Skoliose – Wirbelsäulenverkrümmung erklärt © Foto: Canva
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Anomalie der Wirbelsäule

Skoliose – Wirbelsäulenverkrümmung erklärt

Rund 900.000 Menschen in Deutschland leiden an einer Skoliose. Was sich hinter der Krankheit verbirgt, welche Symptome sie mit sich bringt und wie eine Therapie aussehen kann, erfahren Sie von unserem Experten Dr. Khanh Toan Hau, Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie im Helios Klinikum Duisburg.

Das verbirgt sich hinter der Krankheit Skoliose

„Der Begriff Skoliose bezeichnet per Definition eine Fehlstellung der Wirbelsäule, bei der diese seitlich verbogen ist“, erklärt der Experte. Es handelt sich um eine dreidimensionale Achsabweichung der Wirbelsäule.  Das bedeutet, sie krümmt sich in diesem Fall nicht nur nach vorn und hinten, sondern auch zur Seite. Der sogenannte Cobb-Winkel gibt an, wie stark die seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule ist.

Skoliose kann jeden treffen

Von einer Skoliose können Menschen jeder Altersgruppe betroffen sein. Doch im hohen Alter, ab circa 60 Jahren, kann die Häufung auf bis zu 68 Prozent ansteigen, da die Wirbel sich altersbedingt verändern. Vor allem Frauen und Mädchen sind rund viermal häufiger von einer idiopathischen Skoliose, bei der die Ursachen unbekannt sind, betroffen. 

Der Begriff Skoliose bezeichnet per Definition eine Fehlstellung der Wirbelsäule, bei der diese seitlich verbogen ist.

Dr. Khanh Toan Hau, Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie | Helios Klinikum Duisburg

Welche Skoliose Formen gibt es?

Eine gesunde Wirbelsäule besteht aus etwa 33 Wirbelknochen: sieben Halswirbeln, zwölf Brustwirbeln, fünf Lendenwirbeln, fünf Kreuzbeinwirbeln und vier Steißbeinwirbeln. Bei der Skoliose können Brust- und Lendenwirbelsäule ebenso betroffen sein wie die Übergangsbereiche zwischen verschiedenen Wirbelsäulenabschnitten. Je nachdem, auf welche Seite sich die Wirbelsäule krümmt, sprechen Fachleute von einer rechts- beziehungsweise linkskonvexen Skoliose.

Eine Verkrümmung der Wirbelsäule lässt sich in verschiedene Formen einteilen. Üblich ist die Einteilung nach Alter, Ursache oder Ausprägung.

Bei der Ursache unterscheiden Ärzte zum einen zwischen den idiopathischen Skoliosen, deren Auslöser unbekannt sind. Sie machen 90 Prozent aus. Und zum anderen den sekundären Skoliosen, die als Folge etwa einer anderen Erkrankung oder eines Traumas auftreten. Diese treten in zehn Prozent der Fälle auf. „Vor allem bei der idiopathischen Skoliose lässt sich weiterhin in eine leichte Skoliose bis zu einer Krümmung von 20 Grad, eine mittelschwere zwischen 20 und 40 Grad, eine schwere von 40 bis 80 und eine sehr schwere über 80 Grad unterteilen“, sagt der erfahrene Chefarzt Dr. Khanh Toan Hau.

Skoliose-Formen illustriert
Je nach Bereich gibt es unterschiedliche Bezeichnungen der Skoliose | Grafik: Helios

Eine andere Möglichkeit der Einteilung kann zudem der Zeitpunkt sein, ab wann die Skoliose auftritt. Es gibt

  • die Säuglingsskoliose (bildet sich oft zurück),
  • die infantile Skoliose (bis zum 3. Lebensjahr),
  • die juvenile (bis 10 Jahre),
  • die adoleszente Skoliose (bis 18 Jahre) und
  • die adulte Skoliose im höheren Alter. Sie geht vor allem ab 60 Jahre aufwärts oftmals auf degenerative Vorgänge im Körper zurück.

Auf diese Symptome sollten Sie achten

Bei einer Verkrümmung der Wirbelsäule muss zwischen der idiopathischen und der degenerativen Skoliose unterschieden werden.

Für degenerative Skoliosen bei Erwachsenen gibt es eine ganz andere Betrachtungsweise, ganz andere Behandlung und Symptome. Diese Patienten sind sehr viel häufiger in Behandlung, aufgrund des starken Leidensdrucks und der Behandlung körperlicher Beschwerden.

Die idiopathische Skoliose ist häufig beschwerdefrei und daher bei leichten Fällen nicht immer einfach zu erkennen.

Symptome können hierbei sein:

  • Fehlstatik mit künftiger Entwicklung zu Überbelastungssyndromen
  • deformiertes Aussehen und darauffolgend Beeinträchtigung von Herz- und Lungenkapazität
  • oftmals psychische Probleme infolge der sozialen Inakzeptanz (aus ästhetischen Gründen)

So funktioniert die Diagnose

Zunächst erfolgt die Sichtdiagnostik. Das heißt die körperliche, klinische Untersuchung. Dort wird geschaut, ob das Taillendreieck symmetrisch oder asymmetrisch ist, ob der Becken- und Schulterstand gerade oder schief ist, ob die Wirbelsäule im Lot ist oder ob der Untersuchte einen Rippenbuckel oder einen Lendenwulst vorweist.

