Volkskrankheit Verstopfung: Ursachen, Therapie und Vorbeugung © Foto: Canva
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Wenn die Darmentleerung Probleme macht

Volkskrankheit Verstopfung: Ursachen, Therapie und Vorbeugung

Wann hatten Sie das letzte Mal Stuhlgang? Zugegeben eine provokante Frage, die aber viel über die eigene Darmgesundheit aussagen kann. Denn: Wenn die Stuhlentleerung zum Problem wird, sind Begleiterscheinungen wie Völlegefühl und Bauchschmerzen an der Tagesordnung.

Unsere Experten aus der Helios Klinik Müllheim Privatdozent Dr. Matthias Goos, Chefarzt Allgemein- und Viszeralchirurgie, sowie Dr. Thomas Truschel, Sektionsleiter der Gastroenterologie, wissen, worauf eine Verstopfung beruhen kann und erklären, welche Maßnahmen Abhilfe verschaffen.

Was sind Verstopfungen?

Etwa jedem Fünften in Deutschland fällt das Ablassen von Stuhlgang schwer. In den meisten Fällen handelt es sich um kurzzeitige Probleme, – eine Obstipation, wie sie im Fachjargon genannt wird – kann aber auch Symptom einer anderen Erkrankung sein oder chronisch werden und die Betroffenen in ihrer Lebensqualität einschränken. Von chronischen Beschwerden sprechen Expertinnen und Experten ab drei Monate andauernder Verstopfung, in denen mindestens zwei der folgenden Symptome vorliegen:

Chronische Beschwerden können bedeuten:

  • weniger als 3 Stuhlgänge die Woche
  • starkes Pressen bei jedem vierten Stuhlgang
  • harter oder verklumpter Stuhl
  • Gefühl der unvollständigen Entleerung
  • Gefühl, dass der Stuhlgang blockiert wird
  • erforderliche Maßnahmen zur Erleichterung der Stuhlentleerung wie beispielsweise Nachhelfen mit den Fingern

Die Symptomatik einer Obstipation kann vielseitig sein und sowohl jung als auch alt betreffen – sogar Kinder können ab und zu unter einem erschwerten Stuhlgang leiden. Aufgrund eines langsamer arbeitenden Darms im Alter und der abnehmenden Bewegung im Alltag, kommt es vermehrt bei der älteren Bevölkerungsgruppe zur Obstipation.

Gut zu wissen

Wie oft ein gesunder Mensch Stuhlgang absetzt, kann unterschiedlich sein. Das Spektrum ist breit: Von zwei Mal am Tag bis hin zu drei bis vier Mal in der Woche liegt in der Norm.

Diese Symptome sind typisch

Eine Obstipation äußert sich zunächst in Form eines harten Stuhlgangs, der seltener als gewohnt abgesetzt wird. Das Stuhlvolumen ist reduziert und verklumpt. Der Betroffene muss stark pressen, damit der Darm sich entleert. Oftmals kann dies nicht vollständig geschehen und es bleibt das Gefühl von unvollständiger Entleerung.

Betroffene können zusätzlich unter einem aufgeblähten Bauch leiden, da die Verstopfung die Verdauungsgase auf dem Weg nach außen blockiert. Obwohl eine erschwerte Darmentleerung von Zeit zu Zeit normal sein kann, gibt PD Dr. Matthias Goos einen wichtigen Hinweis.

Jede auffällige Änderung der Stuhlgewohnheiten, insbesondere, wenn damit auch Blutungen, Schmerzen, Appetitlosigkeit oder ähnliches verbunden sind, sollte abgeklärt werden.

Dr. Matthias Goos, Chefarzt Allgemein- und Viszeralchirurgie | Helios Klinik Müllheim

Die Ursachen für eine Störung des Stuhlgangs sind in den meisten Fällen harmlos – allerdings können sich in seltenen Fällen auch bösartige Krankheiten dahinter verbergen. Ein Alarmsignal sei laut dem Experten in jeden Fall Blut im Stuhl. Hier müssten die Ursachen gründlich geklärt werden. Die pauschale Diagnose „Hämorrhoiden“ sollten Betroffene mit blutigem Stuhlgang nicht einfach hinnehmen.

Stuhlformen erklärt

Was sind die Ursachen einer Verstopfung?

