Übergewicht bei Kindern
Fragen, Fakten & Folgen

Übergewicht bei Kindern

In den letzten 20 Jahren ist die Zahl übergewichtiger Kinder in Deutschland stark angestiegen. Mittlerweile ist jedes fünfte Kind übergewichtig. Mangelnde Bewegung und die falsche Ernährung sind hauptsächlich verantwortlich für Übergewicht bei Kindern.

Wir haben zwei Expertinnen gefragt, was passiert, wenn aus Babyspeck Adipositas wird und wie Kinder wieder ein Normalgewicht erreichen können.

Eigentlich sollten Kinder laufen, springen, toben und klettern. Doch die Realität sieht meist anders aus: Immer mehr Tätigkeiten erfolgen im Sitzen. Sie bewegen sich kaum in der Schule, danach sitzen sie zu Hause vor der Konsole oder dem Tablet.  "Die digitale Welt ist längst bei den Kleinsten der Gesellschaft angekommen", so Dr. Rabea Wehnert, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin im Helios Klinikum Krefeld. Hinzukommt die ständige Verfügbarkeit von Süßigkeiten, Fast Food und Softdrinks. Diese Kombination aus Bewegungsmangel und falscher Ernährung kann jedoch schnell zu Adipositas (krankhaftem Übergewicht) führen. "Die nicht verbrauchte Energie wird in Form von Fett gespeichert. Neben psychischen Problemen leiden Kinder häufig schon an gesundheitlichen Problemen und Folgeerkrankungen der Adipositas", erklärt Dr. Wehnert.

Symptome für Übergewicht

Übergewichtige Kinder zeigen eine Vielzahl an Beschwerden, die durch die überschüssigen Fettpolster bedingt sind.

Zu den häufigsten Symptomen zählen:

  • Kurzatmigkeit und schlechte Belastbarkeit
  • Gelenkschmerzen
  • schlechtes Selbstwertgefühl
  • Antriebslosigkeit
  • Depression
  • Mobbing
  • Müdigkeit (z. B. Schlafapnoe)
  • Hautveränderungen (Acanthosis)
  • bei Mädchen Zyklusstörungen und vermehrte Behaarung

Risikofaktoren und Ursachen für Übergewicht

Es gibt viele Gründe, warum Kinder übergewichtig sind oder gar Adipositas haben. Bis zu 70 Prozent sind auf genetische Veranlagungen zurückzuführen, der Rest ist beeinflussbar.

Junge sitzt vor Fernsehr und benutzt die Fernbedienung
Zu wenig Bewegung kann Übergewicht begünstigen | Foto: Canva

Bewegungsmangel im Alltag:

Kinder bewegen sich immer weniger. Sie sitzen tagsüber in der Schule oder werden von ihren Eltern mit dem Auto zur Schule hergefahren. Auch ihre Freizeit verbringen viele Kinder häufig lieber vor dem Fernseher oder dem Computer als im Sportverein. "Die fehlende Bewegung stellt ein erhöhtes Risiko für Übergewicht dar und begünstigt das Ansetzen von Fettpolstern, so Regina Krause, Diätassistentin mit Zusatzqualifikation Pädiatrie in der Kinderklinik im Helios Klinikum Krefeld. Hier greift auch die Vorbildfunktion der Eltern, denn Kinder schauen sich viel von ihren Eltern ab. Sind diese sportlich aktiv, wollen Kinder es ihnen meist nachahmen.

Korpulentes Baby sitzt auf einer Picknickdecke und spielt
Falsche Essgewohnheiten werden oft von den Eltern übernommen | Foto: Canva

Falsche Ernährung:

Auch eine fett- und zuckerreiche Ernährung begünstigt Übergewicht bei Kindern. Hier wird es besonders heikel, wenn Kinder die Nahrungsaufnahme mit einem ungünstigen Essverhalten in Verbindung bringen. Sei es, dass Essen als Belohnung oder in Stresssituationen als Frustessen angesehen wird. Dieses Verhalten wird meist ein Leben lang beibehalten und kann zu Adipositas führen. Das Ernährungsverhalten lernen die Kinder durch ihre Eltern. Wenn sich schon die Eltern falsch ernähren, übernehmen Kinder dies ebenfalls.

Medikamente und Erkrankungen:

Manche Medikamente können die Gewichtszunahme beeinflussen und zu Übergewicht führen. Dazu zählen zum Beispiel Cortison und bestimmte Antidepressiva. Endokrinologische Grunderkrankungen, wie beispielsweise eine Schilddrüsenunterfunktion, Morbus Cushing oder auch Erkrankungen der Hirnanhangdrüse sind bei circa einem Prozent der adipösen Kinder als Ursache zu nennen.

