltherapie unter Berücksichtigung von den Behandlungszielen, dem spezifischen Behandlungsfokus und den Erfahrungen während der Therapie individuell besprochen und abgestimmt.

Zu Behandlungsbeginn sind wegen Selbstverletzungen und möglicher suizidaler Tendenzen diesbezüglich spezielle Vereinbarungen schriftlich zu fixieren. Dabei geht es um die notwendige Bereitschaft der Patientinnen fest zuzusichern, während der Rehabilitationsbehandlung keinen Suizidversuch durchzuführen und auch nach der stationären Rehabilitationsmaßnahme weiter am Leben bleiben zu wollen und alles in diese Richtung Notwendige zu tun. Ferner geht es um die notwendige Bereitschaft im Falle des krisenhaften Auftretens von Suizidalität, sich in solchen Situationen freiwillig auf eine geschützte psychiatrische Akutstation verlegen zu lassen. Gegebenenfalls kann dann nach wenigen Tagen die Rehabilitationsbehandlung fortgesetzt werden. Im Falle der Notwendigkeit einer zwangsweisen Verlegung von Patientinnen ist in der Regel die Behandlung in der Rothaarklinik beendet.

Ferner geht es um die feste Zusicherung der Patientinnen während der gesamten hiesigen Behandlungszeit weder innerhalb noch außerhalb der Klinik Alkohol oder Rauschdrogen zu konsumieren und der Einhaltung  dieser Regel durch ggf. durchzuführende Kontrollen zuzustimmen.

Mit der Aufnahme der Patientinnen in die Rothaarklinik beginnt beinahe zeitgleich bereits die Planung der Entlassung. In diesem Zusammenhang legen wir großen Wert darauf, während des Aufenthaltes die reale Lebenssituation nicht außer acht zu lassen. Zur konkreten Klärung praktischer, sozialer und rechtlicher Fragen steht von daher eine Diplom-Sozialarbeiterin zur Verfügung. Sie hilft ebenso bei der Suche nach Selbsthilfegruppen wie auch bei der Suche nach ambulanter psychotherapeutischer Weiterbehandlung am Wohnort. Ferner leitet sie auch notwendige Kontakte zu Ämtern in die Wege. 

Paargespräche bzw. Familiengespräche können ebenso wie eine Wochenendheimfahrt für die Verzahnung von stationärer Rehabilitation und der Alltagssituation der Patientinnen indiziert sein.

Psychische Störungen gehören zu den häufigsten Krankheiten. Mehr als ein Drittel aller Patienten im Krankenhaus und in der Allgemeinarztpraxis leidet unter psychischen Symptomen, wovon wiederum mindestens die Hälfte behandlungsbedürfig sind. Bei Frauen und Männern haben Frühverrentungen aufgrund dieser Erkrankungen inzwischen die degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates (z.B. Bandscheibenschäden) vom ersten Platz verdrängt. Trotzdem ist es noch keine Selbstverständlichkeit, sich zu einer Depression oder Angsterkrankung zu bekennen.

Noch schwieriger ist die Situation für Menschen, die an einer Psychose erkrankt sind. Die Auseinandersetzung mit dieser Erkrankung belastet die Betroffenen und deren Angehörige oft schwer, bis ein adäquater Umgang gefunden wird. Nach der gegebenenfalls erforderlichen Akutbehandlung besteht das Ziel der Rehabilitation darin, den Betroffenen eine größtmögliche zufriedenstellende Teilnahme am sozialen und beruflichen Leben zu ermöglichen. Verständnis der Erkrankung und Ursachen.

Psychotische Erkrankungen werden als ein vielschichtiges Geschehen („biopsychosoziale Verursachung“) verstanden. Damit ist das Zusammenwirken von biologischen Faktoren (Anlage/Vererbung, Stoffwechselveränderungen im Gehirn) mit der psychischen Belastungsfähigkeit eines Menschen als Resultat seiner Lebensgeschichte und aktuellen Ereignissen (Familie, Beruf etc. - unser „sozialer Rahmen“) gemeint.

 

Psychosen

Heutzutage werden Psychosen überwiegend über bestimmte Auffälligkeiten definiert, wobei man verschiedene Krankheitsbilder unterscheidet. Diese Abweichungen finden sich in den Bereichen der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens und/oder Handelns. Die Betroffenen können in ihrer Fähigkeit, sich selbst oder andere Menschen und Ereignisse wahrzunehmen und zu interpretieren (Kognition), beeinträchtigt sein. Im Bereich des Fühlens kann die Intensität, die Variationsbreite und Angemessenheit verändert sein (Affektivität), ebenso die Impulskontrolle und häufig auch die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen.

Oft ist die Erkrankung auch mit großer Angst und sozialem Rückzug verbunden sowie verminderter Belastungsfähigkeit/Ausdauer. In der Folge kommt es zu oft erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag, in den persönlichen Beziehungen und im Berufsleben, die die Lebensqualität erheblich mindern.

Psychosen aus dem Bereich der Schizophrenien
fallen besonders im akuten Stadium durch kognitive Veränderungen auf. Häufig ist der Bezug zur Realität verloren gegangen. Wahnvorstellungen und Halluzinationen können das klinische Bild beherrschen („Plussymptomatik“). Manche Patienten leiden unter Missempfindungen, die wahnhaft verarbeitet werden oder die Körperbeweglichkeit ist eingeschränkt. Die Patienten führen nicht mehr Regie im eigenen „Ich“, erleben sich manipuliert und beeinflusst und kämpfen verzweifelt um die Aufrechterhaltung ihrer Identität. Im weiteren Verlauf können Einschränkungen in Konzentration, Antrieb, Durchhaltevermögen und im Gefühlsleben auftreten („Minussymptomatik“), denen man durch eine frühzeitige und kontinuierliche Therapie meist gut begegnen kann.

