Ein Umdenken bei der Behandlung von Krebspatienten ist erforderlich
Wie man Netzwerke bilden kann

Ein Umdenken bei der Behandlung von Krebspatienten ist erforderlich

Seit 2004 gelten für bestimmte Eingriffe die sogenannten Mindestmengen. Kliniken müssen nachweisen, dass sie jährlich eine festgelegte Anzahl an Operationen auf diesem Gebiet durchführen. Bleibt eine Klinik unter dieser Marge, darf sie den Eingriff nicht mehr anbieten. Was bedeutet dies für die betroffenen Kliniken und ihre Patienten?

Die Helios Kliniken Bad Saarow und Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf haben bereits vor Jahren ein Kooperationsmodell geschaffen, in dem die Patienten optimal versorgt werden und beide Kliniken profitieren.

Das Prinzip klingt einfach: „Übung macht den Meister“. Weil bei komplexen Eingriffen mit steigender Fallzahl die Komplikationsrate sinkt, muss eine Klinik jährlich eine gesetzlich vorgeschriebene Anzahl an Nieren-, Leber- und Stammzelltransplantationen sowie an bestimmten Operationen der Bauchspeicheldrüse und der Speiseröhre durchführen – oder sie darf die Leistungen nicht mehr anbieten. So erging es Dr. Joachim Böttger, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie im Helios Klinikum Bad Saarow.

Personen im OP
Prof. Jansen und sein Team sind ideale Kooperationspartner für das Bad Saarower Klinikum. Foto: Helios Klinikum Emil von Behring

Zwei Jahre hintereinander lag er knapp unter der geforderten Fallzahl von zehn Operationen beim Osöphaguskarzinom, dem Speiseröhrenkrebs. „Brandenburg hat im Verhältnis zur Fläche relativ wenige Einwohner, da kann es in manchen Jahren vorkommen, dass wir die geforderte Mindestmenge nicht erbringen können“, erläutert der erfahrene Chirurg die Gründe. „Wir standen damit vor der Alternative: Schicken wir den Patienten in ein anderes Krankenhaus oder schaffen wir für ihn eine im qualitativen Sinne sehr hochwertige Versorgung innerhalb unseres Klinikverbunds?“

Mit dem Helios Klinikum Emil von Behring fand sich ein Kooperationspartner, der sowohl hinsichtlich der fachlichen Qualifikation als auch von der räumlichen Entfernung her ideale Bedingungen bietet. Patienten mit Speiseröhrenkrebs brauchen fast immer eine interdisziplinäre Behandlung, bei der verschiedene Fachabteilungen zusammenarbeiten – von der Onkologie über die Gastroenterologie, die Radiologie bis zu den Chirurgen.

Das ist ein Thema, das immer mehr in den Fokus rückt.

Dr. Joachim Böttger | Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie im Helios Klinikum Bad Saarow

Hieraus entstand in Bad Saarow die Idee, dass der Patient zwar für die Operation in das rund 80 Kilometer entfernte Haus nach Berlin-Zehlendorf verlegt wird, die gesamte restliche Behandlung aber vor Ort stattfindet. Konkret bedeutet dies: Nach der Diagnose legen die Mediziner in der Bad Saarower Tumorkonferenz den Therapieplan fest. Sind vor der Operation andere Therapieschritte wie beispielsweise eine Chemotherapie nötig, so werden diese in Bad Saarow durchgeführt.

„Wir in Zehlendorf erbringen sozusagen nur die Dienstleistung Operation“, erklärt Prof. Dr. Marc H. Jansen, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Minimalinvasive Chirurgie im Helios Klinikum Emil von Behring. Das Besondere für die Patienten: Chefarzt Böttger reist zu jeder OP aus Bad Saarow an und operiert gemeinsam mit dem Berliner Kollegen. Der Patient wird also von zwei erfahrenen Chefärzten chirurgisch versorgt. Im Anschluss an die Operation wird der Behandlungsverlauf wieder in der Bad Saarower Tumorkonferenz besprochen und der Patient – sofern nötig – dort weiterbehandelt.

Positive Rückmeldungen der Patienten

Diese Konstellation bietet für Patienten sowie die beteiligten Kliniken Vorteile. Der Patient wird von Spezialisten behandelt, das Helios Klinikum Bad Saarow bleibt als Heimatkrankenhaus für die Behandlung des Patienten verantwortlich. „Für uns ist sehr wichtig, dass wir von Patienten und niedergelassenen Ärzten weiterhin als Krankenhaus wahrgenommen werden, dass die komplexe Behandlung von Speiseröhrenkrebs anbietet – und das medizinisch hochwertig“, betont Chefarzt Böttger. Auch von den bisher rund 30 operierten Patienten kommen nur positive Rückmeldungen. Der Transfer des Patienten wird vom Helios Klinikum Emil von Behring organisiert, ein Shuttle holt die Patienten von Zuhause ab und bringt sie nach ihrem stationären Aufenthalt in Berlin auch wieder zurück.

