Herzschwäche – Diagnose und Behandlung einer Volkskrankheit
Das schwache Herz

Herzschwäche – Diagnose und Behandlung einer Volkskrankheit

Plauen

Mit dem Chefarzt der Klinik Innere Medizin II am Helios Vogtland-Klinikum Plauen und Experten in den Fachbereichen Kardiologie, Angiologie und Pneumologie, Dr. med. Hans Neuser, gehen wir der Volkskrankheit auf den Grund, besprechen Behandlungsmöglichkeiten und klären, was Herz-Patienten in Zeiten von Grippe und Corona beachten sollten.

In Deutschland leiden schätzungsweise bis zu 4 Millionen Menschen an einer Herzschwäche – kein Wunder, dass sie zu den häufi gsten Gründen für Krankenhausaufenthalte zählt.

Dr. Neuser, was ist eine Herzschwäche und wie kann ich sie erkennen?

Fachleute bezeichnen eine Herzschwäche als Herzinsuffizienz. Von einer Herzinsuffizienz spricht man, wenn das Herz zu wenig Blut in den Körper pumpt. Dadurch hat der Körper weniger Sauerstoff und es kommt zu Beschwerden.

Anzeichen einer Herzschwäche können sein: allgemeine Müdigkeit und Erschöpfung, Atemnot sowie Wassereinlagerungen. Es kommt vor, dass Betroffene schon bei leichten Tätigkeiten Luftnot verspüren. Diese ist in vielen Fällen nicht bedrohlich und lässt sich oft gut behandeln. Außerdem können trockener Husten, nächtlicher Harndrang oder Schwindelanfälle auftreten. Bei manchen Erkrankten tritt nur eines dieser Zeichen auf, bei anderen mehrere.

Chefarzt Dr. med. Hans Neuser

Welche Diagnose-Verfahren gibt es, um abzuklären, ob die von Ihnen beschriebenen Symptome wirklich auf eine Herzschwäche hinweisen?

Um eine Herzschwäche zu erkennen, haben wir neben der Befragung und der körperlichen Untersuchung eine Vielzahl von diagnostischen Verfahren zur Verfügung: Besonders wichtig ist eine Untersuchung des Blutes und eine Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echokardiographie). Damit erkennen wir die Pumpleistung und sehen Herzklappenfehler. Wenn wir eine reduzierte Pumpleistung feststellen führen unsere Experten in unserem Herzkatheterlabor eine Herzkatheteruntersuchung durch, um einer möglichen Verengung der Herzkranzgefäße zu erkennen.

Weitere Untersuchungsverfahren sind eine Aufzeichnung des Herzrhythmus mit EKG und ein Langzeit-EKG, eine Registrierung des Blutdruckes, da auch ein Bluthochdruck langfristig zu einer ausgeprägten Herzschwäche führen kann.

Für spezielle Fragestellungen stehen uns darüber hinaus eine MRT (Magnetresonanz-Tomographie) und feingewebliche Untersuchungen zur Verfügung.

Gib es die Möglichkeit eine diagnostizierte Herzschwäche mit Medikamenten zu behandeln und was gilt es bei der Einnahme zu beachten?

Patienten mit einer Herzschwäche müssen meist mehrere Medikamente einnehmen. Diese Medikamente lindern Beschwerden und können das Leben verlängern. Wichtig ist, sie regelmäßig und wie verordnet einzunehmen. Nur dann können sie richtig wirken.

Oberärzte der Kardiologie

Medikamente können in vielen Fällen helfen. Können bei schwerwiegenden Fällen auch Herzschrittmacher oder Defibrillatoren helfen?

Bei einer schweren Herzschwäche kann es sein, dass Signale im Herzen nicht richtig übertragen werden. Dann ziehen sich beide Herzkammern nicht gleichzeitig zusammen. Als Folge pumpt das Herz zu wenig Blut in den Körper. Mithilfe von kleinsten elektrischen Impulsen sorgt ein spezieller CRT-Schrittmacher dafür, dass die Herzkammern wieder zeitgleich arbeiten. Dadurch erhöht sich die Pumpkraft des Herzens. Dafür bekommt man mit einer kurzen Operation ein kleines Gerät unter der Haut eingesetzt.

