„Unsichtbar heißt nicht halb so schlimm“

„Unsichtbar heißt nicht halb so schlimm“

Überlingen

Die SBV (Schwerbehindertenvertretung) ist dafür zuständig, (schwer-)behinderten Menschen im Betrieb oder in der Dienststelle beratend zur Seite zu stehen und sich für deren Interessen einzusetzen. Aber welche Aufgaben hat eine SBV überhaupt? Das haben wir Patrick Deck (62) gefragt, er ist seit 19 Jahren die SBV im Helios Spital Überlingen.

Was sind die Aufgaben einer SBV?

Patrick Deck: Wir sind Interessenvertreter benachteiligter Menschen und bieten Unterstützung auf freiwilliger Basis an. Das heißt der Betroffene kann die Hilfe annehmen, muss aber nicht. Wir unterstützen und beraten bei Antragstellung, beispielsweise für eine Schwerbehinderung, bei Bewerbungsverfahren bis hin zur Einstellung und natürlich darüber hinaus im täglichen Arbeitsleben. Dabei überwachen wir, dass Gesetze (hauptsächlich das Sozialgesetzbuch IX, SGB IX), Verordnungen, Tarifverträge, Betriebs- oder Dienstvereinbarungen eingehalten werden und der Arbeitgeber seinen Pflichten nachkommt. Die SBV arbeitet zudem mit der Arbeitsagentur, der Rentenversicherung, dem Integrationsfachdienst und den Krankenkassen zusammen.

Welche Pflichten hat ein Arbeitgeber gegenüber Gleichgestellten?

Deck: Ein Arbeitgeber ist gesetzlich verpflichtet, dass er fünf Prozent seiner Belegschaft mit Schwerbehinderten/Gleichgestellten (SBH/GL) besetzt. Wenn sich ein Mensch mit Behinderung in einer Firma bewirbt, muss er zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Er kann, wenn er das möchte, die SBV zum Gespräch dazu bitten. Ist dies der Fall, so hat die SBV auch die Möglichkeit, alle an dem Einstellungsverfahren eingeladenen mitzuhören. Hat der SBH/GL dieselbe Qualifikation wie eine Person ohne Behinderung, so ist er bevorzugt einzustellen.

Wie definiert sich ein Grad der Behinderung (GdB)?

Deck: Der Grad der Behinderung drückt die Beeinträchtigung aus. Ab einem GdB von 50 gilt man als schwerbehindert. Zwischen 30 und 50 gilt man als Gleichgestellt. Beide haben fast den gleichen Status. Ein SBH und GL haben Anrecht auf sogenannte Nachteilsausgleiche, so gibt es beispielsweise einen geringen Steuervorteil, besonderen Kündigungsschutz, Zusatzurlaub. Ebenso bekommt der SBH je nach Erkrankung eine Berechtigung für Sonderparkplätze oder finanzielle Erleichterungen bei der öffentlichen Beförderung. Ein SBH bekommt im Rahmen der Nachteilsausgleiche derzeit fünf Tage Sonderurlaub, ebenso kann ein SBH in der Regel zwei Jahre vor regulärem Renteneintritt in Ruhestand gehen.

Nicht jede Behinderung ist „sichtbar“. Was ist eine Behinderung genau und welche Formen gibt es?

Deck: Stimmt. Es gibt mehr Menschen mit einer unsichtbaren als mit einer sichtbaren Behinderung. Unsichtbar heißt aber nicht halb so schlimm. Wenn Sie mich ansehen, erkennen Sie auf den ersten Blick auch keine Behinderung, dabei bin ich schwerbehindert. Mein Vater war Arzt und hat meiner damals mit mir schwangeren Mutter Contergan, das er als Arzneimittelmuster von einem Vertreter bekommen hatte, mitgebracht. „Davon schläfst du gut“, meinte er zu ihr. Ich habe deutliche Bewegungseinschränkungen in beiden Ellenbogengelenken davongetragen. Gott sei Dank nur das. Die Bundeswehr hat mich bei der Musterung damals ausgemustert: “sie können ja kein Gewehr halten“ (lacht). Ich bin in einer Gruppe mit Contergan Geschädigter aktiv. Es ist unglaublich was viele dieser Menschen für Schicksale haben und dennoch ihr tägliches Leben mit Bravour leisten. Unsichtbar sind natürlich auch die seelischen und geistigen Einschränkungen. Leider ist es noch immer so, dass Mitmenschen mit einer geistigen, manchmal auch in Verbindung mit einer körperlichen Einschränkung, in der Öffentlichkeit „begutachtet“ werden. Ich habe vor den Betreuern dieser Menschen allerhöchsten Respekt. So habe ich im Rahmen meiner Arbeit in den Notaufnahmen viele interessante Begegnungen mit den Betreuern als auch mit den Behinderten gehabt. Leider kommen in den letzten Jahren vermehrt seelische Erkrankungen ans Licht. Wahrscheinlich hat man noch vor einigen Jahren nicht so offen über eine Depression gesprochen. Aber gerade auch diese Betroffenen Menschen gilt es zu ermöglichen, dass sie einer regelmäßigen Beschäftigung nachgehen um den Alltag zu bewältigen. Hier gibt es sicherlich noch viel zu tun.

Wie könnte man die Problematik verbessern?

Deck: Menschen mit einer Behinderung rate ich offen dazu zu stehen und selbstbewusst zu sein. Arbeitgebern, von Geschäftsführer bis Personaler, müssen die Angst verlieren, dass SBH und GL zum Beispiel öfter krank sind und ausfallen. Oft ist es genau das Gegenteil, da gerade Menschen die ein Handicap haben topp motiviert sind, ihre Arbeit so gut es ihnen möglich ist zu erledigen. Benachteiligte Menschen sind genauso tolle Arbeitskräfte und gut qualifiziert. Sie müssen nur einen Platz finden, wo sie ihre Stärken einsetzen können. Und genau dabei werden sie, wie bei vielem anderen auch, von uns Schwerbehindertenvertreten unterstützt.

Diese Fragen stellte Julia Stapel

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In unseren Texten verwenden wir weitestgehend eine geschlechtsneutrale Sprache, aus Gründen der besseren Lesbarkeit weichen wir an einigen Stellen allerdings davon ab, schließen jedoch immer gleichermaßen alle Geschlechteridentitäten ein.

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