Richtiger Einsatz von Antibiotika
Gegen welche Krankheiten sie helfen, wann sie schaden

Richtiger Einsatz von Antibiotika

Kaum eine andere medizinische Entdeckung hat die Lebenserwartung der Menschen so erhöht, wie das Antibiotikum. Weltweit ist sein Verbrauch seit dem Jahr 2000 um schätzungsweise 65 Prozent gestiegen. Doch gegen welche Krankheiten hilft es wirklich und wann ist sein Einsatz gefährlich?

Dr. Katrin Kösters, Oberärztin in der Medizinischen Klinik II im Helios Klinikum Krefeld, beantwortet die wichtigsten Fragen.

Gegen welche Krankheiten helfen Antibiotika?

„Antibiotika helfen grundsätzlich nur bei Erkrankungen, die durch Bakterien verursacht werden. Dazu gehören zum Beispiel Lungenentzündungen, Blutvergiftungen oder Blasenentzündungen“, sagt Dr. Katrin Kösters, Oberärztin in der Medizinischen Klinik II im Helios Klinikum Krefeld.

„Gegen Erkrankungen, die durch ein Virus hervorgerufen werden, helfen Antibiotika hingegen nicht“, so die Medizinerin. Bei typischen viralen Infekten wie Erkältung, Bronchitis, Grippe oder Durchfall sollte deswegen auf sie verzichtet werden. „Bei Infekten der oberen Atemwege ist es hilfreich, sich körperlich zu schonen und zu inhalieren. Im Bedarfsfall können Schmerz- oder entzündungshemmende Mittel Linderung verschaffen“, sagt Dr. Kösters. Bei Magen-Darm-Infekten sollte vor allem viel getrunken werden, da der Körper viel Flüssigkeit verliert.

Auf Antibiotika verzichten – geht das?

Mann liegt zugedeckt auf Sofa. Vor ihm Taschentücher auf dem Tisch.
Bei einer Erkältung reicht meist schon Ruhe und Erholung aus, um wieder gesund zu werden. | Foto: Canva

Ja! Immer wenn es sich um eine virale Infektion handelt, sind Antibiotika fehl am Platz. Und je nach Schweregrad müssen auch bakterielle Erkrankungen nicht immer mit Antibiotika behandelt werden. „Bei einer leichten Infektion können die Patienten in Rücksprache mit ihrem Arzt zunächst zwei bis drei Tage den Krankheitsverlauf abwarten. Mittelohr- oder Blasenentzündungen können beispielsweise auch ohne Antibiotika wieder ausheilen, weil das Immunsystem des Körpers allein mit dem Erreger fertig wird“, sagt die Ärztin.

Können Antibiotika auch Krankheiten vorbeugen?

Tatsächlich werden Antibiotika in speziellen Fällen eingesetzt, um Infektionen vorzubeugen. „Das betrifft unter anderem Operationen, bei denen das Infektionsrisiko erhöht ist – entweder, weil ein Fremdkörper eingesetzt wird oder weil die Patienten selbst Risikofaktoren für Infektionen bieten“, so Dr. Kösters. Beim Einsatz eines künstlichen Knie- oder Hüftgelenks oder einer neuen Herzklappe werden Antibiotika daher bereits kurz vor der Operation gegeben, um potenziell krankmachende Keime zu reduzieren. „Aber auch Patienten, deren körpereigenes Abwehrsystem unterdrückt ist, wie beispielsweise  Leukämiepatienten unter Chemotherapie, können teilweise durch die prophylaktische Antibiotika-Gabe vor einer Infektion geschützt werden.“

Wirken alle Antibiotika immer gegen alle Bakterien?

Nein! Grundsätzlich unterscheidet man Antibiotika, die gegen eine große Zahl unterschiedlicher Bakterien wirken („Breitspektrum-Antibiotikum“) und Antibiotika, die gegen eine kleine Zahl spezifischer Bakterien eingesetzt werden („Schmalspektrum-Antibiotikum“). „Solange man nicht weiß, welcher Erreger die Infektion ausgelöst hat oder aber der Patient schwer krank ist, wird die Therapie oft mit einem Breitbandantibiotikum begonnen. Sobald der Krankheitserreger bestimmt ist, sollte auf ein Schmalspektrum-Antibiotikum umgestellt werden“, sagt die Krefelder Ärztin. Da diese Gruppe nur gegen ganz bestimmte Bakterien wirkt, hat sie in der Regel weniger Nebenwirkungen und hilft, Antibiotika-Resistenzen vorzubeugen. „Das bekannteste Medikament dieser Gruppe ist wohl bis heute das Penicillin.“

Abhängig vom Krankheitsverlauf und in enger Abstimmung mit dem behandelnden Arzt gilt das Motto: Antibiotika nur so oft wie notwendig und so kurz wie möglich nehmen!

