„Es reicht eine geringere Virus-Dosis, um sich anzustecken“ © Foto: Canva
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Coronavirus-Mutationen

„Es reicht eine geringere Virus-Dosis, um sich anzustecken“

B.1.1.7, B.1.351 und B.1.1.248: Die harmlos klingenden Bezeichnungen sind der Grund, weshalb in Deutschland trotz sinkender Infektionszahlen wohl noch länger Abstandsregeln, Mund-Nasen-Schutz und Hygienemaßnahmen nötig sein werden. Die Buchstaben-Zahlen-Kombinationen stehen für die britische, südafrikanische und brasilianische Corona-Mutationen. Doch was bedeuten die veränderten Viren für uns genau?

Priv.-Doz. Dr. Irit Nachtigall, Expertin für Infektiologie und Antibiotic Stewardship bei Helios, und Prof. Dr. Dirk Peetz, Chefarzt des Instituts für Labormedizin im Helios Klinikum Berlin-Buch, erklären im Interview, was wir bisher wissen – und was nicht.

Herr Professor Peetz, was ist das Besondere an den Mutationen aus Brasilien, Südafrika und Großbritannien?

Prof. Dirk Peetz: Das Besondere an diesen Mutationen ist, dass sie dem Virus einen Selektions-Vorteil geben. Das Virus ist leichter übertragbar, kann sich schneller vermehren und die Infizierten werden sehr wahrscheinlich auch infektiöser. Das ist jedenfalls, was wir in den epidemiologischen Daten sehen: Dass in den Kollektiven, die sich mit der Mutation infiziert haben, mehr Übertragungen stattfinden.

Gleichzeitig kommt dazu, dass mindestens bei der südafrikanischen und der brasilianischen Variante die bisherigen gebildeten Antikörper wahrscheinlich schlechter binden und der neutralisierende Effekt bei einer Infektion also geringer ist. Der dritte Punkt ist, dass wahrscheinlich bei manchen der Mutationen der Schweregrad der Erkrankung etwas erhöht sein könnte. Aber da sind wir erst am Anfang der Erkenntnisgewinnung.

Das Besondere an diesen Mutationen ist, dass sie dem Virus einen Selektions-Vorteil geben. Das Virus ist leichter übertragbar, kann sich schneller vermehren und die Infizierten werden sehr wahrscheinlich auch infektiöser.

Prof. Dr. Dirk Peetz, Chefarzt des Instituts für Labormedizin | Helios Klinikum Berlin-Buch

Frau Dr. Nachtigall, in den Medien wurde bereits viel über die Mutationen berichtet, vielen Menschen machen sie Angst. Müssen wir bei Helios jetzt vielleicht auch unser Hygienekonzept  anpassen?

Dr. Irit Nachtigall: Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass unser Konzept extrem gut ist.

Auch wenn man immer wieder davon spricht, dass das mutierte Virus mehr übertragen wird: Ich glaube nicht, dass das so ist. Ich glaube vielmehr, dass eine geringere Virus-Dosis reicht, um sich zu infizieren – weil die Mutationen einfach leichter andocken können. Es gibt zumindest bisher keine Hinweise, dass die Mutationen leichter von einem Menschen zum nächsten springen oder dass sie besser durch die Poren unserer Masken passen. Das wäre tasächlich eine leichtere Übertragbarkeit. Ich glaube, dass ist so eine kleine sprachliche Unsauberkeit: Dass die Mutationen gar nicht wirklich leichter übertragbar sind, sondern dass man sich schon bei einer geringeren Menge infizieren kann. Einfach, weil das Schlüssel-Schloss-Prinzip bei den Mutationen besser passt und das Spike-Protein, mit dem das Virus an unsere Zellen andockt, verändert ist. Es kann sich leichter andocken, in unsere Zelle gelangen und wahrscheinlich auch schneller vermehren.

Für die meisten Virusmutationen ist es übrigens nicht so, dass die Erkrankungsschwere zunimmt. Das wäre für das Virus auch gar nicht so schlau. Das möchte ja, dass wir überleben. Wir sind der Wirt, in dem es sich vermehren möchte, dafür müssen wir aber leben. Das heißt, wenn das Virus tödlicher wäre, hätte es einen Selektionsnachteil, weil es seinen Wirt schwerer schädigen würde. Von daher ist das vermutlich eher so, dass sich das Virus mit einer geringeren Dosis überträgt und sich im Wirt schneller repliziert, aber wahrscheinlich nicht die Krankheitsschwere beeinträchtigt.

Die Maßnahmen in unseren Kliniken sind jedenfalls gut und sie funktionieren für jedes Virus. Sie sind sehr gut durchdacht, zudem haben wir im zurückliegenden Jahr viel gelernt. Ich glaube, dass unsere Maßnahmen genauso gut gegen die Mutanten helfen.