Bipolare Störungen (Affektive Psychosen)
äußern sich als phasenweises Auftreten einer Depression oder (Hypo-)Manie. Die Störung im Bereich des gefühlsmäßigen Erlebens äußert sich auf der einen Seite in einer Verminderung des Antriebs, der allgemeinen Befindlichkeit, in körperlichen Beschwerden, bis hin zur völligen inneren Leere und wahnhaften Verarbeitung bei der Depression. Auf der anderen Seite steht die manische Störung mit gesteigertem Antrieb, Ruhe- und Rastlosigkeit, Kritiklosigkeit, dem Gefühl unbegrenzter Leistungsfähigkeit, Größenideen und Selbstüberschätzung.

Schizoaffektive Psychosen
treten wie affektive Psychosen oft in Phasen auf und enthalten auf der Symptomebene Elemente der affektiven und der schizophrenen Psychosen.

 

Rehabilitationsziele

Übergeordnete Ziele der Rehabilitation sind die Verbesserung der Krankheitsbewältigung  und die Förderung bzw. Sicherung der Teilhabe des Rehabilitanden am sozialen Leben mit einem Schwerpunkt auf der Erwerbsfähigkeit. Für die Rehabilitanden ist es eine große Hilfe, wenn sie sich auch wieder ihrer (verbliebenen) Fähigkeiten und Ressourcen bewusst werden (Grawe, Grawe-Gerber 1999).

  • Spezielle Therapieziele sind:
  • Förderung der Krankheitseinsicht und der Akzeptanz erforderlicher therapeutischer Behandlungsmaßnahmen (Aufbau und Erhalt der Behandlungsmotivation)
  • Optimierung der psychopharmakologischen Medikation
  • Auseinandersetzung mit der Erkrankung in Bezug auf die beruflichen, sozialen und persönlichen Perspektiven
  • Förderung von Kompetenzen und Eigenverantwortlichkeit im Umgang mit der Erkrankung (Krisenmanagement, Umgang mit persistierenden Symptomen, Selbsthilfegruppen, Behandlungsvereinbarungen)
  • Förderung der sozialen Kontaktfähigkeit zur besseren Teilhabe am sozialen Leben (Modifikation dysfuntkionaler Kognitionen und problematischer Interaktionsmuster)
  • Klärung der Leistungsfähigkeit als Voraussetzung ggf. notwendiger weiterer Therapiemaßnahmen (z.B. berufliche Rehabilitation, Psychotherapie, sozialpsychiatrische Betreuung etc.

 

Behandlungsablauf

Zuerst zeigt die Schwester bzw. der Pfleger die Klinik und macht die Patienten mit den wichtigsten Örtlichkeiten und Abläufen bekannt. Anschließend folgt eine körperliche Untersuchung und dann das Gespräch mit dem Bezugstherapeuten. Hierin können die Krankheitsgeschichte, die Erwartungen und vielleicht auch Ängste, die in Bezug auf die Rehabilitation bestehen, geschilder werden. Am Ende der Woche lernen die Patienten in einer Vorstellungsrunde das Behandlungsteam kennen, worauf dann eine individuelle Behandlungsplanung abgesprochen wird.

Wir wollen die Patienten dabei unterstützen, der Erkrankung in der jetzigen Situation nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern selbst etwas tun und bewirken zu können. Das fördert nicht nur die Stimmungslage, sondern aktiviert auch Kraftquellen (Ressourcen) zur Bewältigung bzw. im Umgang mit der Erkrankung.

In der Rehabilitation arbeiten wir mit verschiedenen Therapieelementen, um so alle Möglichkeiten zu nutzen. Im Vordergrund steht dabei die Gruppentherapie, die eines der effektivsten psychotherapeutischen Verfahren darstellt. Gerade der Austausch mit anderen Betroffenen ermöglicht nicht nur eine Entlastung und Neuorientierung, sondern fördert auch Aktivität und soziale Fertigkeiten. Besonders schwierige Themen können in den regelmäßigen Einzelgesprächen besprochen werden.

In Abhängigkeit von den Therapiezielen gibt es die Möglichkeit zur Teilnahme an der Kreativtherapiegruppe, der Ergotherapie und manche Patienten nehmen auch an Projektgruppen teil (Lehrküche). Im Cogpack (computergestütztes kognitives Training) können Aufmerksamkeit und Konzentration trainiert werden.

Durch die Sporttherapie wird auf körperlicher Ebene eine Aktivierung und Kräftigung angestrebt. Weitere Therapieelemente sind die Stationsgruppen, in denen die Patienten und das Behandlungsteam die aktuellen im Zusammenleben auf der Station entstehenden Fragen, Aufgaben und Probleme besprechen, des Weiteren die Ernährungsberatung und physiotherapeutische Anwendungen.

Im Rahmen der Psychoedukation werden Informationen zum Krankheitsbild der Psychosen vermittelt. In Zusammenarbeit mit der Sozialberatung und dem Rehaberater, der regelmäßig die Klinik besucht, können Fragen der beruflichen Rehabilitation besprochen werden und Ihnen auch bei anderen sozialen Problemen Unterstützung gegeben werden. Nach Absprache ist auch eine Belastungserprobung und entsprechende Testung beruflicher Fähigkeiten möglich.

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