Krankenhaus West: Bedeutendes Gemälde kehrt an seinen Ursprungsort zurück

Krankenhaus West: Bedeutendes Gemälde kehrt an seinen Ursprungsort zurück

Stralsund

Der Maler Gerhard Moll ist 1942 in die Stralsunder Heilanstalt eingewiesen worden. Seine damaligen traumatischen Erlebnisse hielt er im Ölbild „Heilstaetten Stralsund“ fest. Dank des Fördervereins STRALSUND MUSEUM kehrt das historische Gemälde nun an seinen Ursprungsort zurück.

„Wegen seiner künstlerischen und medizinhistorischen Bedeutung haben wir das Werk mit Hilfe von Spenden für Stralsund erworben“, sagt Dr. Peter Danker-Carstensen, stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins. Es liege nahe, das Bild über eine Stiftung im Krankenhaus West als dem Ort zu präsentieren, mit dem es motivisch so eng verbunden ist.

Das Gemälde soll im neuen Jahr seinen Platz in der Klinikumskirche finden und hier für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Das Werk hat für uns gerade im Hinblick auf die Aufarbeitung der Historie am Standort eine große Bedeutung. Daher sind wir dem Förderverein sehr dankbar für seine Initiative“, freut sich Klinikgeschäftsführer Johannes Rasche über die Dauerleihgabe.

Molls Geschichte klingt aus heutiger Zeit unvorstellbar. Er sei zur Überprüfung seines Geisteszustandes in die Marine Heilanstalt Stralsund eingewiesen worden, heißt es im 1952 verfassten, handschriftlichen Lebenslauf des heute fast vergessenen Malers (1920-1986). Die Einberufung zur Marine Anfang 1942 führte bei dem NS- und kriegskritischen 22-Jährigen, der nicht mit einer Waffe in der Hand sterben wollte, zu einer beträchtlichen inneren Konfliktsituation. Nach einer Befehlsverweigerung wurde Moll im Mai 1942 zur psychiatrischen Begutachtung in die Marine Heilanstalt Stralsund eingewiesen. Fünf Monate später erfolgte seine Entlassung aus der Heilanstalt und vom Militär.

Traumatische Erlebnisse

Aus Archivmaterial ist bekannt, dass zum Marinelazarett Stralsund am Krankenhaus am Sund eine vergleichsweise große Nervenabteilung mit 68 Betten gehörte, die sich auf dem Gelände der 1939 geräumten und in der Folge als SS-Kaserne genutzten Heilanstalt am Krankenhaus West befand. Die dortige Situation schilderte Moll rückblickend traumatisch. „Angesichts der Zustände, die dort herrschten, hundert Geisteskranke in einem verschlossenen Saal, die von Pflegern auf die brutalste Weise mißhandelt wurden, erlitt ich einen Nervenzusammenbruch…“ schrieb er in seinem Lebenslauf.

Diese Eindrücke spiegeln sich auch in seinem um 1943 entstandenen Gemälde „Heilstaetten Stralsund“ wider. Im expressionistischen Stil mit wenigen leuchtenden Farben werden über die miteinander unverbundenen Figuren eine tiefe Raumperspektive und die individuelle Hilflosigkeit, Not und Einsamkeit, wie sie Moll durchlebt haben muss, greifbar.

„Jutta Zimmer, die Lebenspartnerin Molls, die sein Werk über Jahre betreut hat, war überzeugt, dass es ich bei der rechts im Bild sitzenden Person, deren Gesicht durch die Hände verborgen wird, um Gerhard Moll selbst handelte“, weiß Dr. Jan Armbruster. Der Leitende Oberarzt der Forensischen Psychiatrie stand 2012 im Zusammenhang mit der Erforschung der Geschichte des Krankenhauses West mit Jutta Zimmer in Kontakt.

„Ihr offenbarte der Pazifist Moll, dass er den Nervenzusammenbruch simuliert hätte, um seine Dienstuntauglichkeit zu erreichen. Am schwersten sei es ihm demnach gefallen, irre Antworten zu geben und zu lachen. Er sei einem jungen Arzt, von dem er sich durschaut gefühlt hätte, dankbar gewesen, dass er trotzdem seine Entlassung unterstützte“, ergänzt Dr. Armbruster.

Lebenslauf Moll

Moll stammte aus einfachen Verhältnissen. Er brach zunächst seine Autoschlosserlehre ab, um seinem Interesse für Malen und Zeichnen folgend die Textil- und Modeschule Berlin sowie von 1939 bis 1943 die Staatliche Hochschule für bildende Kunst in Berlin zu besuchen. 1938 war er über seinen Vater in Kontakt zu einer Widerstandsgruppe aus der Arbeiterschaft gekommen und blieb in der Folge aktiv gegen den Nationalsozialismus tätig, was sich auch in kapitalismuskritischen und Bildern gegen den Krieg in expressionistischem Stil niederschlug.

Nach Rückkehr an die Hochschule für bildende Künste 1943 blieb Moll politisch aktiv. Und auch in den Aufbruchsjahren nach dem zweiten Weltkrieg kam er mit seiner gesellschaftskritischen Sicht rasch in Konflikt mit dem zeitgenössischen Kunstbetrieb. Wegen der Beteiligung an der Ausstellung „Künstler schaffen für den Frieden“ in Ost-Berlin wurde er 1951 von seiner Westberliner Ausstellungsgemeinschaft ausgeschlossen.

Seine Existenzgrundlage bildete in den 1950er Jahren seine Tätigkeit an der Akademie der Künste in Berlin sowie seine Beteiligung an Wandbildern im öffentlichen Raum in Ostberlin. Mit dem Mauerbau wurde er von diesen Arbeitsfeldern abgeschnitten. In der Folge lebte und arbeitete Moll sehr zurückgezogen als freischaffender Künstler. In den 60er Jahren entstanden in erster Linie ungegenständliche Aquarelle bis er in der Zeit kurz vor seinem Tod zu figurativ-gegenständlichen Arbeiten zurückkehrte. Bedingt durch seine Weltflucht und zwischenzeitliche Krankheit starb Moll 1986 nahezu vergessen in seinem Berliner Atelier.