Modell mit Zukunft: Psychiatrische Behandlung in den eigenen vier Wänden

Modell mit Zukunft: Psychiatrische Behandlung in den eigenen vier Wänden

Das Alter oder die sozialen Hintergründe spielen keine Rolle. Psychiatrische Erkrankungen können jeden treffen. Doch zur Behandlung ist nicht immer eine stationäre Unterbringung der Patienten in einer Klinik erforderlich oder förderlich. Das Helios Park-Klinikum Leipzig setzt daher als erste Klinik in Sachsen zusätzlich auf die stationsäquivalente Behandlung psychisch erkrankter Menschen, kurz StäB.

Ein Blick auf den Stadtplan von Leipzig gehört für Jan Fehrensen mittlerweile zum Berufsalltag. Der 32-jährige gelernte Gesundheits- und Krankenpfleger qualifizierte sich 2016 zum stellvertretenden Stationsleiter der gerontopsychiatrischen Abteilung der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum Leipzig. Seit 2018 gehört er einem neu gegründeten Team aus Ärzten, Pflegekräften, Sozialarbeitern und Ergotherapeuten an, welches seine psychiatrischen Patienten stationsäquivalent, also nicht in der Klinik, sondern in den eigenen vier Wänden, versorgt. Die Betroffenen erhalten die gleiche medizinische und therapeutische Qualität, wie in einer stationären Behandlung – nur mit dem Unterschied, dass diese zu Hause erfolgt. Längere Autofahrten sind für Jan Fehrensen und das StäB-Team längst Normalität. Um die Patienten zu erreichen, muss das Team etliche der 1.797 Straßen befahren, die sich im 297 Quadratkilometer großen Leipziger Stadtgebiet auf 98 Stadtteile verteilen.

Signalwirkung nach außen

Trotz des zeitlichen Mehraufwandes, erachtet Jan Fehrensen das Konzept der stationsäquivalenten Behandlung als vollen Erfolg. „Inzwischen fragen andere Kliniken bei uns nach, ob sie hospitieren und aus unseren Erfahrungen lernen dürfen“, betont er stolz. Zu Beginn des Projektes galt es vornehmlich ältere Patienten in ihrem gewohnten Umfeld zu betreuen. Depressionen, Demenz, wahnhafte Störungen, Zwangserkrankungen oder Schizophrenie waren und sind bis heute häufige Diagnosen. Um als Betroffener stationsäquivalent behandelt zu werden, muss man allerdings selbständig leben, darf keine externe Pflegehilfe in Anspruch nehmen. „Basierend darauf gab es anfänglich Probleme mit den Krankenkassen“, sagt Jan Fehrensen. Diese Hürden seien aber weitestgehend gemeistert. Auch die Zielgruppe wurde erweitert – immer mehr junge Patienten werden in das Programm aufgenommen. Aktuell sind es 18 Frauen und Männer, die in ihrem häuslichen Umfeld psychiatrisch betreut werden. Vier von ihnen sind kaum älter als 25 Jahre. „Wenn es möglich ist, die Anzahl der Pflegekräfte im Team von derzeit drei auf sieben zu erweitern, wird auch die Gesamtzahl der stationsäquivalent betreuten Patienten steigen“, gibt sich Fehrensen überzeugt.

Die Auslöser sind vielfältig

Auslöser für eine psychische Krise oder Erkrankung sind vielfach Belastungssituation, etwa am Arbeitsplatz, in der Partnerschaft oder in der Familie. Aber auch biologische Veränderungen im Körper, beispielsweise nach der Geburt eines Kindes, können psychische Erkrankungen auslösen. Oftmals behalten Betroffene ihre psychischen Probleme für sich. Dabei kann es überaus hilfreich sein, sich gegenüber der Partnerin oder dem Partner, einem Verwandten oder einer Freundin oder einem Freund zu öffnen. Man verliert dadurch als erstes das Gefühl, mit der Krankheit allein zu sein. Wichtig ist im Folgenden das Aufsuchen eines Arztes.

Der Bedarf nach psychiatrischer Betreuung steigt

Um die Arbeit des mobilen Teams in Anspruch zu nehmen, muss nach wie vor die Indikation für eine stationäre Aufnahme vorliegen. „Einige Patienten werden uns auch durch die Institutsambulanz im Helios Park-Klinikum überstellt“, so der Gesundheits- und Krankenpfleger. Externe Ärzte hingegen seien diesbezüglich noch sehr verhalten. Vermutet wird, dass sie noch zu wenig über dieses Spektrum der psychiatrischen Arbeit Bescheid wüssten. Doch angesichts steigender Einwohnerzahlen, die Prognose sagt für Leipzig Zahlen von bis zu 760.000 im Jahr 2030 voraus, führt um den Ausbau der stationsäquivalenten psychiatrischen Betreuung langfristig kein Weg herum. Zumal die häufigsten Ursachen ohnehin im häuslichen Umfeld der Patienten zu finden sind. Diese fehlerhaften Strukturen lägen bei einer stationären Aufnahme zwangläufig nicht vor, was eine Behandlung erschweren kann oder zumindest verkompliziert.

Unser Ziel ist es, die Probleme aufzudecken. Wir setzen alles daran, für die Patienten wieder Tagestrukturen zu schaffen die ihnen Halt geben oder führen sie beispielsweise aus einer möglichen sozialen Isolation heraus. Gerade Letzteres tritt, bedingt durch Corona, derzeit sehr häufig auf,

erläutert Jan Fehrensen, Gesundheits- und Krankenpfleger am Park-Klinikum Leipzig.

Tägliche Hausbesuche

Multiprofessionelles Arbeiten, eine gemeinsame Diagnostik oder das bewusste Aussetzen hierarchischer Strukturen im Team tragen mit dazu bei, dass das Programm zum Erfolg wird. Während des Behandlungszeitraums, der auf 21 Tage festgesetzt ist, werden die Patienten einmal täglich aufgesucht. Auch an Sonn- und Feiertagen. Jede Berufsgruppe des Teams, so die interne Zielsetzung, solle dabei mindestens einmal pro Woche vor Ort gewesen sein. Was folgt, sind die verpflichtend regelmäßigen Fallbesprechungen, in denen die Behandlungen und deren Verlauf gemeinsam erörtert werden. Angesichts der Größe des Teams und der Anzahl der Patienten, sagt Jan Fehrensen, sei es jedem Teammitglied im Augenblick möglich, drei bis vier Patienten pro Tag aufzusuchen. Teils allein, teils gemeinsam mit einem Kollegen.

Um sich ganz auf die Arbeit konzentrieren zu können, arbeiten die Teammitglieder nicht mehr auf den Stationen, sondern ausschließlich im stationsäquivalenten Bereich. „Das ermöglicht ein sehr freies Arbeiten, was aber auch viel Erfahrung im Umgang mit psychiatrischen Patienten, Selbständigkeit und das Beherrschen von Handlungsweisen im Notfall voraussetzt“, betont er.

Wir sind davon überzeugt

Die bisherige Erfahrung zeigt, dass die stationsäquivalente psychiatrische Arbeit einen hohen Mehrwert für die Patienten aufweist. Ohne Zweifel lässt sich deshalb schon heute sagen: Dieses Leipziger Modell hat Zukunft und wird viele Nachahmer finden.

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