Schmerztherapie bei Rückenschmerz: Behandlungsmethoden und ihr Einsatz
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Schmerztherapie bei Rückenschmerz: Behandlungsmethoden und ihr Einsatz

Rückenschmerzen haben sich zu einem Volksleiden entwickelt. Wenn die Schmerzen im Rücken chronisch werden, kann eine gezielte Schmerztherapie Linderung verschaffen. Aber welche Therapieform ist geeignet?

Die Behandlungswege bei chronischen Schmerzen können genauso vielfältig sein, wie die Schmerzarten. Sie reichen von Medikamenten über Blutegel und Bewegungstherapie bis hin zu operativen Eingriffen. Dr. Ute Mückshoff, Leitende Ärztin des Zentrums für Schmerztherapie an der Helios St. Elisabeth Klinik Oberhausen, erklärt, welche Behandlungsmethoden bei Rückenschmerzen greifen und was sich hinter dem multimodalen Ansatz verbirgt.

Rückenschmerzen lassen sich nach Dauer, Lage und Auslöser unterschieden. Bei 85 Prozent aller Rückenschmerzpatienten findet sich keine eindeutige Ursache und wir sprechen von unspezifischen Rückenschmerzen.

Dr. Ute Mückshoff, Leitende Ärztin des Zentrums für Schmerztherapie | Helios St. Elisabeth Klinik Oberhausen

Wie entstehen Rückenschmerzen?

Ärztin im Gespräch mit Patient
Dr. Ute Mückshoff im Gespräch mit einem Patienten | Foto: Christina Fuhrmann

Rückenschmerzen entstehen meist durch Überlastung von Sehnen und Bändern an der Wirbelsäule oder durch Verschleißerscheinungen an Wirbeln und Bandscheiben. Seltener sind Unfälle und Erkrankungen der Wirbelsäule die Ursache.  

"Rückenschmerzen lassen sich nach Dauer, Lage und Auslöser unterschieden. Bei 85 Prozent aller Rückenschmerzpatienten findet sich keine eindeutige Ursache und wir sprechen von unspezifischen Rückenschmerzen", sagt Dr. Ute Mückshoff.

Diagnostik von Rückenschmerzen

Rückenschmerzen werden laut Leitlinie in klinische Warnhinweise, die sogenannten "red flags" und "yellow flags" unterteilt. Diese zeigen auf, ob eine spezifische Ursache vorliegt und wann eine radiologische Diagnostik sinnvoll ist. Letztere umfasst alle bildgebenden Verfahren wie Röntgen, Magnetresonaztomographie (MRT), Computertomographie (CT) und Ultraschall. Yellow Flags sind Risikofaktoren für eine Schmerzchronifizierung.

Zu den Yellow Flags gehören:

  • Geringe berufliche Qualifikation und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz
  • Schwerarbeit, monotone Körperhaltung, Vibrationsexposition
  • Psychosoziale Überforderung, Depression, Angst
  • Passive Grundeinstellung
  • Rauchen, Übergewicht, geringe körperliche Kondition
  • Dauer des aktuellen Rückenschmerzes ist länger als 14 Tage
  • Weitere Schmerzen neben dem Rückenschmerz
  • Iatrogene Faktoren (übermäßige Diagnostik etc.…)

Red Flags sind Begleitsymptome und Vorerkrankungen, welche als Warnsignal für eine spezifische Ursache mit einem dringenden Handlungsbedarf stehen.

Zu den Red Flags gehören:

  • Massenprolaps (massiver Bandscheibenvorfall)
  • Fraktur (Bruch): Osteoporose, schweres Trauma
  • Tumor
  • Infektiöse Prozesse
  • Radikulipathie (Reizung oder Schädigung einer Nervenwurzel des Rückenmarks, die sich durch Schmerzen, Kribbeln, Taubheit oder Lähmungen äußert)
  • Konus-Cauda-Syndrom (Kombination aus verschiedenen Beschwerden wie gestörtes Gefühl an den Beinen, Schmerzen im Bein, Inkontinenz)

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Das Schmerzgedächtnis

Wenn Schmerzen über einen längeren Zeitraum hinweg bestehen oder sie sehr stark sind, können sie sich verselbstständigen und ein Schmerzgedächtnis ausbilden. So kann es durch den permanenten Schmerzreiz passieren, dass sich die schmerzverarbeitenden Nervenzellen, aber auch Rückenmark und Gehirn in ihrer Struktur verändern und zunehmend empfindlicher werden. Betroffene empfinden den gleichen Reiz stärker als zuvor. 

"Es handelt sich um einen regelrechten "Lernvorgang", bei dem sich der Schmerz ins zentrale Nervensystem einbrennt. Forscher bezeichnen dieses als Schmerzgedächtnis oder auch Schmerzengramm", sagt Dr. Ute Mückshoff. Mit bildgebenden Verfahren wie der Positronenemissionstomographie (PET) kann es im Gehirn und Rückenmark sichtbar gemacht werden.

