„Ich werde alles dafür tun, dass mein Baby auf die Welt kommt“
Brustkrebs in der Schwangerschaft: ein Erfahrungsbericht

„Ich werde alles dafür tun, dass mein Baby auf die Welt kommt“

Bea ist 39 Jahre alt, als sie zum zweiten Mal an Brustkrebs erkrankt. Doch diesmal ist alles ganz anders: Sie ist schwanger. In ihrem Erfahrungsbericht beschreibt sie, wie sie die Brustkrebserkrankung als Schwangere erlebte, wie sich die Therapie von ihrer ersten unterschied und was in der Schwangerschaft anders war als bei ihren ersten Kindern.

Neue Liebe, neue berufliche Ziele, neues Kind im Anflug: Vier Jahre nach einer überstandenen Brustkrebserkrankung hatte ich wieder gut ins Leben zurückgefunden. Ich hatte beruflich einen Neustart gewagt und mit Mitte 30 noch einmal angefangen, Kindheitspädagogik zu studieren. Im Studium lernte ich meinen neuen Lebenspartner kennen – und wurde sogar schwanger. Damit hatte ich nach der Krebstherapie mit Chemotherapie und Bestrahlung nicht unbedingt gerechnet. Umso größer war die Freude über die erneute Schwangerschaft, meine dritte insgesamt.

Von den ersten Symptomen bis zur Diagnose

Schwangere Frau vor Spiegel
Die Diagnose Brustkrebs nahm Bea gefasst auf | Foto: Privat

Alle Nachsorgeuntersuchungen seit meiner Genesung waren reibungslos verlaufen, die letzte im Januar 2019. Darum bin ich im Mai optimistisch in die neue Schwangerschaft gegangen.

Dass sich der Körper als Schwangere verändert, kannte ich von meinen anderen Kindern. Allerdings wuchs die Brust diesmal nur auf einer Seite. Die von der Krebserkrankung betroffene Seite blieb, wie sie war – eine Folge der damaligen Bestrahlung.

Als sich dort nach einiger Zeit doch kleinere Veränderungen zeigten, habe ich das zuerst auf die Schwangerschaft geschoben. Erst nach einigen Wochen ließ ich die Stelle untersuchen. Damals hatte ich die 30. Schwangerschaftswoche bereits hinter mir gelassen.

Dann ging alles ganz schnell: Meine Gynäkologin überwies mich ans Helios Klinikum Berlin-Buch, wo ich zuvor schon meine Brustkrebs-Therapie und anschließend alle Nachuntersuchungen erhalten hatte. Es wurden ein Ultraschall und eine Biopsie durchgeführt – und zwei Tage später wusste ich: Der Krebs ist wieder da, der gleiche wie fünf Jahre zuvor. Nur, dass ich diesmal schwanger war.

Mein erster Gedanke war: Mich wird man vielleicht nicht retten können. Aber ich werde alles dafür tun, dass dieses Baby auf die Welt kommt.

Bea, schwangere Brustkrebs-Patientin

Der Umgang mit der Brustkrebs-Diagnose

Obwohl es für mich überraschend kam, empfand ich keine Verzweiflung, nachdem ich die Diagnose erhalten hatte. Eher empfand ich Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass ich noch einmal eine Liebe erleben, noch einmal aus Liebe schwanger werden durfte. Mein erster Gedanke war: Mich wird man vielleicht nicht retten können. Aber ich werde alles dafür tun, dass dieses Baby auf die Welt kommt.

Natürlich gab es auch schwere Momente, zum Beispiel in den Gesprächen mit meinem Lebenspartner. Da flossen schon mal Tränen – aber nur, wenn wir unter uns waren. Vor den Kindern haben wir uns um Fassung bemüht. Und die haben es mit ihrem herrlichen Pragmatismus zurückgezahlt: „Mama, das hast du schon mal geschafft. Das schaffst du auch diesmal wieder“, sagten sie. Und: „Fallen dir dann wieder die Haare aus? Wir haben dich auch ohne Haare lieb.“ – Das hat mich sehr berührt.