Nachdem die Untersuchung abgeschlossen ist und ein Verdacht auf Skoliose besteht, findet die apparative Diagnostik mit Röntgenstrahlung statt. Eine Alternative dazu ist die Rasterstereographie. Diese wird häufig bei Kindern zur Vermeidung vor Röntgenstrahlung angewendet. Der Nachteil dabei ist allerdings, dass diese nicht direkt und damit ungenauer ist.

Verkrümmung der Wirbelsäule

Skoliose nach Grad unterteilt als Illustration
Beim Vorbeugen zeigt sich die Verkrümmung der Wirbelsäule deutlich | Grafik: Helios

Wie sieht die Behandlung aus?

Die drei Säulen der Behandlung einer Skoliose bestehen aus Physiotherapie, Korsetttherapie und Operation.

Der Duisburger Experte sagt: „Bei Skoliosen bis zu einer Krümmung um etwa 20 Grad ist man mit belastenden Therapien zurückhaltend“. Zunächst erfolgt die klinische Beobachtung, bei der genau geschaut wird, wie sich die Skoliose im Wachstum entwickelt. Diese Beobachtung könnte mit einer speziellen Krankenggymnastik nach Katharina Schrot begleitet werden. Physiotherapeutische Übungen stärken die Muskulatur rund um die Wirbelsäule und können so den Verlauf positiv beeinflussen.

„Bei einer Krümmung zwischen 20 und 40 Grad kommt die Korsetttherapie zum Einsatz. Es ist individuell angefertigt und aus leichtem Kunststoff“, erklärt Dr. Khanh Toan Hau. Im Laufe der Zeit soll das Korsett die Wirbelsäule lenken und passiv durch das Wachstum in die richtige Position schieben oder Verschlechterungen verhindern. Gerade für Kinder ist das ständige Tragen aber nicht einfach, da es 23 Stunden am Tag getragen werden soll, um seine Wirkung entfalten zu können.

Bei einer Krümmung zwischen 20 und 40 Grad kommt die Korsetttherapie zum Einsatz. Es ist individuell angefertigt und aus leichtem Kunststoff.

Dr. Khanh Toan Hau, Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie | Helios Klinikum Duisburg

Ab etwa 40 Grad lässt sich über operative Maßnahmen diskutieren. Dabei gibt es zwei verschiedene Arten der Operation. Aktuell wird die OP vom Rücken aus favorisiert, da sich die OP von vorne nachteilig auf die Lungenkapazität auswirken kann. Dieser operative Eingriff ist einer der komplexesten in der Wirbelsäulenchirurgie. Der Erfolgt ist oftmals sehr groß, denn die Deformität und die Statik lassen sich verbessern. Während der OP begradigt und versteift der Chirurg die Wirbelsäule - ein Eingriff, der schlimmer klingt als er ist. Denn besonders junge Menschen sind nach der Prozedur relativ schnell wieder auf den Beinen. Die Komplikationsrate vor allem für neurologische Schäden liegt sehr niedrig bei unter einem Prozent. Sie wird schon im OP-Saal durch sogenanntes neurologisches Monitoring, sprich durchgängige Kontrolle der Nervenbahnen, minimiert. Ziel ist es, eine harmonisch ausgebildete, ästhetisch und statisch gute Wirbelsäule herzustellen.

„Es gibt zudem weitere therapeutische Maßnahmen, wie zum Beispiel Botox-Spritzen bei Neuropathischen Skoliosen“, meint Chefarzt Dr. Khanh Toan Hau. Bei neuropathischen Skoliosen führt ein geschädigtes Nervensystem zu einer Verkrümmung der Wirbelsäule, die nicht mehr vollständig durch die die Wirbelsäule stabilisierenden Muskeln kompensiert werden können.

Darüber hinaus gibt es vor allem auch für erwachsene idiopathische Skoliose-patientinnen und -patienten noch weitere konservative Möglichkeiten:

  • Skoliose-Intensiv-Rehabilitation Hilfe zur Selbsthilfe, Haltungsänderung als Rehabilitationsziel
  • Dreidimensionale Skoliose Therapie nach Katharina Schroth
  • Psychologische Betreuung in Gruppen und als Einzeltherapie
  • Ergotherapie zur Arbeitsplatzberatung oder Berufsvorbereitung
  • Atemtherapie
  • Sozialberatung
  • Ernährungsberatung

Tipps für den Alltag

  • Gezielte Übungen für die jeweilige Form können helfen, Rückenschmerzen vorzubeugen oder sie zu lindern
  • Sport: Geeignet sind u. a. Schwimmen, Nordic Walking, Bogenschießen
  • Bewegung (so frei und normal wie möglich)
  • Allgemeines, rückengerechtes Verhalten (auch beim Tragen)
  • ergonomisches Arbeiten
  • sich mit dem Thema Skoliose befassen, an sozialer Akzeptanz und dem eigenen Selbstwertgefühl als Betroffener arbeiten