Weiterbildungen für Hygienefachkräfte im Umgang mit Antibiotika
Antibiotic Stewardship (ABS) bei Helios

Weiterbildungen für Hygienefachkräfte im Umgang mit Antibiotika

Die Initiative Antibiotic Stewardship (ABS) dient dem verantwortungsvollen und zielgerichteten Einsatz von Antibiotika bei Infektionskrankheiten. Bei Helios soll ABS deutschlandweit etabliert werden. Ziel ist es, die Qualität der Vergabe zu sichern und den Einsatz von Antibiotika kontinuierlich zu verbessern. Auch Hygienefachkräfte sollen in Zukunft dabei im Klinikalltag eine wichtige Rolle spielen.

Priv.-Doz. Dr. Irit Nachtigall

Regionalleiterin Krankenhaushygiene und Infektionsprävention bei Helios

Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Antibiotika Surveillance und der ABS-Programme

zum Profil

Geballte Antibiotika-Expertise bei Helios

Priv.-Doz Dr. Irit Nachtigall ist Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Antibiotika Surveillance (Dokumentation und Überwachung von Krankenhausinfektionen) und ABS. Zudem ist sie Regionalleiterin der Fachbereiche Hygiene und Infektionsprävention für die Kliniken der Helios Region Ost (Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt). Zusammen mit Dr. Edwin Heucke, ABS-Experte bei Helios in Sachsen-Anhalt, und Sindy Barke-Burjanko, leitende Apothekerin im Helios Klinikum Aue, organisiert Frau Priv.-Doz Dr. Nachtigall seit Mai 2019 Weiterbildungen für Hygienefachkräfte im Bereich Antibiotika und Krankenhausinfektionen. Im Interview erzählt sie, warum Hygienefachkräfte gezielt im Umgang mit Antibiotika geschult werden und ob die Weiterbildungsoffensive bereits Erfolge verzeichnen kann.

Inwiefern verbessern Antibiotic Stewardship Programme die Patientensicherheit bei Helios?

Durch die globale Zunahme von multiresistenten Erregern und einer schleppenden Entwicklung neuer antibiotischer Wirkstoffe müssen Maßnahmen auf allen Ebenen ergriffen werden. Um bestmögliche Behandlungsergebnisse bei einer Patientin oder einem Patienten zu erzielen, müssen die Substanzauswahl, die Dosierung, die Applikation und die Anwendungsdauer ideal verordnet werden. Der richtige Umgang mit Antibiotika ist wichtig, um Resistenzen entgegenzuwirken und arzneimittelbezogene Probleme zu minimieren.

Wie gestaltet sich das Konzept des ASB im Klinikalltag?

Frau und Mann im medizinischen Umfeld besprechen ein mikrobiologisches Ergebnis
Frau Priv.-Doz Dr. Nachtigall im Labor | Foto: Helios

Wir haben in unseren Kliniken regelmäßige Visiten entlang der Patientenkurve etabliert. In diesen Zusammentreffen besprechen wir die dokumentieren Werte der Patienten, unter Berücksichtigung aller klinischen Befunde. Das bedeutet, dass wir gemeinsam mit den ABS-beauftragten Ärztinnen und Ärzten interdisziplinäre Patientenfälle und die jeweilige Vergabe von Antibiotika durchgehen.

Durch das Zusammenspiel von klinischen Kollegen und dem ABS-Team wird der Infektionsprävention ein neuer Impuls gegeben – wir möchten so Krankenhausinfektionen effektiv vorbeugen und behandeln. Dabei betrachten wir neben dem Antibiotika-Einsatz, alle Aspekte, die zur Patientensicherheit beitragen, wie beispielsweise die mikrobiologische Diagnostik, die Optimierung von organisatorischen Abläufen, Patienten- sowie Angehörigeninformationen und regelmäßige Mitarbeiter-Schulungen zu präventiven Maßnahmen.

Die von Ihnen etablierte Weiterbildungsoffensive von Hygienefachkräften soll zu einer rationalen Verordnung von Antibiotika bei Helios beitragen. Warum ist es wichtig, auch weitere Berufsgruppen neben Ärzten zu schulen?

