Gewalt in der Familie: Helfen beginnt beim Hinsehen
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Internationaler Tag der Gewaltfreiheit

Gewalt in der Familie: Helfen beginnt beim Hinsehen

Das Delikt der häuslichen Gewalt ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Zum heutigen internationalen Tag der Gewaltfreiheit haben wir bei Dr. Andries Korebrits, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Helios Park-Klinikum Leipzig, nachgefragt, wie sich Gewalt in der Familie zeigt und wie man dagegen vorgehen sollte.

Herr Dr. Korebrits, was zählt alles unter häusliche Gewalt?
Anders als der Name es sagt, ist das ein sehr weitgefasstes Terrain. Häusliche Gewalt betrifft einen bestimmten Personenkreis, Familie, Bekannte, Verwandte. Gewalt unter diesen Personen kann sich auch außerhalb der eigenen vier Wände zutragen und gilt noch immer als häusliche Gewalt.

Setzt häusliche Gewalt immer auch körperliche Gewalt voraus?
Keineswegs. Wir unterscheiden hierbei physische und psychische Gewalteinwirkung. Viele Kinder und Jugendliche etwa leiden unter psychischer Gewalt, die sehr subtil auftreten kann. Beispielsweise durch Verbote, ständiges Strafen, Sticheleien oder die permanente Bevorzugung Einzelner. Außenstehende bekommen das nur nebenläufig mit – und dennoch ist es auf Dauer eine Form der Gewalt, eine stumme Gewalt.

Gewalt in Zahlen

Laut einer Studie der TU München wurden Kinder in 6,5 Prozent der Haushalte von einem Haushaltsmitglied körperlich bestraft.

Aber selbst körperliche Gewalt wird oft erst spät erkannt.
Das ist richtig. Delikte der häuslichen Gewalt werden nicht immer unmittelbar nach der Begehung angezeigt. Auch die Polizei bestätigt, dass oft ein langer Zeitraum bis zum Erkennen und Anzeigen der Tat vergeht. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Angst spielt eine Rolle, aber auch Scham. Die Betroffenen selbst verbergen die Merkmale der Gewalt unter ihrer Kleidung. Täter selbst sind mitunter so versiert, dass sie ihre Schläge nur an Körperstellen ausüben, die nicht sofort für jedermann erkennbar sind.

Was sollte man tun, wenn man diese Gewalt selbst erfährt oder von anderen hört?
Auf jeden Fall sollte man den Mut aufbringen und zur Polizei gehen. Das gilt für Opfer wie Wissende gleichermaßen. Möglich ist auch, sich beim Opfer-Telefon des Weißen Ring unter 116 006 zu melden. Leider sehen viele Menschen bei häuslicher Gewalt aber immer noch weg. Sie sagen, sich in die inneren Konflikte der Familie, oder des Systems, wie man in der Psychologie sagt, nicht einmischen zu wollen. Aus Sicht der Opfer ist das ein großer Fehler.

Wäre auch eine Information an das zuständige Jugendamt sinnvoll?
Die Jugendämter kommen leider nicht so schnell wie die Polizei. Was auch an deren personell knapper Besetzung liegt. Hier ist aus meiner Sicht ein Umdenken gefordert. Zum anderen muss man sagen, dass die Messlatte für Beweise häuslicher Gewalt bei den Jugendämtern sehr hoch liegt. Sie einzuschalten, ist daher oft Sache von Medizinern, Kliniken oder anderen staatlichen Organisationen.

Gewalt in Zahlen

3,1 Prozent der Frauen erlebten zu Hause mindestens eine körperliche Auseinandersetzung.

Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf häusliche Gewalt unter Erwachsenen?
Sie nehmen diese Gewalt natürlich deutlich wahr. Jedoch muss man wissen, dass Kinder und Jugendliche sehr lange loyal sein können, auch wenn sie die Gewaltausübung erkennen.

Jede dritte Frau in Deutschland gibt an, schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren zu haben? Wie kann so etwas in einer vermeintlich zivilisierten Gesellschaft passieren?
Die Zahlen für sexuelle Übergriffe sind bereits sehr lange hoch. Dank der Me too-Debatte wurde es stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Ich denke aber, dass diese Art von Gewalt, etwa die Vergewaltigung in der Ehe, der Zivilgesellschaft peinlich ist. Allein wenn man bedenkt, dass diese Art der Gewaltausübung erst seit 2004 ein Offizialdelikt ist. Natürlich gibt es auch die Gewalt von Frauen gegen Männer. Da Männer aber zumeist physisch stärker sind, sind diese Zahlen nicht so hoch wie im umgekehrten Fall.