Schwierig war es, immer den Spagat zwischen den verschiedenen Rollen zu schaffen: mal war ich Mutter, mal Lebensgefährtin, dann wieder die selbst Betroffene, die schwer erkrankt ist. Es gab wenig Raum, um einmal selbst zu klagen, zu weinen, traurig und wütend zu sein. Da hat es mir sehr geholfen, dass ich seit meiner ersten Brustkrebs-Erkrankung einen Psychotherapeuten hatte. In den Sitzungen kann man Dinge aussprechen, die man zuhause vielleicht in der Form nicht sagen würde.

Brustkrebs-Therapie in der Schwangerschaft

In der 30. Schwangerschaft kam die erneute Diagnose Brustkrebs | Foto: Privat

Kann ich mein Kind gesund zur Welt bringen? Und was macht eine Chemotherapie mit dem Ungeborenen? Das sind drängende Fragen, die ich mir als werdende Mutter mit Brustkrebs natürlich stellte. Ich hatte Glück, dass die Entwicklung des Babys im dritten Trimester schon so weit fortgeschritten war, dass eine Chemotherapie es nicht allzu sehr gefährden würde. Man sagte mir, es könne jedoch sein, dass das Baby zunächst ohne Haare auf die Welt kommt. Das fand ich aber nicht schlimm.

Glück hatte ich auch mit meinem medizinischen Team, das mich schon bei meiner ersten Erkrankung betreut hatte: die Ärztin Frau Dr. Mau, Frau Dr. Töpfer aus der Chemo-Ambulanz und die Breast Care Nurse Martina Schild. Die Ärztinnen hatten bereits einige schwangere Brustkrebs-Patientinnen erfolgreich durch eine Chemotherapie begleitet, ohne dass die Kinder dadurch Schaden genommen hatten. Das hat mir Mut gemacht.

Meine Behandlung unterschied sich somit im Grunde nicht groß von der nicht-schwangerer Patientinnen. Im Januar war der geplante Entbindungstermin, im November begann die Chemotherapie. Damit sollte der schnell wachsende Tumor verkleinert oder im besten Fall in einer Totalrevision vollständig beseitigt werden.

Die Therapie wurde so terminiert, dass ich zwischen der zweiten und der dritten Chemo-Gabe entbinden sollte. Um den Zeitplan möglichst optimal einzuhalten, beschlossen wir gemeinsam, die Geburt dann medikamentös einzuleiten.

Eine Geburt mit Brustkrebs

Baby mit Nuckel im Arm der Mama
Stillen war wegen Chemotherapie nicht möglich | Foto: privat

Am geplanten Entbindungstermin schlug die Einleitung bei mir gut an, so dass ich mein Baby auf natürlichem Weg zur Welt bringen konnte. So komisch es klingt: Es war für mich die schönste meiner drei Entbindungen. Ich wusste genau, was auf mich zukommt und wie ich die Geburt erleben wollte. So ging alles ganz reibungslos – und das Baby kam sogar mit vollem, dunkelbraunen Haar zur Welt.

In dem Moment, als ich meine Kleine zum ersten Mal im Arm hielt, verspürte ich wieder diese Dankbarkeit: dass ich das noch erleben durfte. Dass ich Leben schenken durfte, obwohl ich gerade um mein eigenes Leben kämpfte. Da wurde mir bewusst, wie nah Freude und Trauer beieinanderliegen, Weiß und Schwarz, Leben und Tod.

Allerdings dürfen Brustkrebs-Patientinnen während einer Chemo-Behandlung ihr Baby leider nicht stillen – ich also auch nicht. Das hatte mich im Vorfeld ziemlich bedrückt, da ich das Stillen ja schon von meinen anderen Kindern kannte. Bis zur Geburt hatte ich die Situation aber angenommen, mir die passenden Fläschchen, Sauger, Milch und Milchpulver besorgt. Und es klappte auch sehr gut: Die Kleine nahm die Flasche sofort an.

