Von der Pflege in die Lehre

Von der Pflege in die Lehre

Nadine Becker arbeitete zehn Jahre als examinierte Krankenschwester bei Helios in der Intensivpflege. Mit dem Wunsch nach einer neuen Herausforderung begab sie sich in eine Phase der Umorientierung. Sie wollte kreativ arbeiten und sich mit den verschiedenen Facetten der Menschen auseinandersetzen.

Sich in neue Themen einarbeiten und Wissen vermitteln. So stieß sie auf die Medizinpädagogik. Heute ist die Lehrerin an unserer Helios Medizinischen Berufsfachschule Leipzig. Im Interview spricht sie über den Schulalltag in Zeiten von Corona und über ein Team, das passt „wie Arsch auf Eimer“.

Was macht dir in deinem neuen Beruf am meisten Spaß?

Die Arbeit mit unseren Auszubildenden. Man weiß nie genau, was auf einen zukommt. So wie früher auch (lacht). Wie die Schüler drauf sind und ob das eigene Konzept funktioniert – ob man sie catchen kann. Das macht mir große Freude. Auch die Interaktion mit den Schüler*innen. Sie sind alle sehr unterschiedlich, von dem was sie mitbringen und wie sie sind.

Was macht dich als Lehrerin aus?

Ich bin vom Typ her sehr entspannt und wirke beruhigend auf andere – das wird mir zumindest oft zurückgemeldet. Wenn jemand mal mürrisch drauf ist, fokussiere ich mich nicht darauf. Ich weiß, dass man schlechte und gute Tage hat. Und nach einer gewissen Zeit mit den Schüler*innen hat man ein Feeling dafür, ob das eine Unausgeschlafenheit ist oder ob sie andere Probleme mit sich herumtragen. Wenn man sich daran erinnert, wie man in dem Alter selbst war, hat man eine gute Basis miteinander.

Der Schulalltag hat sich dieses Jahr stark gewandelt. Was ist durch Corona anders geworden und wie bleibst du deinen Schüler*innen nahe?

Der Präsenzkontakt mit den Schülern ist eingeschränkt und wir nutzen ganz andere Tools. Ein Großteil des Unterrichts findet derzeit über Skype statt. Die Arbeit mit den digitalen Medien ist eine ganz andere, als wenn ich vor der Klasse stehe. Da sind die Leute greifbarer, als wenn man sie nur auf dem Monitor hat und die Kamera am besten noch ausgeschaltet ist. Da ist es manchmal schon tricky, sie zur Unterrichtsbeteiligung zu motivieren. Aber die Gedanken und Praxiserfahrungen der Schüler*innen in den Unterricht einzubringen, ist wichtig.

Ich habe es mit angewöhnt, immer alle persönlich anzusprechen – auch wenn man sie auf dem Bildschirm nicht sieht. Ich habe mir auch überlegt, welche Tools ich nutzen kann, damit ich nicht den ganzen Tag rede und die Schüler*innen nur zuhören. Ich bemühe mich, ein gemeinsames Produkt zu gestalten. Inzwischen bin ich wirklich begeistert von den technischen Möglichkeiten

sagt Nadine Becker, Lehrerin an der Helios Medizinischen Berufsfachschule Leipzig.

Welche Qualität ist durch diesen neuen Schulalltag dazugekommen?

Vorher war es so, dass wir ziemlich große Klassen hatten. Im Frühling dieses Jahres haben wir die Klassen geteilt, sodass ein Teil präsent vor Ort war und der andere Teil Homeschooling-Aufgaben bekommen hat oder per Skype zugeschaltet war. Wir haben zurückgemeldet bekommen, dass ein kleinerer Klassenumfang ein effektiveres Lernen ermöglicht. Man kann besser auf Einzelne eingehen und manche trauen sich auch mehr. Der Kontakt ist ein anderer, aber nicht schlechter.

