Karsten Tietz bricht bewusstlos zusammen
Herzstillstand auf dem Parkplatz

Karsten Tietz bricht bewusstlos zusammen

Eine Geschichte vom Glück im Unglück. Denn in letzter Sekunde retten die Ärzte das Leben von Karsten Tietz – und verändern damit seinen Blick auf das Leben.

Eben noch steht Karsten Tietz als Pressesprecher im Mittelpunkt einer Veranstaltung – wenige Minuten später liegt er bewusstlos auf dem Parkplatz. Von einem Moment auf den anderen aus dem Leben gerissen. Doch Tietz hat Glück: Ersthelfer, Rettungssanitäter und Ärzte im Helios Klinikum Berlin-Buch können sein Leben retten. Die Erfahrung verändert seinen Blick auf das Leben. Und obwohl der 54-Jährige lange ohne Bewusstsein ist, kann er sich später an viele Details erinnern – selbst als sein Herz aufhört zu schlagen.

medizinisches Fachpersonale versorgt Patient in Notaufnahme
In der Notaufnahme retteten die Mediziner Karsten Tietz das Leben | Foto: Murat Aslan

Karsten Tietz öffnet eine Plastiktüte. Darin: ein eleganter Anzug, ein passendes Hemd, beide zerfleddert, in Streifen geschnitten. „Das waren die Notärzte“, erzählt er. „Das mussten die machen, um mir zu helfen an dem Abend.“ Der Anzug erinnert ihn daran, dass es damals auch ganz anders hätte ausgehen können.

Vier Monate später treffen wir Tietz in dem Bowlingcenter, in dem er gelegentlich aushilft. Während er uns seine Geschichte erzählt, kommen Stammkunden vorbei, begrüßen ihn freundlich – man kennt und schätzt den 54-Jährigen. Kein Wunder: Tietz ist ein Kumpel-Typ – einer, der immer erstmal einen Kaffee anbietet und an dessen Lippen man hängt, sobald er anfängt zu erzählen.

Tietz ist ein Macher: 24 Jahre lang hat er als Hotelier gearbeitet, direkt nach der Wende im frisch wiedervereinigten Berlin sein Business aufgebaut. Seit einigen Jahren vertritt er als Pressesprecher zudem die Vereinigung der Wirtschaftskonsuln (VWK) Berlin-Brandenburg, die für multinationale Völkerverständigung eintritt. In dieser Funktion ist er an dem verhängnisvollen Oktoberabend zu einer Abendveranstaltung geladen. Der Anzug ist da brandneu und noch vollkommen intakt.

„Dann bin ich einfach umgefallen“

Der 9. Oktober 2019 ist ein milder Herbsttag, der jedoch von Schauern getrübt wird. Das tut der guten Stimmung beim Empfang der VWK und der kubanischen Botschaft keinen Abbruch. Tietz eröffnet als Pressesprecher den Abend, anschließend hält der kubanische Botschafter eine Rede. „Dann kam der Satz, auf den alle gewartet haben“, erzählt Tietz: „Das Buffet ist eröffnet.“ Die hungrigen Gäste stellen sich an, auch Tietz füllt sich einen Teller, plötzlich merkt er: Irgendetwas stimmt nicht.

„Ich hatte Schwierigkeiten beim Kauen und beim Essen“, erinnert er sich. Er verspürt Schmerzen im Kiefer und im Hinterkopf, fühlt sich unwohl. „Ich habe meinen Teller abgestellt, bin nach draußen gegangen, um frische Luft zu schnappen.“ Auf dem Parkplatz wird ihm schwarz vor Augen. „In diesem Augenblick habe ich das Bewusstsein verloren – und bin einfach umgefallen.“

Ich hatte Schwierigkeiten beim Kauen und beim Essen. Ich habe meinen Teller abgestellt, bin nach draußen gegangen, um frische Luft zu schnappen. In diesem Augenblick habe ich das Bewusstsein verloren – und bin einfach umgefallen.

Karsten Tietz

Tietz hat Glück: Unter den Gästen der Abendveranstaltung sind Ärzte. Sie versorgen ihn, bis der Rettungswagen eintrifft, der ihn zum Helios Klinikum Berlin-Buch bringt. Tietz ist die ganze Zeit über bewusstlos, hat keinen Blutdruck. Später kommt es zum Herzstillstand, zum Atemstillstand. Das ist das, was man ihm später erzählt.

Erinnerungen an den gesamten Zeitraum

Mann blickt in Kamera, Hintergrund dunkel
Karsten Tietz hat erfahren, wie schnell das Leben vorbei sein kann | Foto: Murat Aslan

Was er selbst erlebt, ist eine andere Geschichte: Zwar ist er körperlich außer Gefecht gesetzt. „Aber obwohl ich nachweislich bewusstlos war, habe ich über den gesamten Zeitraum Erinnerungen“, erzählt er. „Ich kann mich daran erinnern, wie die Rettungssanitäter eingetroffen sind, wie der Notarzt eingetroffen ist, wie ich ins Fahrzeug gebracht wurde.“

Während all dieser Zeit fühlt er sich unbeschwert und vollkommen entspannt, verspürt weder Angst noch Schmerzen. Erst als man versucht, ihn mit Griffen an den Hals zu Bewusstsein zu bringen, tut es weh. Er will intervenieren, kann aber weder sprechen, noch Signale mit den Augen senden. Er bekommt mit, wie die Helfer im Rettungswagen sich beraten: welches Mittel sie verabreichen, in welches Krankenhaus sie ihn bringen sollen.