Das Stillen erfüllt noch eine weitere Funktion: das Bonding mit der Mutter. Auch dafür hatte ich mir etwas überlegt und zur Entbindung einen weichen Kautschuk-Nuckel am Körper getragen, damit er meinen Duft annimmt. Auch das funktionierte: Schon kurz nach der Geburt nuckelte das Baby munter an dem Schnuller, der nun nach seiner Mama roch.

Viele Herausforderungen – aber auch viel Hilfe

Baby liegt auf Rücken auf Decke

Bald nach der Geburt wurde die Chemo fortgesetzt. Gegen Ende der Therapie war mein Blutbild allerdings so schlecht, dass ich mich regelmäßig selbst spritzen musste, um die Bildung von Leukozyten im Knochenmark anzuregen. Auch meine psychische Verfassung litt unter der Behandlung. Ich war oft dünnhäutig, reizbar und empfindlich. Abbekommen hat das leider häufig meine Familie.

Ich war zudem schnell aus der Puste, Gänge zum Einkaufen oder zum Spielplatz fielen mir schwer. Ich konnte den Kindern nicht mal lange vorlesen. Auch meine sensorische Wahrnehmung war beeinträchtigt. Ich hatte das Gefühl, als sprächen alle Sinne gleichzeitig zu mir, und konnte mich schwer auf Gespräche konzentrieren.

Zum Glück bekam ich in dieser Zeit viel Unterstützung aus meinem Umfeld – vor allem von meinem Lebenspartner. Wir hatten schon im Vorfeld viel miteinander geredet, Eventualitäten durchgespielt und Übergänge geplant. Jetzt übernahm er viel Verantwortung. Auch Bekannte boten ihre Hilfe an. Und wie schon bei meiner ersten Krebserkrankung brachte der Tagesablauf der Kinder viel Struktur in den Tag. Wenn schon nicht für mich, so dachte ich, dann stehe ich wenigstens für sie auf.

Hilfe erhielt ich auch aus dem Helios Klinikum Berlin-Buch: Ich konnte mich jederzeit mit Fragen an das medizinische Team wenden, das war sehr beruhigend. Und eine Mitarbeiterin vom Sozialdienst und die Babylotsin halfen mir unter anderem dabei, einen Schwerbeschädigten-Ausweis zu beantragen und eine Haushaltshilfe zu finden.

Auch die Therapie wandte sich schließlich zum Guten: Nach der 14. Chemo-Gabe war im Kontrollultraschall glücklicherweise nichts Aktives mehr zu sehen. Die Operation bestätigte eine Totalrevision: Der Tumor war komplett verschwunden.

Mutter und Baby: Wie es uns heute geht

Rund neun Monate nach der Geburt geht es meinem kleinen Töchterchen blendend. Sie ist neugierig, aufgeweckt, gut entwickelt – und erkundet vergnügt die Welt. Man merkt ihr nicht an, dass sie zwei Chemo-Sitzungen in meinem Bauch miterlebt hat. Auch die Kinderärztin ist sehr zufrieden. Als Neugeborene musste sie zwar zehn Tage lang mit einem Infekt kämpfen. Alle Ärzte haben uns allerdings bestätigt, dass das bei Babys häufig vorkommt und nichts mit der Chemo zu tun haben muss.

Ich selbst merke, wie ich von Tag zu Tag stärker werde. Gesund bin ich aber noch bei weitem nicht: Durch die Chemotherapie hat meine Knochenstruktur gelitten. Das heißt, ich muss mich schonen, kann nicht schwer tragen. Ich bin nach wie vor vergesslich und habe Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Das erfordert von meinem Umfeld viel Umsicht und Geduld.