Der Auslöser für eine erschwerte Stuhlentleerung liegt meist im Dickdarm. Dieser hat die Aufgabe den bereits fermentierten Nahrungsbrei, auch Fäzes genannt, zu speichern und langsam Richtung Ausgang zu transportieren sowie dem fermentierten Nahrungsbrei Wasser und Salze zu entziehen und diesen mit Schleimstoffen zu mischen. Die Ursachen für eine Obstipation sind vielfältig:

Ernährung

In vielen Fällen hat eine kurzzeitige Obstipation keine krankhafte Ursache. Eine Ernährungsumstellung, eine Diät oder eine grundsätzlich ballaststoffarme Ernährung können den Stuhlabgang erschweren. Oft spielt eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr von unter 1,5 Litern am Tag die entscheidende Rolle.

Lebensstil

Dr. Thomas Truschel, Sektionsleiter der Gastroenterologie, kennt die häufigsten Ursachen für Verstopfungen | Bild: Helios

Nicht zu vernachlässigen sind auch die Faktoren Bewegungsmangel und Stress: Bereits eine 30-minütige moderate Sporteinheit am Tag senkt das Risiko für Verdauungsstörungen und eine unangenehme Verstopfung erheblich. Gastroenterologe Dr. Thomas Truschel erklärt das so: "Bei körperlicher Aktivität atmen wir tiefer in den Bauchraum, wodurch sich ein Druck auf die Verdauungsorgane aufbaut. Die Bewegung der Bauchmuskulatur unterstützt den Darm in seiner Transportaufgabe. Der Darm wird gut durchblutet und kann besser arbeiten". Stress wiederum wirkt sich negativ auf unseren Darm aus, denn unser Verdauungstrakt ist eng mit dem Gehirn verbunden.

Reisen

Bei Reisen mit Zeitverschiebung kann die Toilettenroutine schnell durcheinanderkommen. Oftmals wird der Stuhlganz auf fremden Toiletten auch unterdrückt, was zu einer Obstipation und Bauchschmerzen führen kann. Ein weiterer Faktor ist, die auf Reisen oft einhergehende Ernährungsumstellung, die das Verdauungssystem fordert.

Unbedingt beachten:

Erzwingen Sie den Stuhlgang nicht. Starkes Pressen kann schmerzhafte Hämorrhoiden oder einen Nabelbruch (Nabelhernie) verursachen.

Hormonumstellung

Eine Verstopfung betrifft häufig Frauen während der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren. Der Auslöser für den erschwerten Stuhlgang liegt dann an der Hormonumstellung, die die Frau durchlebt. In manchen Fällen kommt es nach einer Geburt auch zu Veränderungen am Becken, was einen erschwerten Stuhlgang verursachen kann.

Oftmals haben betroffene Frauen schon vor einer Hormonumstellung, bedingt durch Schwangerschaft oder Menopause, einen trägen Darm – durch die hormonellen Veränderungen kann der Körper die Verdauungsträgheit nicht mehr kompensieren und es kommt zur Verstopfung.

Medikamente

Medikamente können einen negativen Einfluss auf die Darmtätigkeit haben. „Vor allem Schmerzmittel, Psychopharmaka oder Blutdrucksenker führen häufig dazu, dass der Stuhl schwer abgelassen werden kann“, erklärt Chefarzt Dr. Goos. Setzen Sie die Medikamente bei unerwünschten Nebenwirkungen nicht ohne ärztliche Rücksprache ab, sondern besprechen Sie die Beschwerden mit dem behandelnden Arzt. 

Reizdarm

Von einem Reizdarm sprechen Expertinnen und Experten, wenn organische Ursachen für Beschwerden im Darmtrakt ausgeschlossen wurden, die Darmfunktion aber dennoch gestört ist. Kennzeichnend sind mit der Darmtätigkeit verbundene Schmerzen, die sich nach der Stuhlentleerung bessern. Diese Symptomatik wird auch oft von schmerzhaften Blähungen begleitet.

Darmverschluss

Bei einem Darmverschluss, in Fachkreisen auch Ileus genannt, wird die Darmpassage durch Hindernisse blockiert: Das kann plötzlich auftreten, etwa, wenn es zu einer Darmverschlingung nach einem operativen Eingriff kommt oder der Darmschlauch langsam eingeengt wird – beispielsweise aufgrund eines Tumors.

Auch Nahrungsmittelgifte und Durchblutungsstörungen können den Darm lähmen, Experten sprechen dann von einer Darmparalyse. Symptome sind neben einer akuten Obstipation auch starke Bauchschmerzen, Aufstoßen und Erbrechen. Ein Darmverschluss muss umgehend behandelt werden.

Weitere Ursachen

In einigen Fällen kann eine erschwerte Darmentleerung auch aus einer angeborenen Transportstörung des Darms hervorgehen.

