"Ein Burnout kann zum lebenslangen Begleiter werden, wenn man nicht frühzeitig handelt."
Ein Interview mit Dr. Markus Moser

"Ein Burnout kann zum lebenslangen Begleiter werden, wenn man nicht frühzeitig handelt."

Die Diagnosehäufigkeit des Burnout-Syndroms hat sich in den letzten Jahren nahezu verdreifacht. Auch der Anteil an Krankschreibungen aufgrund einer Burnout-Diagnose steigt rapide an.

Wie kann man einem Burnout vorbeugen oder diesen frühestmöglich erkennen? Auf welche Anzeichen muss ich achten? Wir haben mit Dr. med. Markus Moser, Präventionsarzt im Helios Prevention Center Berlin, darüber gesprochen.

Wie präsent ist das Thema Burnout in Ihren Check-ups?

Es kommt tatsächlich regelmäßig vor. Wir führen in unseren Check-ups standardmäßig ein Burnout-Screening durch. Aber schon im ersten Gespräch mit dem Patienten bekommt man ein Bauchgefühl, das dann im Verlauf mithilfe eines Screenings oft bestätigt wird.

Gibt es die „klassische“ Burnout-Persönlichkeit?

Meiner Meinung nach weisen Personen bestimmte Verhaltenstendenzen auf, wie z.B. unzureichende Selbstwahrnehmung, Neigung zur Aufopferung sowie mangelnde Abgrenzungsfähigkeit. Eine große Herausforderung sind hierbei Patienten mit einem Verdrängungsverhalten, also Menschen, die den Verdacht eines Burnouts negieren.  

Wer ist häufiger betroffen: Männer oder Frauen?

Wahrscheinlich sind beide gleich oft betroffen. Nach wie vor gilt dieses Thema als stigmatisierend. Bei Frauen wird Burnout vermutlich öfter diagnostiziert, was aber als Verzerrung zu sehen ist. Das wurde bspw. in einer kleinen Studie im UKE Hamburg unter Prof. Frank Sommer bestätigt: Er schickte 4 Schaupieler*innen (2 Männer und 2 Frauen) mit denselben einstudierten Symptomen zu 30 Hausärzten. Bei den Frauen wurde häufiger ein Burnout diagnostiziert, die Männer dahingegen „sollten sich zusammenreißen“.

Unser Experte

Unser Experte

Dr. med. Markus Moser ist Facharzt für Anästhesiologie und für Kardiologie und als Präventivmediziner im Helios Prevention Center Berlin tätig. Sein Schwerpunkt lag und liegt neben der körperlichen Seite der Erkrankung immer auch auf den psychischen Faktoren, die die Gesundheit seiner Patient*innen beeinflussen.

Spielt die Hierarchie im Unternehmen eine Rolle?

Selbstverständlich haben Führungsstil und Arbeitsumfeld einen enormen Einfluss: Mit steigender Hierarchie erhöhen sich auch Druck und Verantwortung auf den Einzelnen. Die sich daraus ergebenden Belastungen werden mir von vielen Führungskräften berichtet. Burnout ist jedoch mittlerweile in allen Arbeitsfeldern und unabhängig der jeweiligen Stellung präsent. Werden Arbeitsbelastungen zu hoch, können Symptome eines Burnouts entstehen. Nur zu wenige ziehen daraus längerfristig Konsequenzen, wie sich u.a. in eine andere berufliche Position zu bewegen. Daneben spielt die Unternehmenskultur eine große Rolle, wie die AOK-Fehlzeiten Studie von 2016 bestätigte: Die Firmenkultur nimmt eine maßgebliche Einflussgröße auf den Gesundheitszustand und damit auch auf die Fehlzeiten der Belegschaft ein.

Die Symptome eines Burnouts können den ganzen Körper betreffen | Grafik: Helios

Gibt es Symptome, die typischerweise auftreten?

Nein, es gibt nicht das eine Symptom, das auf ein Burnout hinweist. Es gilt das Gesamtbild zu betrachten. Treten diffuse, nicht zusammenpassende Symptome ohne erkennbaren organischen Grund auf, dann muss man eine psychische Ursache in Betracht ziehen. Vor kurzem stellte sich eine 30-jährige Patientin mit unterschiedlichen Symptomen vor. Die junge Frau kam mit Stechen in der Brust, Atembeschwerden, Rückenschmerzen, Neurodermitis und Bauchbeschwerden zu mir. Nach ausführlicher körperlicher Diagnostik fand sich keine organische Erklärung. Im weiteren Gespräch berichtete sie, dass sie viel Stress auf der Arbeit und im Privaten hätte und versuche dies mit Rauchen zu kompensieren. Bei dieser Patientin gab es dringend Handlungsbedarf.

Burnout ist jedoch mittlerweile in allen Arbeitsfeldern und unabhängig der jeweiligen Stellung präsent.

Dr. med. Markus Moser

Gibt es Frühwarnzeichen, die man nicht ignorieren sollte?

Wenn man sich nicht mehr wohl in der eigenen Haut fühlt, sollte man die Ursache erforschen. Viele meiner Patienten antworten mir auf die Frage, ob sie eventuell ein Burnout haben könnten, mit einer ziemlich hohen Trefferquote. Ich will damit sagen, dass man ein Burnout spürt. Erste Anzeichen wie Abgeschlagenheit, morgendlich chronische Unlust auf den Tag/die Arbeit oder der Fakt, dass man sich tatsächlich über und auf nichts mehr freuen kann, sollten Warnzeichen sein. Schlafstörungen sind ein sehr sensitiver Parameter. Spätestens jedoch, wenn man seinen Alltagsaufgaben nicht mehr nachkommen kann, sollte man auch zum Arzt gehen.

Was passiert, wenn man nicht zum Arzt geht?

Frauen und Männer gehen mit einer solchen Belastung sehr unterschiedlich um. Frauen neigen vermehrt zu Depressionen und Ängsten, Männer weisen eher Suchttendenzen auf. Darin liegt eine ernsthafte Gefahr. Eine Entstigmatisierung und Aufklärung sind hier wichtig! Jeder fünfte entwickelt statistisch gesehen während seines Lebens eine leichte depressive Episode. Das kann man meist sehr gut behandeln. Ein manifestes Burnout kann zum lebenslangen Begleiter werden, wenn nicht frühzeitig interveniert wird. Viele Patienten erzählen mir von „leichten psychischen Problemen oder einem kleinen Burnout“ in ihrer Vorgeschichte. In der weiteren Anamnese tauchen die Beschwerden dann aber in regelmäßigen Abständen immer wieder auf und zwar immer dann, wenn die Balance kippt.

Was ich damit sagen will: man sollte die Warnhinweise nicht auf die leichte Schulter nehmen oder ignorieren. Im frühen Stadium kann man noch am besten handeln.

Was machen Sie, wenn Sie ein Burnout bei einem Patienten vermuten?

Die weiteren Handlungsschritte sind immer individuell, hinsichtlich der Schwere der Symptomatik und dem bestehenden Leidensdruck, gemeinsam mit dem Patienten zu entscheiden. Zumeist ist jedoch eine ambulante Psychotherapie indiziert, auch um ein Burnout von anderen psychischen Erkrankungen abzugrenzen. Ist diese jedoch aufgrund der Schwere des Burnouts nicht ausreichend, muss ggf. eine stationäre Behandlung in Betracht gezogen werden. Als Präventionsangebot hat sich professionelles Coaching als hilfreich erwiesen. Bei der individuellen Beratung stehen wir den Patienten zur Seite, um den bestmöglichen Genesungsprozess zu ermöglichen.

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