Was ich auch gut finde, ist, dass wir uns „gezwungenermaßen“ mit digitalen Medien und der digitalen Kompetenz der Schüler*innen auseinandersetzen müssen.

Der Austausch innerhalb des Teams ist ein wichtiger Teil des Arbeitens. Wie meistert ihr das zurzeit?

Im Moment ist selten jemand in der Schule. Wir skypen regelmäßig, um uns zu besprechen und Erfahrungen auszutauschen. Man kann aber auch einfach mal anrufen oder eine Mail schreiben. Irgendwer hat immer eine Idee für Tools oder Themen. Da ergänzen wir uns super. Wir haben aber auch großen Rückhalt von unserem Schulleiter Hendrik Ott-Loffhagen.

Was kann Herr Ott-Loffhagen besonders gut?

Hendrik Ott-Loffhagen, Leiter Medizinische Berufsfachschule Leipzig

Er hört sich unsere Klagen an – unser Gemecker (lacht). Das muss man im Team auch mal abkönnen. Er verteilt auch die Aufgaben im Team. „Ihr zwei könnt doch das und das ganz gut, macht das mal!“ So kümmern sich alle um kleine Aspekte, die am Ende ein großes Ganzes ergeben. Er greift auch viele Ideen von uns Lehrerinnen auf. Vieles wird dann einfach umgesetzt, ohne vorher noch großartig 30 Fragen zu stellen. Er gibt uns einfach die Zügel in die Hand und lässt uns die Schule mitentwickeln. Wir haben ein großes Mitspracherecht.

Was möchtest du deinen Schüler*innen für ihren Beruf mitgeben?

Ich möchte vermitteln, dass man in der Pflege das Herz am rechten Fleck haben sollte. Es gibt immer einen Leitfaden, der im Lehrplan steht. Wir behandeln zum Beispiel gerade die Querschnittslähmung. Da gibt es ganz viel fachliches Wissen. Aber mindestens genauso wichtig ist es, auch die persönliche Seite der Betroffenen zu beleuchten

hebt Nadine Becker hervor.

Typisch ist, dass Schüler*innen irgendwann anfangen, das Negative am Beruf von der Praxis in die Schule zu tragen. Was sie so erleben, wie stressig es sein kann, wie wenig Zeit man für die Patient*innen hat und auch wie die Patient*innen so sein können. Ich finde es wichtig, dass sie das bei uns offen erzählen können. Ich finde es aber auch wichtig, zu vermitteln, dass man die Perspektive manchmal wechseln muss. Warum ist denn der jetzt gerade so mürrisch? Warum macht ein Patient nicht richtig mit? Wie entstehen Teamschwierigkeiten? Da mache ich gerne mal Rollenspiele, in denen die Auszubildenden die Sicht des Patienten oder eines anderen Teammitglieds einnehmen und argumentieren. Da stößt man oftmals ein Umdenken an.

Hast du das für dich selbst früher auch so gelöst?

Ja, auf jeden Fall. Klar sind die Zeiten stressig und es gibt Situationen, in denen man versucht, alles unter einen Hut zu bekommen. Es ist mir wichtig, daran zu erinnern, dass da Menschen liegen. Menschen mit einem Schicksalsschlag. Mit einer Familie. Mit Kindern. Das macht mit Patient*innen sehr viel. Im Krankenhaus sind viele ganz anders als sie vielleicht als Mama, Papa, Oma oder Opa drauf sind. Das ist eine andere Facette, die man da auf Station kennenlernt.

Wenn du einen Wunsch für die Pflege frei hättest, was würdest du dir für deine Schüler*innen wünschen?

Mehr Personal. Das wäre auf jeden Fall der erste Wunsch. Damit sie das, was sie in den drei Jahren lernen auch umsetzen können. Das ist manchmal leider einfach nicht möglich. Außerdem würde ich mir wünschen, dass sie viel mehr Wertschätzung bekommen. Das gilt für alle Berufe, die mit Menschen zu tun haben.