Gewalt in Zahlen

3,6 Prozent der Frauen wurden laut der Studie der TU München von ihren Partnern vergewaltigt.

Was müsste aus Ihrer Sicht getan werden, um diese Zahl der häuslichen Gewaltdelikte deutlich zu senken?
Zum einen müssen wir dem Thema mit mehr Offenheit begegnen. Niemandem ist geholfen, wenn wir wissentlich zur anderen Seite blicken. Dass inzwischen auch die Strafen, etwa bei sexueller Gewalt, erhöht werden, zeigt, dass die Gesellschaft reagiert. Strafen allein reichen aber nicht. Wer derartige Vorgänge in der Familie, der Nachbarschaft oder wo auch immer kennt, muss reagieren. Darüber hinaus gilt es Personen, die schon einmal gewalttätig waren, im Blick zu behalten. Viele von ihnen sind Wiederholungstäter.

Wie verhält es sich mit dem Kinderschutz in den Kliniken?
Auch hier wird das Thema sehr sensibel aber offen behandelt. In den meisten Krankenhäusern, so auch bei Helios, etwa gibt es eine Kinderschutz AG. Ärzte, denen Kinder und Jugendliche anvertraut werden, achten aufmerksam auf Verletzungen unnatürlicher Art wie Frakturen, Narben und ähnliches. Das beginnt schon im Kleinstkindalter, etwa durch das Zuführen eines Schütteltraumas bei Säuglingen. Wird derartiges erkannt, reagieren wir umgehend.

Gleichzeitig gilt auch bei unserer Arbeit. Viele unserer Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind traumatisiert oder kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Dennoch haben sie ein Recht darauf, dass wir ihnen gegenüber die Norm und den Respekt wahren.

Trifft dieses Phänomen auf alle gesellschaftlichen Schichten zu oder tritt es verstärkt bei Randgruppen und sozial Schwachen auf?
Natürlich kommt häusliche Gewalt verstärkt bei Familien vor, die komplizierte Verhältnisse aufweisen, wo Armut und eine sozial schwere Lage den Tag bestimmen, wo Drogen oder strafrechtliche Maßnahmen zum Alltag gehören. Aber ein festes Kriterium ist das nicht. Häusliche Gewalt gibt es auch in den vermeintlich gebildeten Haushalten, in den besser gestellten Schichten der Gesellschaft.

Hat die häusliche Gewalt während der Pandemie zugenommen?
Ganz klar ja. Die Zahlen kommen aber erst jetzt an die Öffentlichkeit. Mitunter weil sich Betroffene wegen der Ausgangsbeschränkungen nicht zu Beratungsstellen oder der Polizei getraut haben oder die eingeschränkte Situation einen ungestörten telefonischen Kontakt erschwerte.

Dr. Korebrits, vielen Dank für dieses Gespräch!

Über unseren Interviewpartner

Über unseren Interviewpartner

Dr. Andries Korebrits ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Helios Park-Klinikum Leipzig. Zuvor hat er u. a. in der forensischen Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet.

Zum Hintergrund

Der Jahresbericht der Polizeidirektion Leipzig spricht eine deutliche Sprache. Demnach ist für Leipzig im Bereich der häuslichen Gewalt „gegenüber 2019 (2.728 Fälle) ein Anstieg auf 2.893 Fälle zu verzeichnen. Schwerpunkt bilden die Körperverletzungen mit 1.864 registrierten Fällen und ferner Straftaten gegen die persönliche Freiheit mit 611 Fällen“, wird in dem Bericht zitiert. Aus Sicht der Polizeidirektion Leipzig hat sich die Pandemie auf den Phänomenbereich der häuslichen Gewalt verstärkt ausgewirkt.

Was sagt das Gesetz?
Häusliche Gewalt ist zwar kein eigener Tatbestand im Strafrecht, wird aber durch einzelne Tatbestände im Strafgesetzbuch (StGB) miterfasst, zum Beispiel Körperverletzung (§ 223 StGB), Vergewaltigung (§ 177 StGB), Nötigung (§240 StGB), Freiheitsberaubung (§239 StGB) oder Beleidigung (§ 185 StGB). Deshalb ist es wichtig, Gewaltdelikte bei der Polizei zur Anzeige zu bringen.

Es gibt jedoch auch zivilrechtliche Schutzmöglichkeiten, z. B. die Regelung zur Wohnungsüberlassung (Betroffene können dann die gemeinsame Wohnung zumindest über eine gewisse Zeit allein nutzen, §2 GewSchG = Gewaltschutzgesetz, wurde extra zur Bekämpfung häuslicher Gewalt eingeführt). Darüber hinaus können Gerichte auch weitere Maßnahmen zum Schutz der Opfer treffen.