Ab wann gelten Kinder als übergewichtig?

Der Body-Mass-Index bestimmt auch bei Kindern, ob ihr Gewicht im Normalbereich ist oder nicht. Bei Babys, Kindern und Jugendlichen gibt das Perzentile Auskunft über die gewünschte Entwicklung anhand von Vergleichswerten aller Kinder im jeweiligen Alter. Verlaufskurven von BMI-Perzentilen zeigen graphisch Vergleichswerte in Bezug auf das jeweilige Alter.

Das Normalgewicht eines Kindes liegt zwischen der 10. und der 90. BMI-Perzentile. Kinder unter der 10. BMI-Perzentile gelten als untergewichtig und Kinder über der 90. BMI-Perzentile als übergewichtig. Kinder, die adipös sind, liegen über der 97. BMI-Perzentile.

Dr. Rabea Wehnert, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin | Helios Klinikum Krefeld

Folgen für die Gesundheit

Übergewicht bei Kindern kann die physische und psychische Entwicklung beeinflussen. Insbesondere bei starkem Übergewicht zeigen sich spätestens beim Übergang ins Erwachsenenalter Folgen der Adipositas. So haben Betroffene neben psychischen Problemen häufig auch Bluthochdruck, Gelenkbeschwerden und Vorformen von Altersdiabetes.

Weitere mögliche Folgeerkrankungen sind:

  • Glukosetoleranzstörung
  • Diabetes Mellitus Typ 2
  • Schlafapnoesyndrom
  • Gelenkschäden (Knie, Hüfte, Sprunggelenk)
  • Pseudotumor Cerebri (Erhöhter Hirndruck ohne bekannte Ursache)
  • Fettleber
  • Gallensteine
  • Depression
  • polyzystisches Ovarsyndrom (Überschuss an männlichen Hormonen)
  • Bluthochdruck
  • Arteriosklerose (dadurch erhöhtes Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt)
  • Gicht
  • erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen

Prävention von Adipositas bei Kindern

Baby lacht und wird mit Brei gefüttert
Bereits im Kleinkindalter wird der Grundstein für gesunde Ernährung gelegt | Foto: Canva

Während der Schwangerschaft und nach der Geburt

Es geht bereits während der Schwangerschaft los. Schon hier sollten sich werdende Mütter gesund und ausgewogen ernähren. Sie können zwar für zwei denken, aber sollten nicht für zwei essen. Auch das Stillen ist ein wichtiger Faktor, da es das Risiko der Kinder übergewichtig zu werden, senkt. Besonders bei übergewichtigen Müttern scheint Stillen noch bedeutsamer als Präventionsmaßnahme zu sein. Zudem erhöht sich das Risiko für Kinder an Adipositas zu erkranken um 30 Prozent, wenn Mütter während der Schwangerschaft rauchen.

Aufklärung über Ernährung

Eine der wichtigsten Präventionsmaßnahmen ist die gesundheitliche Aufklärung über Ernährung. Dies kann beispielsweise in der Schule erfolgen. Wichtig ist auch hier, die Eltern miteinzubeziehen. Denn gerade bei kleinen Kindern schmieren Eltern die Schulbrote und können die gesunde Ernährung positiv beeinflussen.

Zeit nehmen für Ernährung

Eltern und Kinder sollten sich Zeit zum Essen nehmen. Das umfasst eine Planung der Speisenauswahl, den Einkauf der Lebensmittel, die Zubereitung, aber auch das gemeinsame Essen und Mitmachen lassen des Kindes. Auf diese Weise können Kinder schon von klein auf lernen, dass das Wort "Zeit" in Mahlzeit eine wichtige Bedeutung hat.

Aktivitäten im Alltag

Neben dem Schulsport ist es sinnvoll, Kinder zu weiterer Bewegung zu animieren. So kann bei gutem Wetter und einer angemessenen Distanz der Schulweg mit dem Rad anstatt dem Bus zurückgelegt werden. Ebenso sollte das Spielen an der frischen Luft bevorzugt und gefördert werden, um die nötige Bewegung in den Alltag des Kindes zu bringen. Auch hier haben Eltern eine Vorbildfunktion. Sitzen sie selbst den ganzen Tag und bewegen sich kaum, wird das Kind dieses Verhalten für sich adaptieren.

Was können Eltern tun?