Grunderkrankungen hierfür sind:

  • Morbus Hirschsprung (betrifft vor allem Neugeborene)
  • Stoffwechselstörungen wie eine Schilddrüsenunterfunktion
  • Diabetes mellitus
  • Morbus Parkinson

7 Tipps gegen Verstopfung

Essen Sie ballaststoffreich und trinken Sie mindestens 1,5 Liter am Tag. Als besonders ballaststoffreich gelten Leinsamen sowie frisches Gemüse.

Kümmel-Tee wirkt krampflösend und kann die Verdauung ankurbeln. Auch bei Blähungen beruhigt Kümmel den Magen-Darm-Trakt.

Nehmen Sie sich Zeit für das Essen und kauen Sie ausführlich vor dem Schlucken.

Bewegen Sie sich ausreichend, vor allem nach einer deftigen Mahlzeit.

Eine Wärmflasche oder ein Kirschkernkissen kann Verkrampfungen entgegenwirken und beim Abführen helfen.

Geben Sie nicht jeder Stuhlregung nach und vermeiden Sie lange Toilettensessions mit starkem Pressen: Hämorrhoiden Gefahr!

Leichter kann die Stuhlentleerung mit angezogenen Beinen geschehen. Hilfreich kann hier ein Hocker sein, auf dem die Beine beim Sitzen platziert werden.

Ab wann sollte man bei Verstopfung ärztlichen Rat aufsuchen?

Privatdozent Dr. Matthias Goos, Chefarzt Allgemein- und Viszeralchirurgie, weiß, wann Betroffene ärztlichen Rat aufsuchen sollten | Bild: Helios

In jedem Fall sollte eine Ärztin oder ein Arzt aufgesucht werden, wenn sich die Stuhlgewohnheiten innerhalb eines kurzen Zeitraums maßgeblich verändern. Dies kann sich sowohl durch Probleme bei der Stuhlentleerung als auch in Form von Durchfall äußern. Treten diese Symptome im Wechsel auf, sollten sie unbedingt abgeklärt werden.

Grundsätzlich ist ein erschwerter Stuhlgang von Zeit zu Zeit normal und sollte kein Grund zur Sorge geben. Bei weniger als drei Stuhlgängen in sieben Tagen über einen Zeitraum von einigen Wochen, sollte die hausärztliche Praxis informiert werden.

Diagnosestellung und Behandlung

Um der Ursache auf den Grund zu gehen, stehen zunächst die Ernährungsgewohnheiten sowie der geführte Lebensstil im Fokus. Auch eine Blutuntersuchung kann Aufschluss über eine mögliche Stoffwechselerkrankung geben. Im weiteren Verlauf können eine Dickdarmspiegelung, eine Röntgenuntersuchung sowie ein spezielle, funktionelle MRT-Untersuchung der Ursache näherkommen.

Erfolgt eine radiologische Untersuchung, kann die sogenannte Kolontransitzeit in Form des Hinton-Tests ermittelt werden.

Thomas Truschel, Sektionsleiter der Gastroenterologie | Helios Klinik Müllheim

Die Kolontransitzeit gibt Information darüber, wie lange der Stuhlgang braucht, um den Dickdarm zu passieren. Hierfür werden der Patientin oder dem Patienten Gelatinetabletten verabreicht, die verschiedenen Stäbchen und Kügelchen, sogenannte Marker, enthalten. Die Tablettenhüllen lösen sich durch die Magensäure auf, die Marker gelangen in den Darm und werden nach einiger Zeit wieder ausgeschieden.

"Wird eine Grunderkrankung als Ursache der Obstipation entdeckt, muss diese behandelt werden. Zudem gibt es Medikamente, wie Abführmittel, die nach ärztlicher Rücksprache die Verdauung unterstützen und Verstopfungen entgegenwirken können", sagt Chefarzt Dr. Goos.

Der Rote-Beete-Trick

Um die Zeit einschätzen zu können, wie schnell Ihr Darm die aufgenommene Nahrung verarbeitet, können Sie Rote Beete essen und warten, bis sich der Stuhlgang rötlich verfärbt. Bei einer „schnellen“ Verdauung zeigt sich die Verfärbung des Stuhls innerhalb von 24 Stunden. 

Verstopfungen sind lästig, aber in den Griff zu bekommen

Eine Obstipation kann viele Ursachen haben, in den meisten Fällen begünstigen falsche Ernährung und Bewegungsmangel den erschwerten Toilettengang. Es können aber auch organische Ursachen zugrunde liegen, die bei entsprechender Symptomatik unbedingt abgeklärt werden sollten.