Aus dem OP-Saal auf die Covid-Intensivstation

Aus dem OP-Saal auf die Covid-Intensivstation

Paul-Theodor Bräuchle ist seit Dezember 2015 im Herzzentrum Leipzig tätig. Er ist im sechsten Jahr seiner Ausbildung zum Facharzt für Herzchirurgie. Neben der Kardiologie begeistert den einstigen Krankenpfleger die Intensivmedizin.

Diese Grundlage hilft ihm in seiner derzeitigen Tätigkeit auf der Covid-Intensivstation. In die Zukunft blickt der gebürtige Baden-Württemberger mit Hoffnung und auf neue Perspektiven.

Was für eine Kraft das Herz aufbringt, spürt man, wenn man es das erste Mal berührt. Auch die Aorta – da ist unwahrscheinlicher Druck dahinter. Das ist jedes Mal beeindruckend. Die mechanische Leistung, die dieses Organ erbringt – und das 80, 90, 100 Jahre lang.

Paul-Theodor Bräuchle, Facharzt in Ausbildung für Herzchirurgie am Herzzentrum Leipzig

Paul-Theodor Bräuchle spricht mit Faszination über seinen Beruf. Als der angehende Facharzt zum ersten Mal ein echtes Herz schlagen sieht, erlebt er einen Schlüsselmoment. Damals absolviert er seinen Zivildienst in einem kleinen Krankenhaus im Breisgau: „Der Chefarzt führte eine Speiseröhrenoperation durch, bei der man durch die zusammengefallene rechte Lunge das Herz sehen konnte, wie es dort im Brustkorb schlug. Ich sah es auf dem Bildschirm und dachte ‚Wow, da schlägt das Herz und ich kann es sehen. Das ist nicht irgendein Video oder Film - das ist da wirklich.‘“

Komplexe Krankheiten erkennen

Der Zivildienst bewegt den werdenden Herzchirurgen zum Medizinstudium. Nach einer Ausbildung in der Pflege bekommt er den Studienplatz an der Universität Leipzig. Das Herzzentrum begleitet ihn auf seinem Weg: „Ich bin dann über das ganze Studium hinweg immer wieder hier im Herzzentrum präsent gewesen: Wahlfächer, Forschungslabor – auch meine Doktorarbeit bei den Kinderkardiologen“, erzählt er über seine frühe Zugehörigkeit zum Haus. Er hat hier zum einen seinen Hang zur Herzchirurgie entdeckt, zum anderen ist ihm der Einstieg leichter gefallen, da er das Haus und einige Mitarbeitende bereits gekannt habe. Ende 2015 beginnt er die Facharztausbildung zum Herzchirurgen. Diese ist langwieriger als bei den meisten anderen Fächern und dauere erfahrungsgemäß mindestens sieben bis acht Jahre. Die komplexen, anspruchsvollen Krankheitsbilder würden ein besonderes Maß intensivmedizinischer Erfahrung erfordern. „Bevor wir eigenständig im OP arbeiten, müssen wir alles, was an Komplikationen entstehen kann, schon kennen und wissen, wie man sie behandelt. So lernen wir gute Entscheidungen zu treffen.“

Die Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen und komplexe Krankheitsbilder zu analysieren, wird mit Beginn der Pandemie unersetzbar. „Es war notwendig, dass alle Abteilungen Ärztinnen und Ärzte stellen, um das Team hier groß genug zu bekommen. Darum sprach mein Chefarzt Professor Borger mich an und bat mich, auf der Intensivstation mitzuarbeiten.“ Eine Bitte, der Paul-Theodor Bräuchle nachkommt.

Das Virus zeigt die Grenzen als Arzt auf

Dass die Covid-19-Erkrankung trotz fachlich einwandfreier Herangehensweise schwerste Verläufe annimmt, stellt das medizinische Personal allerorts vor große Herausforderungen. „Die Verläufe sind häufig deutlich anders als das, was wir bisher aus Definitionen und der Erfahrung kennen. Zu akzeptieren, dass man bei manchen Patientinnen und Patienten einfach nichts weiter tun kann, ist schwer. Manchmal sind wir dazu gezwungen zuzuschauen, wie Menschen sehr schnell versterben“, sagt Bräuchle ernst. Man habe lernen müssen zu hoffen, „dass die Ausbreitung noch nicht so fortgeschritten ist und sich die Lunge über einen gewissen Zeitraum wieder erholt.“ Die Arbeit mit dem Virus habe ihm manchmal seine Grenzen als Arzt aufgezeigt und ihn auch daran erinnert, dass wir in einer Region der Erde leben, in der man „moderne Maximalmedizin anbieten“ könne – das erfüllt den Assistenzarzt mit Dankbarkeit. Auch auf persönlicher Ebene:

Ich hatte eine Zeit, die auch emotional und psychisch nicht sehr einfach war. Das durchzustehen, ohne negative Spuren davonzutragen, war für mich eine Bestärkung. Ich weiß jetzt, dass ich durch solche kritischen Zeiten gehen kann – und auch, bis wohin.

Paul-Theodor Bräuchle

Paul-Theodor Bräuchle nimmt aus der Pandemie viel Gelerntes mit. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der verschiedenen Fachbereiche sei eine Bereicherung: „Wir haben verschiedene Herangehensweisen erlebt, die man aus dem eigenen Alltag so nicht kannte - das fand ich sehr gewinnbringend, weil wir uns gegenseitig mit guten Ideen inspiriert haben.“ Er blickt außerdem mit der Hoffnung nach vorne, „dass man in Zukunft besser gewappnet ist für solche Ausnahmesituationen - sowohl als Mensch individuell, aber auch als Institution. Ich denke, auch das Gesundheitswesen und die Politik haben gelernt: Das ist keine abstrakte, sondern eine reale Gefahr, die auch in Zukunft jederzeit wiederkommen kann.“

Inzwischen konnte Herr Bräuchle wieder in seine Abteilung und den OP zurückkehren und hofft, dass mit der dritten Welle diese Extremsituation nicht erneut losgeht. In der zukünftigen Normalität, für die Paul-Theodor Bräuchle jeden Tag kämpft, wolle er besonders eines: „Die Freiheiten, die man hat, anders und mehr wertschätzen.“