Stephan Handel (Süddeutsche Zeitung)

Impulse für die Ohrschnecke

Impulse für die Ohrschnecke © Foto: Robert Haas von Süddeutsche Zeitung Photo

Veronika Wolter ist die erste gehörlose Chefärztin in Deutschland. Dennoch gelingt es ihr, Geräusche, Sprache und Musik wahrzunehmen. Ihre Patienten an der neuen Hörklinik in Pasing könnten davon profitieren

Draußen vor dem Fenster von Veronika Wolters Büro pfeifen die Vögel, Patienten gehen im Sonnenschein spazieren und unterhalten sich, ab und zu heult die Sirene eines Rettungswagens. Drinnen die üblichen Geräusche des Krankenhausbetriebs: Telefone klingeln, Türen öffnen und schließen sich, Ärzte holen Patienten aus den Wartezimmern zur Untersuchung. In all dem Trubel spricht Veronika Wolter meistens ruhig, gelegentlich auch empört und wütend über ihr Leben in einer Welt, die immer stiller für sie wurde – bis sie durch eine Kombination aus Technik und Medizin ihr Gehör zurückbekam.

Wolter ist seit 1. Juli Chefärztin der neu geschaffenen Hörklinik am Helios-Klinikum München West, dem ehemaligen Pasinger Krankenhaus. Es ist richtig zu sagen, dass sie für diesen Posten wie geschaffen ist, der vor allem schwerhörigen Menschen Hilfe und Erleichterung bringen soll: Seit ihrem neunten Lebensjahr ist Wolter schwerhörig, seit einigen Jahren ist sie vollständig ertaubt. Sie ist laut Klinik-Mitteilung die erste gehörlose Chefärztin in Deutschland. Dass sie sich dennoch völlig normal unterhalten, ihren Beruf ausüben und Patienten versorgen kann, verdankt sie zwei Geräten hinter ihren Ohren: zwei so genannten Cochlea-Implantaten.

Im Alter von neun Jahren erkrankte Veronika Wolter an einer Virus-Meningitis, einer Gehirnhautentzündung. Mehrere Wochen lag sie mit hohem Fieber flach. Als sie wieder gesund war, bemerkte ihre Grundschullehrerin, dass mit der Schülerin etwas nicht stimmte: In Diktaten beendete sie Sätze ganz anders, als die Lehrerin sie vorgelesen hatte. Eine Untersuchung in der Uniklinik Marburg, wo Wolters Familie lebte, bestätigte den Verdacht: Der Virus hatte das Gehör beschädigt, und zwar auf eine inoperable Art und Weise.

Das menschliche Ohr kann man sich im weitesten Sinne wie einen natürlichen Analog-Digital-Wandler vorstellen: Die Ohrmuschel fängt ankommende Schallwellen auf, leitet sie zum Trommelfell, von dort gelangen sie über Hammer, Amboss und Steigbügel – eine Art feinmechanisches Hebelsystem – zur Ohrschnecke. In ihr wandeln feine Haarzellen die ankommenden Impulse in elektrische Ströme um, die vom Hörnerv ins Gehirn transportiert werden, wo sie dann als Geräusche, Sprache, Musik identifiziert werden.

Der Virus nun hatte in Veronika Wolters Ohrschnecke die Haarzellen unwiederbringlich zerstört. Ein Test ergab, dass sie tiefe Töne noch ganz gut hören konnte, je höher die Frequenz stieg, desto schlechter hörte sie. Damals, Anfang der 90er Jahre, war die einzige Möglichkeit das Hörgerät – nichts anderes als ein Mikrofon mit einem Lautsprecher, der den ankommenden Schall ins Ohr brüllte, um die verkümmerten Haarzellen doch noch zu einer Reaktion zu animieren. „Das war eine Tortur“, sagt Veronika Wolter, und nun gerät sie in diese Empörung, die zeigt, dass die Erinnerung an ihre Kindheit und Jugend, an die Verletzungen damals, noch lange nicht vergessen sind.