Was heißt das konkret?

Die Schmerzrezeptoren senden durch ihre erhöhte Empfindsamkeit viel schneller Schmerzsignale an das Gehirn als zuvor. In der Konsequenz führen nun schon geringe Schmerzreize oder auch nur Berührungen zu Schmerzen. Zudem kann es auch passieren, dass das zentrale Nervensystem mit Schmerz reagiert, obwohl gar kein Schmerzreiz mehr vorhanden ist. In besonders ausgeprägten Fällen kann es sogar vorkommen, dass benachbarte Körperregionen ebenfalls schmerzen. Für Betroffene heißt das: Durch das Schmerzgedächtnis haben sie nach wie vor Beschwerden, obwohl die ursprüngliche Ursache für den Schmerz längst ausgeschaltet ist.

Wege aus dem Schmerz: Therapieformen im Überblick

Gegen Rückenschmerzen gibt es eine Vielzahl an möglichen Therapieformen.

Diese umfassen unter anderem:

  • Bewegungstherapie
  • Patientenschulung
  • Verhaltenstherapie im Rahmen des biopsychosozialen Krankheitsmodells, welches von einer Störung der Interaktion von körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren ausgeht
  • Rückenschule
  • Ergotherapie
  • progressive Muskelrelaxation: willentliche und bewusste An- und Entspannung bestimmter Muskelgruppen
  • manuelle Therapie
  • Akupunktur
  • Elektrotherapie (u. a. TENS)
  • Interventionelle Therapieverfahren: gezielte wirbelsäulennahe Injektion von Lokalanästhetikum und Cortison

Was ist die multimodale Schmerztherapie?

Blutegel auf Unterarm
Blutegel werden häufig bei chronischen Schmerzen im unteren Rücken eingesetzt | Foto: Christina Fuhrmann

Sie gilt als das effektivste Mittel gegen chronische Schmerzen: die multimodale Schmerztherapie. Das Konzept verbindet Therapien aus verschiedenen Fachbereichen miteinander. Gerade bei andauernden Schmerzen hat es sich bewährt, verschiedene Ansätze ineinander wirken zu lassen. "Die multimodale Schmerztherapie beruht auf dem biopsychosozialen Modell, das eine medikamentöse, physiotherapeutische und psychologische Behandlung miteinander kombiniert", so Dr. Ute Mückshoff. Die Behandlung erfolgt über einen festgelegten Zeitraum in Form von Einzel- und Gruppenübungen. 

Ziel ist die Funktionswiederherstellung, die sogenannte "functional restoration". Dabei sollen die durch den Schmerz eingeschränkten körperlichen, psychischen und sozialen "Funktionen" wieder gestärkt werden. Im körperlichen Bereich soll der Patient sowohl objektiv als auch subjektiv eine Verbesserung dieser Funktionen wahrnehmen. Dazu gehören etwa die Steigerung der eigenen Fitness, der Belastungskapazität, Koordination und Körperwahrnehmung. Zudem ist es wichtig, dass die Patienten ihre eigenen Belastungsgrenzen erkennen, um sie besser zu kontrollieren. Die psychologische Behandlung soll psychosoziale und berufliche Belastungen aufzeigen, um diesen gezielt entgegenzuwirken. Zudem sollen sich dadurch Einstellungen sowie Befürchtungen in Bezug auf die eigene Arbeitsfähigkeit, aber auch Aktivitäten verändern. Nach der Therapie soll der Patient in der Lage sein, das erlernte Wissen im Alltag anzuwenden und fortzuführen.

  • Verringerung der Schmerzen
  • Fitness, Belastbarkeit, Koordination und Körperwahrnehmung steigern
  • Vertrauen in die eigene Bewegungs- und Leistungsfähigkeit aufbauen
  • Bewegungsangst und Schonhaltung verringern
  • positive Schmerzbewältigung und Verbesserung der Schmerzerträglichkeit
  • Steigern der Lebensfreude und Lebensqualität
  • Wenn möglich: Wiederherstellen der Arbeitsfähigkeit

"Eine Indikation besteht zunächst bei chronischen Schmerzen", so Dr. Ute Mückshoff. Dabei ist der Zeitpunkt, ab wann Schmerzen als chronisch gelten, von Patient zu Patient individuell.

