Das maßgeschneiderte Knie
3D-Modell

Das maßgeschneiderte Knie

Ein künstliches Kniegelenk muss auf dem Knochen sitzen wie ein maßgeschneiderter Anzug auf seinem Träger, denn jedes Knie ist ein Unikat.

Um dieser individuellen Patientenanatomie passgenau zu entsprechen, arbeitet das Helios Klinikum Krefeld mit maßgefertigten Schablonen zur Ausrichtung und Platzierung der Implantatkomponenten – kurz PSI (Patient Specific Implantation).

Zwei Ärzte im Gespräch
Dr. Andreas Hachenberg, Leitender Arzt des Ortho- Campus, erklärt das maßgefertigte Gelenk | Foto: Simon Erath

An insgesamt drei Helios Standorten kommen derzeit die patientenspezifischen Schablonen zum Einsatz. „Für den optimalen Sitz der individuellen Knieprothesen ist es entscheidend, alle Parameter und Einflüsse auf das neue Gelenk zu berücksichtigen. Daher wird im Vorfeld das zu operierende Knie mittels MRT exakt vermessen. Eine spezielle Software wandelt die Bilder dann in ein 3D-Modell um“, erklärt Prof. Dr. Clayton Kraft, Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie im Helios Klinikum Krefeld, das Verfahren.

Dieses 3D-Modell bildet die Grundlage für die OP-Planung, die Auswahl des richtigen Implantattyps und die Herstellung von Schablonen, die der Form und Struktur des Knies wie eine Blaupause zu 100 Prozent entsprechen. Noch vor der Operation werden die Schnittebenen zur idealen Platzierung des Knieimplantats bestimmt. Mithilfe der Schablonen erfolgen die notwendigen Knochenschnitte und die Positionierung des Ersatzgelenks an den vorbereiteten Knochen dadurch mit höchster Präzision. Die Übertragung der MRT-Daten für die Operationsplanung sowie der Planungsdaten für die Erstellung der individuellen Schablonen erfolgt verschlüsselt und anonymisiert über das Internet.

Für den optimalen Sitz der individuellen Knieprothesen ist es entscheidend, alle Parameter und Einflüsse auf das neue Gelenk zu berücksichtigen. Daher wird im Vorfeld das zu operierende Knie mittels MRT exakt vermessen.

Dr. Andreas Hachenberg, Leitender Arzt des Ortho- Campus Hüls | Helios Klinikum Krefeld

Klare Vorteile für Patienten

Durch diesen komplexen Planungsprozess liegen die Vorteile für die Patientinnen und Patienten auf der Hand: Eine verbesserte Funktion des neuen Gelenks, eine kürzere Operationsdauer, ein geringeres Eingriffsrisiko sowie eine schnellere Genesung und eine damit verbundene frühere Einleitung der Reha. „Während eine Knieimplantat-OP in der Regel bis zu 90 Minuten dauern kann, ist eine PSI-Operation häufig bereits nach 45 Minuten abgeschlossen“, erklärt Dr. Andreas Hachenberg, Leitender Arzt des Ortho-Campus.

Hinzu kommen die positiven Ergebnisse nach den Eingriffen: „Die Genauigkeit, mit der wir die Prothese durch diese Methode einbringen können, ist extrem hoch“, weiß Dr. Hachenberg. In Präzision und Schnelligkeit ist dieses Verfahren damit dem bisherigen überlegen. Insbesondere auch bei adipösen Patientinnen und Patienten, bei denen die konventionelle Beurteilung der Achse erschwert sein kann. Zudem gehen Expertinnen und Experten davon aus, dass die Implantate durch die achsgerechte Positionierung länger halten als bei den bislang üblichen Verfahren, auch wenn das Verfahren noch zu jung ist, als dass es belastbare Langzeitergebnisse gäbe.

„Es gibt allerdings eine Voraussetzung für die Patientinnen und Patienten: Hüfte oder Sprunggelenk dürfen nicht bereits durch künstliche Implantate ersetzt sein“, so Prof. Dr. Kraft. Trotzdem konnten am Ortho-Campus der Krefelder Helios Kliniken bislang weit über 200 Patientinnen und Patienten von den maßgeschneiderten Knieschablonen profitieren.

Es gibt allerdings eine Voraussetzung für die Patientinnen und Patienten: Hüfte oder Sprunggelenk dürfen nicht bereits durch künstliche Implantate ersetzt sein.