Ein kleines Mädchen mit Zöpfen spielt mit einem Ball auf einer Wiese
Ausreichend Bewegung kann Übergewicht vorbeugen | Foto: Canva

Haben Eltern das Gefühl ihr Kind könnte übergewichtig sein, sollten sie zunächst mit dem Kinderarzt sprechen. Zudem sollten Eltern positive Beispiele sein und neben einer gesunden und ausgewogenen Ernährung auch Bewegung und Sport vorleben. Also das Kind lieber einmal zu Fuß zur Schule bringen als immer mit der Bahn oder dem Auto.

Zudem sollten Eltern ihre Kinder nicht auf Diät setzen, sondern vielmehr eine altersgerechte Ernährung anhand der Ernährungspyramide ermöglichen. Auch das Optimix-Prinzip eignet sich für eine gesunde Ernährung des Kindes. Es basiert auf dem Konzept der "optimierten Mischkost" und legt Wert auf eine abwechslungsreiche sowie frische Kost. Das Optimix-Prinzip kann die Ernährungsgewohnheiten ab dem ersten Lebensjahr formen und unterstützen.

Für die Lebensmittelauswahl sind vier einfache Regeln zu beachten:

  1. Sparsamer Umgang mit fettreichen Lebensmittel und Süßigkeiten
  2. mäßiger Einsatz von tierischen Lebensmitteln
  3. reichliche Mengen  pflanzlicher Lebensmittel
  4. bevorzugt Wasser und Tee als Getränke

Auch Naschereien sind erlaubt, allerdings sollten nur circa 10 Prozent der zugeführten Energie auf ihnen basieren. Die restlichen 90 Prozent sollten auf Lebensmitteln basieren, die viele Nährstoffe, wie Vitamine und Mineralstoffe haben.

Das Obeldicks Schulungsprogramm für übergewichtige Kinder

Junge mit blauem T-Shirt sitzt am Tisch. Er hält sich Orangen vor sein Gesicht.
Adipöse Kinder müssen einen gesunden Umgang mit Essen erst lernen | Foto: Canva

Wenn Ihr Kind an starkem Übergewicht leidet und bereits gesundheitliche Probleme hat, bieten sich spezielle Adipositasprogramme wie das Obeldicks Schulungsprogramm im Helios Klinikum Krefeld an. In einem zwölfmonatigen Therapieprogramm wird eine dauerhafte Umstellung der Ess- und Lebensgewohnheiten geschult. Kinder und Jugendliche sollen langfristig zu einem Normalgewicht finden und Folgeerkrankungen der Adipositas dadurch vermieden werden. Eine Zugangsvoraussetzung zur Teilnahme am Programm ist ein BMI der über der 99,5 BMI-Percentile lieg oder ein BMI von 97 mit zusätzlichem Risikofaktor wie einer Vorerkrankung oder Gelenkbeschwerden. 

Worum geht's bei Obeldicks?

Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 15 Jahren können das Schulungsprogramm besuchen, um gesunde Ernährungs- und Lebensgewohnheiten für ihren Alltag zu entdecken.

Das Programm basiert auf vier Säulen:

  • Ernährung: Kinder aber auch ihre Eltern erhalten wesentliches Wissen über eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Dazu finden gemeinsame Kochkurse in der Gruppe statt, die Spaß machen und den Gemeinschaftssinn fördern.
  • Bewegung: Sport macht Spaß. Ziel ist es, dass Kinder die Freude am Sport für sich (wieder-)entdecken. Unter Gleichgesinnten ist auch die Scham geringer, wenn die Ausdauer zu Beginn noch nicht ausreicht und die Motivation durch sportliche Erfolge direkt größer.
  • Psychologische Betreuung: Im Vordergrund steht das Training eines gezielten Essverhaltens. Außerdem werden Fähigkeiten wie Selbstwahrnehmung und Eigenakzeptanz gefördert. Da auch Frustrationen auftreten können, werden diese individuell aufgearbeitet und Strategien für einen Umgang mit diesen entwickelt.
  • Kindermedizinische Betreuung: Das komplette Programm steht unter der kontinuierlichen medizinischen Begleitung des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Helios Klinikum Krefeld. Bevor ein Kind oder Jugendlicher in das Programm aufgenommen wird, findet eine Vorabuntersuchung in der Adipositas-Ambulanz statt.

Nachdem das Programm beendet ist, erfolgen jährliche Langzeitverlaufskontrollen bis zum 18. Lebensjahr. "Wichtig ist, dass auch die Eltern einen entscheidenen Anteil an dem Erfolg ihrer Kinder haben. Im Alltag müssen das erlernte Wissen über gesunde Ernährung, Bewegung, aber auch der psychologische Aspekt weiterhin gefördert und umgesetzt werden", so Frau Krause. Folglich ist das Obeldicks Schulungsprogramm ein Programm aus dem die ganze Familie Hilfe zur Selbsthilfe finden kann.