Mögliche Indikationen sind: 

  • anhaltende oder wiederkehrende Schmerzen des Bewegungsapparats
  • nicht erfolgreiche Behandlungen wegen chronischer Schmerzen
  • deutliche Beeinträchtigung der Lebensqualität oder Arbeitsfähigkeit
  • Vermeidungsverhalten, dysfunktionales Schmerzbewältigung, Katastrophieren (überzeugt sein, dass ein unglückliches Ereignis sicher eintritt)
  • Medikamentenabhängigkeit oder -missbrauch
  • psychische Faktoren, die Schmerzen begünstigen
  • Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Nierenerkrankungen, Herzrhythmusstörungen
  • erhöhter Bedarf an Therapieintensität und -dichte

Die multimodale Schmerztherapie erfolgt entweder in einer Tagesklinik oder aber stationär in darauf spezialisierten Kliniken. Je nach Klinik beträgt die Behandlungsdauer zwischen sieben Tagen und vier Wochen.

Die Krankenkasse übernimmt in der Regel die Kosten, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Sprechen Sie dazu im Vorfeld der Behandlung mit Ihrem Arzt sowie der Krankenkasse.
 

Die multimodale Schmerztherapie beruht auf dem biopsychosozialen Modell, das eine medikamentöse, physiotherapeutische und psychologische Behandlung miteinander kombiniert.

Dr. Ute Mückshoff, Leitende Ärztin des Zentrums für Schmerztherapie | Helios St. Elisabeth Klinik Oberhausen

Interventionelle Therapieverfahren an der Wirbelsäule

Eine Periradikuläre Therapie, kurz PRT, ist eine bildgeführte perkutane Applikation von Medikamenten an eine Nervenwurzel heran. "Rund um den Bereich der betroffenen Nervenwurzel spritzen wir ein Medikament, wodurch die Schmerzen nachlassen", so Dr. Mückshoff. Gespritzt wird meist eine Kombination aus einem Lokalanästhetikums (betäubende Wirkung) und einem Corticoid mit einer entzündungshemmenden Wirkung.

Bei einer Quetschung oder Reizung einer Nervenwurzel, etwa nach einem Bandscheibenvorfall, können Schmerzen oder ein Taubheitsgefühl in einen Arm oder ein Bein aufstrahlen. Eine gezielte Injektion an der Zielnervenwurzel kann positiven Einfluss auf die Schmerzursache haben.

Mithilfe der Bildgebung (CT oder MRT) lässt sich das Medikament punktgenau an die Nervenwurzel spritzen. Die PRT dauert in der Regel nicht länger als 15 bis 20 Minuten. Nach der Behandlung können Sensibilitätsstörungen oder Lähmungen in der von der Nervenwurzel versorgten Körperregion auftreten. Dies ist allerdings nur vorrübergehend.

Die PRT wird in erster Linie therapeutisch zur Schmerzlinderung eingesetzt.

Zusätzlich kommt sie auch diagnostisch zum Einsatz. Dies ist der Fall, wenn die Höhe der Schmerzen verursachenden Nervenwurzel nicht eindeutig identifizierbar ist. Auf diese Weise lässt sich dann der Schmerzausgangspunkt lokalisieren.

Die Periradikuläre Therapie kann sowohl ambulant als auch stationär erfolgen. Welche Variante am besten ist, hängt von den Schmerzen ab.

Bei einem akuten Bandscheibenvorfall ist die PRT bestenfalls in das Behandlungskonzept eingebettet.
 

Bei Veränderungen durch Verschleißerscheinungen und dadurch bedingte Reizerscheinungen an den kleinen Zwischenwirbelgelenken kann das bei Betroffenen zu Rückenschmerzen führen. In diesem Fall können sogenannte Facetteninfiltrationen hilfreich sein. Ein besonders präzises Verfahren, um Schmerzen im Rücken zu reduzieren.

"Bei der Facetteninfiltration werden örtlich wirksame schmerzstillende Medikamente in die Facettengelenke der Wirbelsäule, in kleine Zwischenwirbelgelenke und in die Gelenkkapsel dieser Gelenke injiziert“, so Dr. Ute Mückshoff.

Die Injektion erfolgt unter Sichtkontrolle mittels Röntgen oder Computertomographie, um die Medikamentenlösung möglichst exakt an der gewünschten Stelle zu injizieren und benachbarte Strukturen nicht zu beschädigen. Der Vorgang dauert circa zehn Minuten.

Die Facetteninfiltration unter CT-Kontrolle oder Röntgen kann ambulant erfolgen. Oft sind mehrere Behandlungen nötig, damit das Schmerzgefühl dauerhaft nachlässt.

Wer übernimmt die Kosten interventioneller Verfahren?

Infiltrationen an der Wirbelsäule werden von der Krankenkasse im ambulanten Bereich bezahlt, sofern der überweisende Arzt über die Zusatzqualifikation „Schmerztherapie“ verfügt.

Grundsätzlich sollten interventionelle Maßnahmen in ein Therapiegesamtkonzept eingebettet werden.

Sprechen Sie am besten im Vorfeld mit Ihrer Krankenkasse über eine Kostenübernahme.