Gute Studien zeigen: Ein CRT-Schrittmacher hat Vorteile im Vergleich zu einer alleinigen Medikamenten-Einnahme. Dazu gehört eine erhöhte Lebenserwartung. Er kann auch die Zahl der Krankenhausaufenthalte verringern sowie die Beschwerden, die Belastbarkeit und die Lebensqualität verbessern. Ein CRT-Schrittmacher eignet sich nicht für jeden. Die Entscheidung trifft ein erfahrener Kardiologe anhand des Elektrokardiogramms (EKG) und der gemessenen Herzleistung.

Von einem Defibrillator können wiederum Patienten profitieren, deren Leistungsfähigkeit sehr stark eingeschränkt ist. Dieser überwacht die Herztätigkeit in jedem Moment und kann bei Auftreten von lebensgefährlichen Rhythmusstörungen durch die Abgabe von Stromimpulsen oder von einem Elektroschock) einen plötzlichen Herztod sehr effektiv verhindern. Wir versorgen mehr als 100 Patienten pro Jahr mit einem derartigen Gerät.

Digitaler Herztag 2020

Viel Bewegung und sportliche Ertüchtigung sind in der Regel gut für unsere Gesundheit. Gilt das auch für Menschen mit einer Herzschwäche?

Wer an Herzschwäche erkrankt ist, kommt schnell außer Atem. Früher galt, dass Erkrankte sich schonen sollten. Inzwischen weiß man aber: Regelmäßige Bewegung verbessert den Verlauf der Herzschwäche. Das Herz wird angeregt, mehr zu pumpen. Studien zeigen: Regelmäßige Bewegung kann bei Menschen mit Herzschwäche die Lebenserwartung verbessern, Beschwerden lindern und Aufenthalte im Krankenhaus vermeiden.

Herzkatheterlabor-Team

Die kalte und nasse Zeit des Jahres hat begonnen – Erkältungen, Infekte und Grippe sind keine Seltenheit. Sollten sich Menschen mit Herzschwäche impfen lassen, um besser geschützt zu sein?

Pro Jahr kommt etwa 1 von 6 Erkrankten ins Krankenhaus, weil die Beschwerden der Herzschwäche bedrohlich werden. Häufig lösen Infekte der Atemwege wie Grippe oder Lungenentzündung eine solche Verschlechterung aus. Es gibt Impfungen, die vorbeugend dagegen wirken. Sie werden für Menschen mit Herzschwäche empfohlen. Zwei Impfungen kommen in Frage, die vor möglichen Infekten der Atemwege schützen können: Die Grippe-Schutzimpfung richtet sich gegen Viren, die Grippe auslösen. Die sogenannte Pneumokokken-Impfung wirkt gegen Erreger, die Lungenentzündungen verursachen. Beide Impfungen erhöhen die Widerstandskraft gegen Grippe beziehungsweise Lungenentzündungen und deren schwere Folgen.

In diesen Zeiten darf eine Frage nicht fehlen? Was gilt es für Menschen mit Herzschwäche in Zeiten von Corona zu beachten?

Patienten mit einer Herzschwäche haben ein höheres Risiko, einen schweren Krankheitsverlauf nach einer Coronavirus-Infektion zu erleiden. Dies gilt insbesondere, wenn mehrere Risikofaktoren zusammenkommen: älter als 60 Jahre, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, Lungenvorerkrankungen, bösartige Erkrankungen, bekannte Immunschwäche. Diese Patienten sollten eventuell auftretende Symptome besonders ernst nehmen und die AHA-Regeln sehr sorgfältig beachten.

Ganz wichtig ist aber, dass die Behandlung einer Herzschwäche und eine notwendige Diagnostik nicht aus Angst vor einer Infektion unterbleiben oder lange verschoben werden. Die Erfahrungen aus der ersten Infektionswelle haben gezeigt, dass wir bei solchen Verzögerungen teils mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen konfrontiert werden. Gehen Sie auch zu Ihrem Arzt, wenn sich die Beschwerden verschlimmern!

Dr. med. Hans Neuser, Chefarzt Innere Medizin II