Veronika Wolter will die Implantate, die ihr helfen, auch bei ihren Patientinnen und Patienten einsetzen. Für die Klinik in Pasing, in der sie arbeitet, strebt sie etwa 150 Operationen im Jahr an. (Foto: Robert Haas/Süddeutsche Zeitung Photo)

Zum einen: Die Hörgeräte waren zu groß für die kindlichen Ohren. Sie drückten und juckten, dann kratzte Veronika, es entzündete sich alles, aber es half ja nichts – die Dinger mussten trotzdem wieder hinein. Schlimmer aber noch als das empfand sie damals die Reaktion ihrer Umwelt, vor allem ihrer Lehrer: Die fanden, eine ertaubte Schülerin habe an einer normalen Schule nichts verloren, für sie wäre doch eine Gehörlosen-Schule das richtige. Das wollte aber Veronika nicht, das wollten auch ihre Eltern nicht, und so musste das Mädchen beides ertragen. Das Gespött der Mitschüler und die Verachtung von deren Eltern. „Einer hat sich besonders gerne über mich lustig gemacht, weil er dann als der Coole dastand“, sagt Veronika Wolter heute. „Und ich saß dann in der Pause heulend in irgendeiner Ecke.“

Trotzdem: Abitur geschafft, Medizinstudium. Nicht, dass die Situation nun einfacher geworden wäre – weiterhin die Odyssee nach dem richtigen Hörgerät, und die Professoren, obschon Mediziner, zeigten auch nicht mehr Verständnis als die Lehrer an der Schule: „Einer meinte, wie ich mir das denn mit einem Stethoskop vorstellen würde, ein anderer sagte, das könne ich vergessen, dass ich als Gehörlose jemals würde operieren dürfen.“ 2005 allerdings geschah etwas Revolutionäres: Als eine von gerade einmal drei Patienten weltweit erhielt Veronika Wolter das neuartige Carina-System, eine Art Vorstufe der jetzigen Cochlea-Implantate. Es arbeitet nicht mehr nach dem Lautsprecher-Prinzip, sondern regte ebenfalls den Hörnerv direkt an. „Das war ein Befreiungsschlag für mich“, sagt die Ärztin heute.

Jedoch – dem Befreiungsschlag folgte der Rückschlag: Bei einer Untersuchung stellte sich heraus, dass ihr Hörvermögen nur mehr bei 35 Prozent lag; sie ist bis heute überzeugt, dass bei einer Revision des Systems etwas schiefgelaufen ist. Dann aber trat Cochlea in ihr Leben, und das hat alles verändert – „das ist das einzige medizinische System, mit dem wir Nervenzellen ersetzen können“, sagt sie in einer Mischung aus persönlicher und ärztlicher Begeisterung.

Beim Cochlea-Implantat trägt der Patient einen sogenannten Prozessor, kaum größer als das Ende eines Brillenbügels, hinter dem Ohr, das ist im weitesten Sinne das Mikrofon. Ein kurzes Kabel führt zu einer Sendespule; Veronika Wolter versteckt sie nahezu unsichtbar unter einer Haarsträhne. Sie verbindet sich magnetisch mit dem eigentlichen Implantat, das wird in einer etwa einstündigen Operation in den Schädelknochen eingesetzt. In ihm werden die ankommenden Schallimpulse in Hochfrequenzwellen umgewandelt, die dann über einer Elektrode in die Ohrschnecke gesendet werden und dort den Job der zerstörten Haarzellen übernehmen.

Wolter meint, dass das Implantat für schwerhörige oder gehörlose Menschen besser ist als das Hörgerät – weil es angenehmer zu tragen ist, weil es bessere Qualität bietet, weil es den Hörschaden nicht weiter verschlechtert. In Deutschland gibt es laut Weltgesundheitsorganisation rund 15,8 Millionen Menschen mit Hörproblemen. Etwa 1,3 Millionen, knapp neun Prozent wären für das Implantat geeignet. Für die Metropolregion München – 6,1 Millionen Einwohner – kommt sie aufgrund dieser Zahlen auf ein Potenzial von bis zu 100 000 möglichen Patienten. Für die Hörklinik in Pasing strebt sie zunächst 150 Operationen pro Jahr an.

Diese führt sie, entgegen der Prophezeiungen ihres Professors, großteils selber durch. Aber nicht nur die großen Dinge haben ihr die Implantate ermöglicht: Sie kann zum Beispiel den Prozessor über Bluetooth ansteuern und so Musik hören, ohne dass irgendjemand auch nur einen Ton davon mitbekommt. Und wenn ihre beiden Kinder, zwei und fünf Jahre alt, sie zu sehr nerven – dann schaltet sie ihre Hörhilfen einfach aus und hat ihre Ruhe.

Dieser Artikel ist in der Süddeutschen Zeitung vom 8. August 2022 erschienen. Fotos: Robert Haas/Süddeutsche Zeitung Photo