„Wir müssen kritischer sein, damit Antibiotika wirksam bleiben.“
Antibiotika-Richtlinien schärfen

„Wir müssen kritischer sein, damit Antibiotika wirksam bleiben.“

Die WHO geht davon aus, dass in den nächsten Jahren mehr Menschen an resistenten Erregern sterben werden als an Krebs. Damit Antibiotika auch in Zukunft wirksam bleiben, muss ein Umdenken bei der Vergabe stattfinden. Darüber sprachen wir mit Priv.-Doz. Dr. Irit Nachtigall.

Priv.-Doz. Dr. Irit Nachtigall

Regionalleiterin Krankenhaushygiene Region Ost

Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Antibiotika Surveillance und der ABS-Programme

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Priv.-Doz Dr. Irit Nachtigall ist Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Antibiotika Surveillance (Dokumentation und Überwachung von Krankenhausinfektionen) und ABS. Zudem ist sie Regionalleiterin der Fachbereiche Hygiene und Infektionsprävention für die Kliniken der Helios Region Ost (Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt). Zusammen mit Dr. Edwin Heucke, ABS-Experte bei Helios in Sachsen-Anhalt, und Sindy Barke-Burjanko, leitende Apothekerin im Helios Klinikum Aue, organisiert Frau Priv.-Doz Dr. Nachtigall seit Mai 2019 Weiterbildungen für Hygienefachkräfte im Bereich Antibiotika und Krankenhausinfektionen. Im Interview erzählt sie, warum Hygienefachkräfte gezielt im Umgang mit Antibiotika geschult werden und ob die Weiterbildungsoffensive bereits Erfolge verzeichnen kann.

Die Entdeckung von Penicillin im Jahr 1927 gilt als eines der größten Ereignisse in der Medizingeschichte.

Das ist sie auch definitiv! Bakterielle Infektionen hatten bis dahin in sehr vielen Fällen zum Tod geführt. Mit der Entdeckung von Penicillin konnte man diese Infektionen plötzlich behandeln. Etliche Menschenleben wurden gerettet - und werden es bis heute. Wir werden sicher auch in Zukunft nicht ohne Antibiotika auskommen.

War man in der Anfangszeit zu sorglos bei der Vergabe von Antibiotika?

Ja, leider. Es bestand ein großes Interesse an diesem neuen Medikament, von Risiken wollte niemand etwas hören. Antibiotika galten als Allheilmittel, in den USA hat man Antibiotika in den 50er Jahren sogar zur Vorbeugung von Infektionen in die Zahnpasta gemischt. Auch heute gibt es noch Hausärzte, die bei jedem Schnupfen sofort ein Antibiotikum verschreiben. Immerhin 85 Prozent der Antibiotika werden in Hausarztpraxen verschrieben. In vielen Fällen bringen sie dann noch nicht einmal etwas, denn diese Infekte sind fast immer durch Viren ausgelöst. Es würde da vollkommen reichen, sich ein paar Tage zum Auskurieren ins Bett zu legen und sich mit Hausmitteln wie Hühnerbrühe zu versorgen.

Diese sorglose Vorgehensweise hat den Weg für Resistenzen geebnet. Erst in den letzten Jahren sind die meisten Ärzte sensibler geworden. Sie haben verstanden, dass wir kritischer sein müssen, damit die Antibiotika auch weiterhin wirksam bleiben. Dabei ist die Gefahr von Anfang an bekannt gewesen: Als Alexander Fleming 1945 für die Entdeckung des Penicillins den Nobelpreis bekam, hat er schon in seiner Rede vor Resistenzen gewarnt. Es hat ihm nur leider niemand zugehört.

Inwiefern kann die neue Konzernregelung bei Helios da helfen?

Sie hilft, dass in den Kliniken der Umgang mit Antibiotika überdacht wird, dass die Ärzte sensibler für das Thema werden. Es ist nämlich erschütternd, wie viel Unwissen über die richtige Behandlung mit Antibiotika vorhanden ist. Die Konzernregelung sieht vor, dass auf jeder Station ein Arzt zum Antibiotika-Berater ausgebildet wird. Der kann dann natürlich auch nicht alles wissen, aber er hat zumindest so viel Ahnung, dass er in Zweifelsfällen einem Experten die richtigen Fragen stellen kann.

Welche Aufgaben hat der Antibiotika-Beauftragte dann im Klinikalltag?

Er ist bei der Visite dabei und sensibilisiert durch Einwände seine Kollegen bei der Verordnung von Antibiotika. Das werden gerade zu Anfang nicht alle Kollegen hören wollen, wir müssen uns da also auf einen längeren Prozess einstellen. Parallel dazu wird ein Antibiotika-Reporting eingerichtet. Damit nehmen wir bei Helios eine kommende gesetzliche Regelung vorweg. Die Kliniken melden uns ihre Antibiotika-Verbrauchszahlen – und kommt es an einem Standort zu einer ungewöhnlichen Häufung, besuchen wir die Kollegen vor Ort.

Es handelt sich dabei um ein kollegiales Review, wir unterstellen durch unseren Besuch nicht automatisch Fehler. Denn in einigen Kliniken kann ein hoher Verbrauch zum Beispiel aus medizinischen Gründen vollkommen gerechtfertigt sein, in anderen aber wiederum nicht.

Das wollen wir nachvollziehen können. Was sind die größten Fehler, die bei der Vergabe von Antibiotika passieren?

Antibiotika werden häufig zu niedrig dosiert oder zu lang verabreicht. Beides kann eine Resistenzentwicklung unterstützen, da nicht alle Bakterien bekämpft werden, sondern sich an das Antibiotikum gewöhnen. Bei der verlängerten Gabe ist ebenfalls mehr Zeit, Resistenzen zu entwickeln.

Wird es in Zukunft Alternativen zu Antibiotika geben?

Es wird nach Alternativen gesucht, aber einfach ist das nicht. Vielversprechend ist die Phagentherapie, an der man an vielen Stellen forscht. Phagen sind Viren, die auf Bakterien als Wirtszellen spezialisiert sind. Sie heften sich an die Bakterien und können sie so dem Immunsystem wieder zugänglich machen. Aber auch an anderen Stellen wird nach Alternativen gesucht, wie zum Beispiel danach, Bakterien, die sich in Ruhestellung begeben haben und lange im Körper persistieren, wieder aktiv und damit angreifbar für Antibiotika zu machen. Aber es wird auch nach neuen Antibiotika geforscht, und das mit Erfolg.