Das heißt, wenn das Virus tödlicher wäre, hätte es einen Selektionsnachteil, weil es seinen Wirt schwerer schädigen würde.

Priv.-Doz. Dr. Irit Nachtigall, Regionalleiterin für Infektiologie und Antibiotic Stewardship der Helios Region Ost

Viele stellen sich im Zusammenhang mit den Virus-Veränderungen die Frage: Wirkt der Impfstoff, der jetzt zugelassen ist, auch gegen die neuen Mutationen?

Prof. Dirk Peetz: Für die britische Mutation zeigen die Impfstoffe von BioNTech und Moderna keine relevant veränderte Tauglichkeit. Das wird bei der südafrikanischen oder der brasilianischen Variante vielleicht anders sein. Beide haben an speziellen Stellen des Spike-Proteins Mutationen, bei denen auch die Impfstoffe angesetzt haben. Da sieht man eine leicht reduzierte antikörperneutralisierende Wirkung. Das sind aber alles noch Experimente, die im Moment noch im Labor ablaufen. Was das am Menschen bedeutet, der sowohl eine T-Zellen-Antwort hat als auch eine Antikörper-Antwort sowie zusätzlich Kreuzreaktivitäten, ist aus meiner Sicht im Moment noch völlig offen.

Nach allem was man weiß, sollte man davon ausgehen, dass die Wirkung der Impfung durch die Mutationen nicht Null wird. Vielleicht wird sie leicht abgeschwächt. Es gibt jetzt auch Konzepte der Hersteller, die diskutieren zum Beispiel, ob man noch eine dritte Impfung dranhängt, um eine noch stärkere Antikörperantwort zu fördern, wenn die Mutationen sich durchsetzen. Gerade die mRNA-Hersteller können sicherlich relativ einfach ihre mRNA-Struktur anpassen. Was man sagen kann, ist also: Wir sind den Mutationen nicht hilflos ausgesetzt, aber man muss sich daran anpassen.

Nachträgliche Anmerkung (Stand 09.02.21): Nach der Aufnahme des Podcast sind Daten zur Wirksamkeit des BioNTech-Impfstoffs gegen die südafrikanische Variante bekannt geworden. Im Labor haben sich die Antikörper von Geimpften gegen die südafrikanische Variante als neutralisierend herausgestellt.

Frau Nachtigall, Sie haben vorhin angesprochen, dass sich andeutet, dass die mutierten Viren zu keinem schwereren Krankheitsverlauf führen. Heißt das auch, dass die Sterblichkeit nach aktuellen Erkenntnissen bei den mutierten Virus-Varianten nicht höher ist?

Dr. Irit Nachtigall: Das ist nicht so ganz einfach zu beantworten. Diese Virus-Varianten werden erst seit ein paar Wochen beobachtet. Am Anfang wurde immer gesagt, dass sie zu viel schwererem Verlauf führen und man sich doppelt so schnell ansteckt. Inzwischen wurde da ja an vielen Stellen zurückgerudert. Von der Logik der Mutationen her ist es eben so, wie ich vorhin gesagt habe: Es wäre für das Virus nicht schlau, wenn es seinen Wirt schneller umbringen würde.

Was ich über die britische Variante weiß ist eben, dass sich das Virus schneller andocken und sich auch schneller vermehren kann. Die anderen Teile dieses Virus sind aber nicht wesentlich verändert und deswegen ist die Immunantwort auch nicht anders. Das, was den Krankheitsverlauf mitunter so schwer macht, ist auch gar nicht das Virus selber, sondern die Antwort unseres Körpers darauf. Und wenn das Virus in den größten Teilen gar nicht so sehr verändert ist, ist es auch nicht wahrscheinlich, dass der Krankheitsverlauf viel schwerer ist. Aber genauer kann man das jetzt noch nicht zu beantworten, weil dafür die Beobachtungszeit dieser Varianten zu kurz ist.

Wie werden Mutationen nachgewiesen? Was bringen FFP2-Masken im Alltag? Und welche Maßnahmen helfen gegen die Virus-Mutationen? Den ganzen Podcast mit Priv.-Doz. Dr. Irit Nachtigall und Prof. Dirk Peetz hören Sie hier.

Wissen für die Ohren im Helios Podcast: Corona-Mutationen

Priv.-Doz. Dr. Irit Nachtigall, Expertin für Infektiologie und ABS bei Helios, und Prof. Dr. Dirk Peetz, Chefarzt des Instituts für Labormedizin im Helios Klinikum Berlin-Buch, erklären, was wir bisher wissen – und was nicht.

Dieser Artikel gibt den derzeitigen Wissensstand des zuletzt aktualisierten Datums wieder. Er wird regelmäßig nach den neuesten wissenschaftlichen und medizinischen Kenntnissen aktualisiert.