„Dass die Patienten merken, dass eine aktive Zusammenarbeit stattfindet und wir uns um sie kümmern, ist sehr wichtig“, sagt Dr. Böttger. „Es würde nicht funktionieren, wenn wir ihnen sagen würden: Sie müssen sich zu diesem Zeitpunkt in Berlin einfinden. Da sind wir bei einer solchen Kooperation schon in der Pflicht für die organisatorischen Rahmenbedingungen zu sorgen. Dies bezieht sich auch auf die Angehörigen, die für Besuche nun den Weg nach Berlin auf sich nehmen müssen. Auch hier sind beide Häuser bereit, konstruktive Lösungen zu finden, wenn nötig.

„Das ist ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen: Welche Wege können wir den Angehörigen zumuten?“, berichtet Professor Jansen. „Bei einer Erkrankung wie Speiseröhrenkrebs ist es für Patienten und Angehörige nachvollziehbar, dass eine sehr komplexe und schwierige Behandlung notwendig ist. Da sind dann beide Seiten auch eher bereit, die Fahrtwege auf sich zu nehmen. Bei einem einfachen Leistenbruch wäre das sicherlich nicht möglich.“ Die Entscheidung leichter macht Patienten und Angehörigen auch, dass sich der Aufenthalt in Berlin nur auf rund 14 Tage im unmittelbaren Anschluss an die Operation beschränkt. Hier zeigt sich der weitere Vorteil des Modells, dass der Großteil der Behandlung im Heimatkrankenhaus Bad Saarow stattfindet.

Wir beschäftigen uns mit dem wichtigen Thema, welche Wege wir den Angehörigen von Krebspatienten zumuten können.

Prof. Dr. Marc H. Jansen | Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Minimalinvasive Chirurgie im Helios Klinikum Emil von Behring

Netzwerkgedanke über die Mindestmengen hinaus

Inzwischen hat die Kooperation auch auf ärztlicher Ebene zu einem engeren Austausch geführt. Bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten wie einer Kanufahrt lernen sich die Teams der Kliniken besser kennen. Wenn möglich, bringt Dr. Böttger seine Assistenzärzte zu den Operationen nach Berlin mit, damit sie nach wie vor die Möglichkeit haben, eine solch komplexe Operation in ihrer Ausbildung zu sehen. Auch die beiden Chefärzte profitieren vom chirurgischen Können des jeweils anderen. „Die Grundlagen sind natürlich überall gleich und die beherrschen wir gleichermaßen“, erklärt Dr. Böttger. „Aber wir beobachten beim jeweils anderen durchaus Details in der technischen Ausführung, mithilfe derer wir unsere eigene Operationstechnik weiterentwickeln. So gesehen haben unsere anderen Patienten auch etwas von dieser Kooperation.“

Für die Kliniken in Brandenburg, Berlin und Sachsen haben die Mindestmengenregelung den Anstoß gegeben, sich schon früh mit der Frage zu beschäftigen, wie man Netzwerke bilden kann, um Patienten bestmöglich zu behandeln. Einmal jährlich findet ein Treffen statt, bei dem besprochen wird, wie man bestimmte Spezialisierungen in der Region auch über die Mindestmengenregelung hinaus für möglichst viele Patienten nutzbar machen kann. Für die Behandlung von Weichteiltumoren, sogenannten Sarkomen, existiert schon seit mehreren Jahren das Sarkomzentrum Berlin-Brandenburg, das die Kompetenzen der Helios Kliniken in Berlin-Buch, Berlin-Zehlendorf und Bad Saarow bündelt. Aber auch bei anderen Fragestellungen werden Patienten in die jeweils spezialisierte Klinik geschickt.

Innerhalb der Region ist festgelegt, welche Kliniken für welche Behandlung miteinander kooperieren. „Das ist ein Thema, das immer mehr in den Fokus rückt“, ist sich Dr. Böttger sicher. „Wir haben den Schritt zu mehr Kooperation schon getan. Es ist zwar anfangs nicht leicht, wenn man etwas, was man jahrelang erfolgreich gemacht hat, nicht mehr machen darf. Da ist auch seitens der Ärzte und Chirurgen langfristig ein Umdenken erforderlich. Wir haben hier in unserer Region eine Situation geschaffen, die den Patienten eine optimale Versorgung bietet und gleichzeitig allen beteiligten Kliniken zugutekommt.“

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