Ein Team auf Pflegern steht vor einem Computer und unterhält sich
Frau Sindy Barke-Burjanko zusammen mit dem Stationsteam | Foto: Helios

Der verantwortungsvolle Umgang mit Antibiotika betrifft nicht nur die ärztlichen Kollegen. Wir möchten auch andere Berufsgruppen aus dem medizinischen Bereich für das Thema sensibilisieren, sodass sie sorgsamer mit der kostbaren Ressource Antibiotika umgehen.Wichtig ist uns, dass unseren Patienten jederzeit kompetente Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Denn, vor allem im ambulanten Sektor, tragen Patientinnen und Patienten maßgeblich zum Therapieerfolg bei.

Wichtig ist zum Beispiel, dass die Erkrankten sich genau an die Verordnung der Ärzte halten und nicht auf eine Behandlung mit Antibiotika bestehen, wenn diese, aus medizinischer Sicht, nicht notwendig ist.

Wie ist die Abstimmung zwischen Ärzten, Pflegefachkräften und Hygienefachkräften, wenn es um die Gabe von Antibiotika geht?

Die Verordnung von Antibiotika liegt in der Therapieverantwortung der Ärztinnen und Ärzte. Die sachgerechte Verabreichung der Wirkstoffe liegt dann allerdings in der Verantwortung der Pflegefachkräfte. Diese sind mit den Grundlagen des sachgerechten Umgangs mit Antibiotika geschult. Die Hygienefachkräfte geben wichtige Hinweise zur Behandlung und Prävention von Infektionen und sind auch in die Betreuung von Patienten mit resistenten Erregern involviert.

Die geschulten Hygienefachkräfte wissen, mit welchen Erregern die Patientinnen und Patienten besiedelt oder infiziert sind und können die verordneten Antibiotika mit den Erregern abgleichen. Erscheint der Hygienefachkraft etwas auffällig, kann das Anliegen mit dem ABS-Beauftragten des Standorts besprochen werden. Dieser prüft, ob die bisherige Applikation angepasst werden muss. Die erste Schulung für Hygienefachkräfte fand im Mai 2019 in der Region Ost statt.

Dr. Irit Nachtigall im Video über die Ausbildung der Antibiotika-Beauftragten.

Können Sie erste Auswirkungen der Weiterbildungsoffensive im Klinikalltag erkennen?

Bereits jetzt – acht Monate nach Start der Initiative – stellen wir einen positiven Verordnungstrend zur gezielteren Antibiotikaverordnung fest. Außerdem lehnen sich unsere Mitarbeiter stärker an die gültigen Leitlinien für Antibiotikatherapie und mikrobiologische Diagnostik an. Erfreulicherweise können wir insgesamt eine steigende Akzeptanz der ABS-Maßnahmen verzeichnen.

Die Schulung findet pro Standort einmal im Jahr statt. Wie hoch ist die Nachfrage?

Die Fortbildung ist fakultativ – also freiwillig – und an Hygienefachkräfte adressiert. In unseren Kliniken in Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt haben im Jahr 2019 82 Prozent der Hygienefachkräfte an der Fortbildung teilgenommen. Die Evaluation hat ergeben, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr zufrieden mit der Fortbildung waren. Der Gesamtkurs wurde mit der Schulnote 1,2 bewertet und alle Beteiligten wünschen sich einen weiteren Kurs. Das freut uns und ebnet den Weg, um die Ausbildungsinitiative noch weiter auszubauen.

Wir bedanken uns bei Frau Dr. Nachtigall für das Interview und wünschen ihr und ihren Kollegen viel Erfolg für ihre Weiterbildungsoffensive.

Hygienefachkräfte

Hygienefachkräfte

Hygienefachkraft ist eine in Deutschland staatlich anerkannte Berufsbezeichnung, die nach einer abgeschlossenen zweijährigen Weiterbildung erteilt wird. Sie richtet sich an examinierte Gesundheits- und Krankenpfleger.