„Führungskraft und Mädchen für alles“

„Führungskraft und Mädchen für alles“

Mechthild Pappe ist Bereichsleiterin der Pflege am Zentrum für seelische Gesundheit. Mit fast 30 Jahren Berufserfahrung, einem Studium der Pflegewissenschaft und vor allem sehr viel Menschlichkeit unterstützt sie die „Stationsfamilien“ dabei, einen möglichst reibungslosen Arbeitsalltag zu schaffen.

Im Gespräch erzählt sie von ihrem Weg nach Leipzig, der Dankbarkeit für tolle Kolleginnen und Kollegen und warum sie manchmal erst gegen die Wand rennen musste, bevor sie den richtigen Weg finden konnte.

Frau Pappe, was ist Ihre Aufgabe hier?

Ich sorge dafür, dass alle Pflegekräfte hier im Zentrum für seelische Gesundheit gut arbeiten können. Das beinhaltet die Organisation der einzelnen Einsätze, Streitschlichtung, Fachentwicklung oder Motivation.

Mechthild Pappe, Bereichsleiterin der Pflege am Zentrum für seelische Gesundheit

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen betrifft die Einstellung. Ich rede also mit Menschen, die hier arbeiten wollen. Ich habe Pflegewissenschaft – und zwar psychiatrische Pflege – studiert. Kein klassisches Management also. Aber ich denke, wenn man sehr lange Teams entwickelt und das Stationsleben gemanagt hat, bringt man einiges an Führungserfahrung mit, die man nicht an der Uni lernt.

Eigentlich bin ich hier Führungskraft und Mädchen für alles. Ich fühle mich sehr verantwortlich für den reibungsfreien Ablauf, setze aber auch gerne mal ein paar Störsender über das, was wir schon immer tun, um da etwas in Gang zu bringen.

Wie führte Ihr Weg Sie hierher?

Ich bin seit dreieinhalb Jahren in meiner jetzigen Funktion tätig. Vorher habe ich 25 Jahre im Katholischen Krankenhaus in Erfurt gearbeitet. Ich habe vor vielen Jahren schon einmal zwei Jahre in Leipzig gelebt und hier Psychologie studiert. Dann haben wir aber eine Familie gegründet und mein Mann baute eine Firma auf – wie das dann so ist mit den Frauenbiografien. Es folgten Teilzeitbeschäftigungen und als es wieder ging, habe ich mehr Verantwortung übernommen. In Erfurt habe ich eine psychiatrische Ambulanz aufgebaut. Nebenbei machte ich das Pflegestudium. Dann war das irgendwie fertig und mir flatterte diese Stellenanzeige auf den Bildschirm. Ich überlegte hin und her und dachte mir „Was solls, teste mal deinen Marktwert.“ Und dann wollte man mich tatsächlich hier am Standort. Mir war damals gar nicht bewusst, wie groß das hier eigentlich ist. Natürlich stand in der Stellenanzeige, wie viele Betten und so – faktisch wusste ich, wie groß es hier ist. Aber wie sich das anfühlt, für so viele Mitarbeitende und Patient*innen verantwortlich zu sein – das habe ich nicht ohne Schmerzen in den ersten Wochen und Monaten gelernt. Ich würde sagen seit eineinhalb, zwei Jahren bin ich richtig angekommen.

So eine große Klinik ist ja nicht nur ein Betrieb. Es ist auch viel Beziehung, viel Biografie, viel gemeinsam Erlebtes – bei dem ich noch nicht dabei war – und letztendlich wie eine Familie.

Mechthild Pappe, Helios Park-Klinikum Leipzig

Man hat komische Angewohnheiten. So ist es hier auch. Wenn man das erste Mal hinguckt, ist es vielleicht komisch, aber beim zweiten Blick liebenswert und es macht die Gemeinschaft aus. Die eine oder andere Gewohnheit der Stationsfamilien kenne ich jetzt und das macht die Arbeit leichter.

Wie sind Sie durch diese Anfangsphase gegangen?

Immer wieder dranbleiben. Das ist ein Prinzip von mir, das sich durch meine gesamte Biografie zieht. Ich beiße mich durch und bleibe an den Dingen dran, bis sie fertig sind. Ich kann gegen die Wand rennen, drei Meter zurückfliegen und dann gucke ich, wo der andere Weg langgeht. Dazu suche ich mir Unterstützer. Und das ist mir hier auch gelungen. Sowohl in der Führungsriege als auch bei den Stationsleitungen. Ich spüre, dass sie mich akzeptieren und unterstützen. Gerade mit Menschen wie Beatrix Halama und Sebastian Hunger (Stellvertretende Pflegedirektion) kann ich viel besprechen: „Ich habe gerade eine blöde Situation – wie würdest du das lösen?“

Was hat sich durch Corona bei Ihnen verändert?

Ich persönlich im Privaten bin absolut genervt, weil mein Leben nicht so stattfindet wie sonst. Auf der anderen Seite bin ich dankbar, dass ich arbeiten kann und meine sozialen Kontakte habe. Das versuche ich hier eher zu vernachlässigen – aber manchmal schafft das Reden darüber auch Verbindung.