Dr. Katrin Kösters, Oberärztin der Medizinischen Klinik II | Helios Klinikum Krefeld

Welche Vor- und Nachteile hat der Einsatz von Antibiotika?

Die Vorteile der Antibiotika liegen auf der Hand: Häufig ist es die einzige Möglichkeit, bestimmte bakterielle Erkrankungen zu therapieren oder schwere Krankheitsverläufe zu mildern. „Antibiotika haben seit ihrer Entdeckung Millionen Menschenleben gerettet und damit dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung deutlich gestiegen ist“, sagt Dr. Kösters. Gleichzeitig können sie aber – wie andere Arzneimittel auch – Nebenwirkungen hervorrufen. „Alle Antibiotika wirken nicht nur auf Krankheitserreger, sondern auch auf die nützlichen Bakterien in unserem Darm. Manche Patienten können deswegen mit Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchkrämpfen oder Durchfall reagieren. In seltenen Fällen sind auch allergische Reaktionen möglich.“

Gefährlich kann die zu häufige oder falsche Antibiotika-Einnahme werden, wenn sich die Erreger so verändern, dass der Wirkstoff nicht mehr anschlägt. „Wegen der Entstehung dieser resistenten Bakterien sind Antibiotika die einzigen Medikamente, die nicht nur auf den Patienten selbst wirken, sondern Folgen für die gesamte Gesellschaft haben“, sagt die Krefelder Ärztin. Haben sich die Bakterien nämlich erst einmal so verändert, dass Antibiotika wirkungslos gegen sie sind, stellen sie ein großes Gesundheitsrisiko dar. Zwar werden die Bakterien dadurch nicht aggressiver, aber sie sind deutlich schwieriger zu behandeln, wenn sie eine Infektion hervorgerufen haben. Vor allem Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder chronischen Grunderkrankungen sind dann durch die resistenten Keime gefährdet.

Wirken Antibiotika später nicht mehr, wenn man sie nur wenige Tage einnimmt?

Nein! Fast jeder kennt zwar die Empfehlung, Antibiotika über eine ganze Woche oder bis die Packung aufgebraucht ist einzunehmen. Heute weiß man aber: Mit jedem Tag, den ein Antibiotikum unnötig eingenommen wird, steigt das Risiko für eine Anpassung der Bakterien an das Medikament – und damit für Resistenzen. „Abhängig vom Krankheitsverlauf und in enger Abstimmung mit dem behandelnden Arzt gilt das Motto: Antibiotika nur so oft wie notwendig und so kurz wie möglich nehmen!“, sagt Dr. Kösters.

Wegen der Entstehung dieser resistenten Bakterien sind Antibiotika die einzigen Medikamente, die nicht nur auf den Patienten selbst wirken, sondern Folgen für die gesamte Gesellschaft haben.

Dr. Katrin Kösters, Oberärztin der Medizinischen Klinik II | Helios Klinikum Krefeld

Kann ich mich mit Antibiotika selbst therapieren?

Nein! In Deutschland und der gesamten EU sind Antibiotika verschreibungspflichtig und damit nicht frei verkäuflich in Apotheken erhältlich. Leider ist der Wirkstoff dennoch in vielen außereuropäischen Ländern ohne ärztliches Rezept zum Beispiel in Drogerien erhältlich.

Was macht Helios, um in seinen Standorten den richtigen Einsatz von Antibiotika sicherzustellen?

Frau und Mann im medizinischen Umfeld besprechen ein mikrobiologisches Ergebnis
Antibiotika-Experten stehen den Kliniken als Berater zur Verfügung. | Foto: Helios

Bei Helios gelten unternehmensweit Therapie-Empfehlungen, die sich an den Leitlinien zur Antibiotikatherapie der medizinischen Fachgesellschaften orientieren. „Darüber hinaus haben wir mit den Antibiotic Stewardship Teams – kurz ABS – an vielen Standorten Kollegen, die auf den rationalen Einsatz von Antibiotika spezialisiert sind. In diesen Teams arbeiten Infektionsmediziner, Klinische Mikrobiologen, Krankenhaushygieniker und Pharmazeuten fachübergreifend zusammen. Mit ihrem Wissen über die richtige Auswahl, Dosierung und Anwendungsdauer stehen sie der gesamten Klinikgruppe zur Verfügung“, so die Krefelder Oberärztin.

Mehr zum Antibiotik Stewardship Programm lesen Sie hier

Zur Person

Dr. Katrin Kösters ist Oberärztin der Medizinischen Klinik II - Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Neurogastroenterologie, Infektiologie, Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Helios Klinikum Krefeld. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin und Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und verfügt über die Zusatzbezeichnung Infektiologie.