Selbst im Krankenhaus nimmt er viele Details wahr – etwa wie sein Name falsch ausgesprochen wird. „Ich habe gedacht: Leute, ‚Tietz‘ ist doch nicht so schwer.“ Er wird in den Schockraum gebracht und intubiert, über den Würgereiz erlangt er schließlich das Bewusstsein wieder. „Wissen Sie, wo Sie sind?“ fragt ihn die Ärztin. Da denkt er: „Das müssen Sie doch wissen!“

Oberstes Ziel: Gesund werden

Nach dem Aufwachen kommt das Begreifen. Innerhalb von Sekunden realisiert Tietz, wo er ist und was passiert sein muss. Die zuvor empfundene Leichtigkeit verschwindet. „Als ich meine eigene Situation reflektieren konnte, war ich nicht mehr so entspannt“, sagt er.

Die Zuversicht kehrt jedoch zurück, als er merkt, wie viele Menschen sich um sein Leben bemühen, wie reibungslos die Rädchen der Notaufnahme ineinandergreifen. „Wow, was für ein Apparat“, denkt er und ist sich sicher: „Ab jetzt kann mir nichts mehr passieren. Ab jetzt wird alles besser.“

Du willst als Vater nicht, dass deine Töchter einen Anruf bekommen: Ihr Vater befindet sich in einer lebensbedrohlichen Situation.

Karsten Tietz

Tietz ist nicht zum ersten Mal im Krankenhaus. „Aber in dieser Situation habe ich das alles noch einmal anders erlebt.“ Er erzählt, wie er vom Schockraum auf die Intensivstation verlegt wird, von dort auf die Überwachungsstation und schließlich auf die Normalstation. Und jederzeit sei jemand um ihn herum gewesen, der ihn versorgt, seine Familie informiert oder auf andere Weise geholfen habe. „Ich habe in den ersten Tagen bestimmt 60 Menschen kennengelernt“, erinnert er sich. „Die haben sich in diesen Tagen gefühlt nur um mich und meine Familie gesorgt.“

Karsten Tietz erholt sich schnell, von Minute zu Minute geht es ihm besser. Der Gedanke an seine Familie motiviert ihn, gesund zu werden. „Du willst als Vater nicht, dass deine Töchter einen Anruf bekommen: Ihr Vater befindet sich in einer lebensbedrohlichen Situation.“ Als genau das eintritt, sagt er sich: „Ich gehe gesund aus diesem Krankenhaus raus.“

Karsten Tietz blickt nach vorn

Nichts im Leben ist mehr selbstverständlich

Und so kommt es. Nur eine Woche nach seinem Atemstillstand steht Tietz auf dem Parkplatz vor dem Helios Klinikum Berlin-Buch, in der Hand die Tüte mit dem zerschnittenen Anzug. Soeben hat man ihn entlassen. „In diesem Moment ging es mir so gut, da musste ich auf einmal laut lachen“, erinnert er sich. „Mitten auf dem Parkplatz.“ Wenige Tage später kauft sich Karsten Tietz den gleichen Anzug noch einmal, das Hemd dazu.

Mann sitzt auf Hantelbank
Besuche im Fitnessstudio sind mittlerweile Bestandteil seines Alltags | Foto: Murat Aslan

Nach seinem Krankenhausaufenthalt habe er sein Leben gar nicht groß verändern wollen, erzählt uns Tietz vier Monate später. „Wenn man aber einmal merkt, wie schnell es vorbei sein kann, dann verändert das den Blick aufs Leben.“ Früher sei Arbeit oft das Wichtigste in seinem Leben gewesen, sagt er. „Heute weiß ich: Es gibt nichts Wichtigeres als mit der Familie oder mit Freunden Zeit zu verbringen.“

Was, wenn es morgen wieder passiert? Diesen Gedanken würde Tietz am liebsten ausblenden. Aber er hilft ihm auch dabei, sein Leben intensiver zu genießen, nicht mehr alles für selbstverständlich zu nehmen, Vorsätze endlich umzusetzen. „Dieses Jahr habe ich mich sogar endlich im Fitnessstudio nebenan angemeldet.“

Den zerschnittenen Anzug werde er aufbewahren, sagt Tietz, als wir uns von ihm verabschieden. „Als kleine Mahnung, wie schnell es vorbei sein kann.“

Karsten Tietz erinnert sich: Wie er auf dem Parkplatz zusammenbrach, im Krankenhaus behandelt wurde und sich entschloss, das Krankenhaus gesund zu verlassen.