Hier in der Klinik haben wir uns an viele, viele Dinge gewöhnt. Die Masken, den Abstand, die Patient:innen immer wieder zu erinnern – und teilweise haben wir es auch mit Menschen zu tun, die in ihrem pathologischen Realitätsempfinden gar nicht verstehen (können). Da müssen wir sehr auf uns alle achten. Wir können viele Therapien auch gar nicht durchführen. Wir leben hier von der Interaktion und den Gesprächen. Ein Teil dieser Interaktion ist die Mimik und die wird bedeckt. Jetzt gerade haben wir einige Mitarbeitende der Pflege in die Somatik gegeben, weil besonders die ITS unsere Hilfe benötigt. Diese Überzeugungsarbeit zu leisten, dass die uns brauchen und gleichzeitig zu durchdenken, wen wir entbehren können, ohne unsere Funktionstüchtigkeit aufzugeben, ist schwer. Wir versuchen auch die Angst zu nehmen, die viele psychiatrische Pflegekräfte haben: „Trau ich mir das noch zu? Ich arbeite seit 20 Jahren in der Psychiatrie und habe gar keine Ahnung mehr.“ Es ist gelungen und daran sehe ich, was wir für tolle Mitarbeitende haben!

Wie schaffen Sie es, die Motivation oben zu halten?

Ich weiß gar nicht, ob mir das immer gelingt. Aber irgendwie geht es immer weiter. Ich zeige viel Präsenz auf den Stationen. Ich nehme auch alles, was an Problemen und Sorgen kommt, erstmal ernst.

Mechthild Pappe, Bereichsleiterin der Pflege

Es ist erwiesen, dass es schon die halbe Miete ist, wenn Führungskräfte solche Gespräche überhaupt führen. Ich habe 270 Mitarbeitende – ich kann nicht immer alles auf dem Schirm haben. Da muss die Zusammenarbeit mit den Stationsleitungen gut funktionieren. Das sind ja meine nächsten Ansprechpartner:innen. Mit denen behalte ich alles gut im Blick, besonders mit neuen Mitarbeitenden. Da erkundige ich mich auch und frage nach einer bestimmten Zeit „Wie geht’s Ihnen? Wie sind Sie bei uns angekommen?“ Und ich glaube, das finden sie auch gut.

Sie haben speziell die seelische Gesundheit als Fokus gewählt. Warum?

Weil ich für psychiatrische Pflege einfach brenne. Das macht mir einfach Spaß. Ich finde die bunten Biografien unserer Patient:innen spannend. Wie gesagt, ich habe 12 Jahre in der psychiatrischen Ambulanz gearbeitet. Meine Bezugspatient:innen waren oft Psychosepatient:innen, die erstmal unnahbar und in sich verschlossen wirken, besonders die chronisch Kranken. Die sagen selbst über sich, dass sie die Welt wie durch Watte wahrnehmen, auch durch die Medikation und den langen Krankheitsweg. Aber das sind alles sehr, sehr interessante Menschen. Wenn man sie näher kennenlernt – und oft haben wir sehr lange, professionelle Beziehungen – haben sie es leichter, wenn sie in akute Phasen kommen.

Und Psychiatrie hat flachere Hierarchien – weil wir aufeinander angewiesen sind, das erlebe ich in allen die ich bisher kennengelernt habe. Die Beobachtungen und Einschätzungen der Pflege sind unmittelbar bedeutsam für die Behandlung.

Die Ärzt:innen und Psycholog:innen hören uns genau zu. Wir sind so nah dran. Manchmal erzählen uns die Patient*innen auch Sachen, die sie sonst nicht aussprechen.

Mechthild Pappe

Möchten Sie selbst noch etwas ansprechen?

Ich bin immer davon ausgegangen, dass alle genauso denken wie ich. Doch viele Dinge kann man unterschiedlich machen – mit dem gleichen Erfolg. Und vielleicht bin ich am Anfang ein bisschen mit der Brechstange reingegangen. „Lies doch mal hier den Artikel und mach es doch so!“ Es ist eine große Herausforderung, den Mitarbeitenden zu sagen „Ihr macht das toll. Aber ich hätte da mal eine Idee.“ Change Management: Das ist etwas, das mir am Herzen liegt. Dafür versuche ich die Weiterbildung anzukurbeln. Ich habe Referenten an den Standort eingeladen, motiviere zu Fortbildungen und zu Fachweiterbildungen und versuche so auch das akademische Pflegewissen reinzubringen. Ich lege also großen Wert auf Weiterbildung und bin total froh, dass jetzt im April eine Mitarbeiterin der Erwachsenenpsychiatrie genau das Studium beginnen kann, was mich so weit gebracht hat. Das fördert Helios viel mehr als es bei mir damals der Fall war und das finde ich toll.

Wir zahlen die vollen Studiengebühren und stellen sie frei, damit sie es machen kann. Vielleicht ist das ein Weg, um die Menschen mit meiner Krankheit des Mehrwissenwollens anzustecken (lacht). Es wäre schön, wenn das einmal als etwas stehen bleibt, das ich hier geschafft habe.

Mechthild Pappe, Bereichsleiterin der Pflege am Zentrum für seelische Gesundheit