Prof. Dr. med. Clayton N. Kraft, Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie | Helios Klinikum Krefeld
3D-Modell Kniegelenk
Bild einer patientenspezifischen Schablone auf dem Knochenmodell für die Oberschenkelpräparation. Mit Hilfe dieser Schablonen erfolgt die Positionierung des Ersatz-Gelenks mit höchster Präzision. Rund 200 Patient:innen konnten bislang am Ortho- Campus von den PSISchablonen profitieren.|Foto: Louis Nelsen

Fachgebiet in Bewegung: Ein Interview mit Prof. Dr. Clayton Kraft

Die Orthopädie war einst ein Randgebiet der Medizin mit dem Ziel, „Kinder in Krüppelhäusern“ zu behandeln. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sie sich zu einer der größten chirurgischen Disziplinen gemausert. Welche Bedeutung sie für Helios hat, erklärt Prof. Dr. Clayton Kraft, Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie im Helios Klinikum Krefeld und Fachgruppenleiter Orthopädie/Unfallchirurgie.

Die Zusammenführung der beiden großen Fachgebiete Orthopädie und Unfallchirurgie (O+U) zur gemeinsamen Facharztweiterbildung im Jahre 2005 machte aus den beiden großen Bereichen ein riesiges Fachgebiet für alle Altersgruppen. So gehört der Hexenschuss oder die Therapie der Säuglings-Hüftdysplasie in die gleichen Hände wie die Polytraumaversorgung von Schwerstverletzten oder die komplexe Rekonstruktion eines Beckens bei der Tumor- oder der Revisionsendoprothetik.

Die schiere Zahl beeindruckt: Wegen Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats wurden im Jahr 2019 bei Helios 515.000 Fälle ambulant behandelt, stationär waren es 92.600 Fälle. Ein enormer Vorteil der Verschmelzung der beiden Gebiete ist, dass die durchaus unterschiedlichen orthopädischen und die unfallchirurgischen Vorgehensweisen nun den Patientinnen und Patienten synchronisiert zugutekommen.

Zunehmende Spezialisierung

Bei dem großen Fachgebiet liegt die Vermutung nahe, dass nicht in jeder Klinik alles angeboten werden kann, es kristallisiert sich eine zunehmende Spezialisierung heraus. Wir bei Helios nehmen diese Herausforderungen an. Einerseits wird eine traumatologische Grund- und Regelversorgung gemäß dem jeweiligen Versorgungsauftrag in fast allen unseren Kliniken angeboten, andererseits werden aber in bestimmten Kliniken hochspezialisierte Behandlungen angeboten, die viel Expertise, Infrastruktur und Vorhaltungen bedeuten. Wie das geht? Die Stichworte heißen: Zentralisierung, Digitalisierung, Ambulantisierung.

Bündelung von Expertise in Zentren

Studien zeigen, dass gerade bei hochkomplexen Eingriffen mit einer nennenswerten Komplikationsrate die Bündelung dieser Fälle zu besseren Ergebnissen und weniger Todesfällen führt. Eigentlich logisch: Wer etwas besonders oft macht, macht es irgendwann auch richtig gut. Das gilt für den einzelnen, aber auch für perfekt eingespielte Teams, die sich blind verstehen und wo jeder Handgriff sitzt. Deshalb hat Helios beschlossen, solche Fälle in Zentren zu bündeln.

Es geht dabei um das Halten eines Versprechens an die Patientinnen und Patienten: Unabhängig davon, in welche Helios Tür man hineingeht, bekommt man die bestmögliche Medizin. Unser Fachgebiet ist schon von der Digitalisierung geprägt und wird es auch zunehmend sein. OP-Planungen (CAD), 3D-Bildgebung, OP-Navigation, virtuelle Planung von Sonderimplantaten und vieles mehr. Der mühelose, sichere Austausch von Daten erlaubt Ärztinnen und Ärzten über Hunderte Kilometer hinweg, die bestmögliche Behandlungsoption für eine Patientin oder einen Patienten zu entwickeln. Es ist ein Vorteil, in der Helios Familie Fachleute für fast jede orthopädischunfallchirurgische Fragestellung zu haben.

Wer etwas besonders oft macht, macht es irgendwann auch richtig gut.

Prof. Dr. Clayton Kraft, Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Hanchirurgie | Helios Klinikum Krefeld

Sektorenübergreifende Versorgung

In Zukunft werden viele Eingriffe am Bewegungsapparat nicht mehr unter stationären Bedingungen ausgeführt werden dürfen. Das Stichwort heißt: sektorenübergreifende Versorgung. Die Voraussetzung dafür ist, dass Kliniken und ambulante Einrichtungen eine lückenlose Verzahnung des Patientenpfades erreichen. Das setzt aber auch voraus, dass starre Personalabgrenzungen zwischen Kliniken und Praxen aufgelockert werden und eine enge Zusammenarbeit stattfindet.

Gemeinsame Weiterbildungscurricula, Rotationspläne, „Shared Teams“, all das wird dazu beitragen. So wird es uns gelingen, das Wir-Gefühl in der Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie weiter zu stärken.