Zu allem Überfluss kam es nach einer Operation im Anschluss an die Chemotherapie zu Komplikationen. In einer beidseitigen Mastektomie mit Sofort-Rekonstruktion unter Erhaltung der Brustwarzen wurden die Brüste mit Silikonimplantaten rekonstruiert. Das sah zunächst auch gut aus, bis sich ein Implantat entzündete und wieder entnommen werden musste. Mit dieser „Baustelle“, wie ich es nenne, muss ich jetzt bis zu einer späteren Korrektur erstmal leben. Solche körperlich sichtbaren Spuren drücken natürlich auf das eigene Selbstbewusstsein. Mit dem eigenen Körper wieder in Einklang zu finden, ist Arbeit und das gehört zum Gesundungsprozess leider auch dazu.

Meine Empfehlungen für schwangere Brustkrebs-Patientinnen

Baby krabbel auf Boden
Schwangerschaft mit Brustkrebs: Bea ging gestärkt aus der schwierigen Phase heraus | Foto: Privat

Ich würde mich selbst von Natur aus als einen optimistischen und positiven Menschen bezeichnen. Durch meine Erkrankungen und die Geburt meiner Tochter bin ich aber noch einmal offener neuen Dingen und Menschen gegenüber geworden. Zudem konzentriere ich meine Kräfte heute stärker auf die Dinge, die für mich im Leben am wichtigsten sind.

Dazu gehört neben meiner Familie auch mein Studium, das ich inzwischen wiederaufgenommen habe. Das Lernen und meine Stelle als studentische Mitarbeiterin bieten mir einen krebsfreien Raum, wo ich nicht „Bea, die Kranke“ bin, sondern „Bea, die Kindheitspädagogin“.

Das ist etwas, was ich anderen Frauen in meiner Situation empfehlen kann: sich krebsfreie Räume zu schaffen, wo die Krankheit außen vor bleibt. Eine weitere Empfehlung ist, viel zu kommunizieren – innerhalb der Familie, mit Externen wie einem Psychotherapeuten und mit anderen Betroffenen. Letzteres habe ich selbst leider vernachlässigt, obwohl es mir rückblickend sicher geholfen hätte.

Ich selbst habe nach meiner ersten Erkrankung auch von der Anschlussheilbehandlung sehr profitiert. In der Reha war ich ganz für mich alleine und konnte das Geschehene verarbeiten, zu Kräften kommen und wieder zu mir selbst finden. Auch das kann ich anderen Patientinnen nur ans Herz legen. Ich selbst werde im nächsten Jahr, wenn das Baby alt genug ist, jedenfalls wieder eine Reha machen – allein.

Mein Moment der Freude

Wenn ich heute an die Zeit der Krankheit zurückdenke, kommt mir als erstes ein Moment der Freude in den Sinn – auch wenn das seltsam klingen mag: der Moment, als ich zum ersten Mal ohne Haare unter der Dusche stand.

Dass ich durch die Chemotherapie meine Haare verliere, war nach der Brustkrebs-Diagnose abzusehen. Dieses Mal wollte ich aber selbst bestimmen, wann ich die Haare abnehme. Das hatte einen psychologischen Hintergrund: Durch die Krankheit ist man die ganze Zeit über fremdbestimmt. Das wollte ich mir zurücknehmen, indem ich selbst bestimme, wann die Haare abkommen – und wie.

Das habe ich dann auch richtig zelebriert: Ich habe Freunde eingeladen, die sich an meinen langen Haaren ausprobieren und mir verschiedene Frisuren verpassen durften: mit Pony, Dreadlocks, Undercut oder Iro. Immer kürzer, bis ich schließlich gar keine Haare mehr hatte. Als ich danach zum ersten Mal unter der Dusche stand und mir das Wasser auf den kahlen Kopf prasselte – ein sehr schönes Gefühl auf der Kopfhaut - das war ein richtig toller Moment, der mir Mut machte und das Gefühl gab: Ich nehme mein Schicksal wieder in die eigene Hand.

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