Heute ist Internationaler Frauentag / In medizinischen Studien überwiegen die Männer

Keine Gleichberechtigung bei Herzkrankheiten

Rottweil

Am 8. März ist Internationaler Frauentag – seit über 100 Jahren weisen Frauen an diesem Tag auf die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen hin. Dr. Martin Maunz, Chefarzt und Herzspezialist in der Helios Klinik Rottweil, beleuchtet das Thema aus seiner Sicht. Sein Fazit: Auch bei medizinischen Studien sind die Geschlechter längst nicht gleichberechtigt vertreten.

Frauenherzen schlagen anders. Diese Aussage von Dr. Maunz ist durchaus wörtlich gemeint: „Aus medizinischen Gesichtspunkten unterscheiden sich Frauen und Männer gerade im Bereich der Herzkrankheiten deutlich“. Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen in Deutschland die Liste der Todesursachen an; mehr als 331.000 Menschen sind im Jahr 2019 daran gestorben. „Man würde es nicht vermuten, aber Frauen sind vom Tod durch diese Krankheiten deutlich stärker betroffen als Männer“ sagt Maunz.

Das liegt unter anderem daran, dass Frauen bei einem Herzinfarkt sogenannte „atypische Schmerzen“ haben. Jeder weiß: Starke Schmerzen in der Brust mit Ausstrahlungen in den linken Arm sind typische Anzeichen für einen Herzinfarkt. Wer mit solchen Symptomen in eine Notaufnahme kommt, bekommt sofort eine zielgerichtete Diagnostik. Anders bei Frauen, und das hat Folgen. Mitunter tödliche.

Bekommen Frauen einen Herzinfarkt, dann haben sie nämlich weder Schmerzen in der Brust noch ein Ziehen im linken Arm. Sie kämpfen eher mit Atemnot, mit Bauchschmerzen oder Erbrechen. Auch ein Ziehen zwischen den Schulterblättern kann ein Symptom sein, ebenso wie starke Schmerzen im Kiefer, die oft als Zahnweh missverstanden werden. „Vor zwei Jahrzehnten ist es durchaus noch vorgekommen, dass man Frauen Zähne entfernt hat, obwohl sie eigentlich einen Herzinfarkt hatten.“ beschreibt Maunz die Situation.

„Vor zwei Jahrzehnten ist es durchaus noch vorgekommen, dass man Frauen Zähne entfernt hat, obwohl sie eigentlich einen Herzinfarkt hatten.

Bis heute ist die Gefahr für Frauen, an einem Herzinfarkt zu sterben, deutlich höher als beim männlichen Geschlecht. „Die sogenannten atypischen Schmerzen führen dazu, dass die Patientin selbst einen Herzinfarkt überhaupt nicht in Erwägung zieht“ erklärt der Chefarzt der Kliniken für Innere Medizin I in der Helios Klinik Rottweil. Bis zum Besuch beim Arzt vergeht wertvolle Zeit. Und auch dort liegt die Diagnose – weil „atypisch“ – nicht sofort auf der Hand. Diese Faktoren führen dazu, dass die sogenannte Mortalität, also die Sterberate, bei Frauen mit Herzinfarkt ein Drittel höher liegt als bei Männern.

Maunz: „Es ist schon erstaunlich: Obwohl die halbe Menschheit weiblich ist, werden deren Symptome bei Herzinfarkt noch immer als atypisch bezeichnet“.

Und warum ist das so? Das liegt nicht zuletzt an der medizinischen Forschung. Dr. Martin Maunz: „Als Teilnehmer an medizinischen Studien werden vorwiegend männliche Teilnehmer rekrutiert“. Ausnahme sind Studien zu reinen Frauenkrankheiten. Ansonsten überwiegt in den Studien das männliche Geschlecht, so dass die Datenlage zu Frauen auch in heutiger Zeit erstaunlich mager ist. Das hat nicht zuletzt historische Gründe. Seit dem Contergan-Skandal Ende der 50er-Jahre mit tausenden von Kindern, die durch dieses Medikament Fehlbildungen erlitten, werden Frauen im gebärfähigen Alter nur noch selten in Studien eingeschlossen – zu groß ist das Risiko, dass Medikamente im Teststadium ungeborenes Leben schädigen könnten.

Martin Maunz: „Das ist absolut richtig, dass hier kein Risiko eingegangen wird. Aber es führt eben auch zu gewissen Unschärfen, denen wir Ärzte bislang nur mit äußerst sorgfältiger Diagnostik entgegenwirken können“.  Umso dankbarer ist er, dass immer mehr Mediziner sich mit der Thematik befassen und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Männern und Frauen bei Herzerkrankungen und deren Therapie erforschen. Maunz: „Die Forschung auf diesem Gebiet kann, gerade in meinem Fachgebiet, den Herzerkrankungen, vielen Frauen das Leben retten“.