Wenn der Gang ins Solarium zur Sucht wird
Tanorexie

Wenn der Gang ins Solarium zur Sucht wird

Um die sommerliche Bräune der Haut auch im Herbst und Winter nicht zu verlieren, gehen viele Menschen ins Solarium. Doch das kann gefährlich werden. Für Inga Kegel aus Mülheim war ein Leben ohne künstliche Sonne lange Zeit unvorstellbar: Sie litt an Tanorexie, der sogenannten Solariumsucht.

Mann in Arztkleidung sitzt neben älterer Frau mit kurzen blonden Haarenund untersucht ihren Arm.
Chefarzt Prof Dr. Alexander Kreuter untersucht regelmäßig die Haut seiner Patientin in der Helios St. Elisabeth Klinik. | Foto: Christina Fuhrmann

Es begann alles ganz harmlos, mit einem Solarium-Gutschein von einer Bekannten. „Eigentlich hielt ich nicht viel davon“, erinnert sie sich. Doch nach dem ersten Besuch auf der Sonnenbank wurde das Verlangen schnell immer größer. „Die Strahlen milderten die chronischen Schmerzen in meinem Unterarm. Das hatten bisher nur Tablette geschafft“, beschreibt Kegel die lindernde Wirkung auf ihre Psoriasis-Arthritis, eine Schuppenflechte, die die Haut befällt und zu einer Entzündung der Gelenke führt.

Innerhalb kurzer Zeit steigerte sich die Anzahl der Solarium-Besuche. Mit 65 Jahren war die gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin dann bis zu zweimal täglich jeweils 20 Minuten auf der Sonnenbank. „Ich stand morgens früh vor dem Eingang des Solariums und konnte es kaum abwarten, mich auf die Sonnenbank zu legen. Das ging sogar so weit, dass manche Betreiber mich schon gar nicht mehr reingelassen haben“, erinnert sich Kegel an die Zwänge ihrer Sucht. „Aufgehalten hat mich das nicht. Dann bin ich eben zu einem anderen Studio gefahren.“

Neidisch auf die Bräune

Das war nicht nur ungesund, sondern auch teuer: Mehrere Tausend Euro ließ Kegel im Solarium. Ihre geschädigte Haut behandelte sie mit mehr als 3.000 Tuben Brandsalbe. „Die Rötungen und Verbrennungen meiner Haut habe ich damals ignoriert. Bei schiefen Blicken oder negativen Kommentaren dachte ich immer: Die sind ja nur neidisch auf meine schöne Bräune.“ Denn wie bei einer Magersucht ist die Selbstwahrnehmung bei Tanorexiern gestört. Viele Betroffene sehen sich als blass, obwohl ihre Haut bereits übermäßig gebräunt ist.

Erst als die Mühlheimerin mit der Diagnose Basalzellkarzinom, sogenanntem weißen Hautkrebs, konfrontiert wurde, kam der Wendepunkt. Hilfe fand sie bei Prof. Dr. Alexander Kreuter, Chefarzt der Dermatologie, Venerologie und Allergologie und Leiter des Hauttumorzentrums der Helios St. Elisabeth Klinik Oberhausen. „Natürlich gibt es auch positive Eigenschaften von Sonnenlicht, wie die Anregung der Vitamin-D-Produktion. In der medizinischen Therapie imitieren wir sogar eine bestimmte Form des Lichts mit speziellen, sehr präzisen Bestrahlungsgeräten“, betont der Chefarzt, warnt aber: „Ein Übermaß an ultravioletter Strahlung führt jedoch zu tiefgreifenden Hautschäden und erhöht nachweislich das Hautkrebsrisiko.

In der Dermatologie haben wir häufig mit Verbrennungen zu tun, die auf Solarien zurückzuführen sind.“ Der Grund: Oft ist die Dosierung der Strahlung auf den Sonnenbänken zu hoch eingestellt, es wird eine gefährliche Mischung aus UV-A- und UV-B-Licht eingesetzt oder Nutzer tragen vor dem Sonnenbaden noch extra Körperöl auf. Das intensiviert zwar die Bräunung, aber auch gleichzeitig die Hautschädigung. Studien konnten belegten, dass besonders junge Menschen gefährdet sind: Wer unter 35 Jahre alt ist und nur einmal im Monat unter die Sonnenbank geht, verdoppelt sein Risiko, an Hautkrebs zu erkranken.

Für Minderjährige verboten

Aufgrund der Gefahren der künstlichen Strahlung wurde bereits 2009 die Nutzung von Solarien für Minderjährige gesetzlich verboten. Für den Dermatologen geht die Regelung noch nicht weit genug. Er fordert: „Solarien müssen komplett verboten werden. In den USA hat man das bereits erkannt. Warum nicht auch bei uns in Deutschland?” Kegel ergänzt: „Ich habe leider selbst erlebt, dass sich etliche Betreiber nicht an das Verbot für unter 18-Jährige halten. Das muss aufhören!”

Heute hat Inga Kegel den weißen Hautkrebs und die Sucht besiegt – auch dank einer Verhaltenstherapie. Ihre Haut leidet jedoch immer noch unter den Folgeschäden und der Psoriasis-Arthritis, die vornehmlich Hände und Füße betrifft. Medikamente helfen dabei kaum. Alle drei Monate wird sie daher mit Massagen, Bewegungstherapie und einer speziellen Lichttherapie mit gezielten UVA-Strahlen in festgelegter Wellenlänge behandelt. „Meine Haut ist extrem dünn und empfindlich“, so Kegel. „Aber immerhin fühle ich mich in der Sonne wieder wohl – wenn auch nur noch in Maßen.“

Wussten Sie, dass

künstliche UV-Strahlung die Entstehung von Hautkrebs begünstigt? Laut der Deutschen Krebsgesellschaft haben Sonnenstudio-Nutzer verglichen mit Menschen, die niemals in einemSonnenstudio gewesen sind, ein deutlich erhöhtes Risiko für schwarzen Hautkrebs.