„Man muss unglaublich viel sprechen“ – Führung in und durch die Corona-Krise

„Man muss unglaublich viel sprechen“ – Führung in und durch die Corona-Krise

Ulrike Strenge und Janine Pöss sind Oberärztinnen am Helios Standort Leipzig. Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 übernahmen sie erstmals gemeinsam die Leitung der Covid-Intensivstation. Für die zweite Welle meldeten sie sich freiwillig für diese Aufgabe zurück.

Janine Pöss ist Oberärztin in der Universitätsklinik für Kardiologie – Helios Stiftungsprofessur und seit 2019 im Herzzentrum tätig. Dass sie Ärztin werden will, das stand schon in der Grundschule fest, erzählt sie rückblickend: „Ich konnte mir nie etwas anderes vorstellen und kann mir auch jetzt nichts anderes vorstellen. Das ist eine Grundüberzeugung.“ Ulrike Strenge ist seit 2011 im Helios Park-Klinikum tätig und als Oberärztin mit verantwortlich für die Intensivstation.

Janine Pöss, Oberärztin am Helios Standort Leipzig

Als die erste Welle Deutschland erreicht, werden die beiden Medizinerinnen zum leitenden Tandem der Covid-Intensivstation. Für diese Entscheidung spielt bei Janine Pöss neben ihrer fachlichen Kompetenz noch ein anderer Faktor hinein – sie ist damals kürzlich von Covid genesen: „Mein Chef hat mich initial angesprochen, weil ich die Infektion selbst durchgemacht hatte. Ich war die einzige immune Medizinerin und habe gesagt ‚Ich mach das‘.“ Nachdem auch Ulrike Strenge einwilligt, bleibt für die eigentliche Stationsplanung und ihren Aufbau kaum Zeit. Auch die Zusammenarbeit im Team beginnt bei null.

In der Covid-Pandemie muss vieles neu entwickelt werden

Die beiden Frauen bringen eine gemeinsame Vorstellung der Zusammenarbeit mit. „Wir sind ähnlich in unserer Denkstruktur und Arbeitsweise – auch in unseren Grundcharaktereigenschaften“, beschreibt Janine Pöss die Dynamik, „aber fachlich ergänzen wir uns und diese Kombination ist super.“ Aus ihren Tätigkeiten als Oberärztinnen entspringt ein moderner Führungsansatz. „Es ist kein Geheimnis, dass wir kaum älter oder gar jünger sind als die meisten Assistenzärzte und -ärztinnen im Team. Teilweise sind Mitarbeitende dabei, die mehrjährige, intensive Erfahrung haben – länger als ich selbst.“ Gerade darum sei es wichtig, Entscheidungen im Team anzugehen statt als Führungsperson Alleinentscheiderin zu sein, findet die Oberärztin. Diese Führungskompetenz ist nun gefragt: „Weil wir von so vielen unterschiedlichen Stationen und Häusern kommen, muss man unglaublich viel sprechen. Denn auch die Expertisen sind völlig unterschiedlich. Oft gibt es keine festgelegten Standards, sondern es muss sehr viel neuentwickelt werden.“

Ulrike Strenge, Oberärztin am Helios Standort Leipzig

Die Arbeit in der Krisenzeit fordert eine Vielzahl an Ressourcen der verschiedenen Fachbereiche. „Es gehört viel Logistik dazu. Vom Physiotherapeuten über die Apotheke bis hin zum Atemtherapeuten – da kommt jahrzehntelange Erfahrung zusammen“, erzählt Ulrike Strenge dankbar. „Es gab sogar Pflegepersonal aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, das sich freiwillig gemeldet hat.“

Hoffnung ist der Motor in der Krise

Hinsichtlich der psychischen und physischen Belastung des Personals beschreiben die beiden Oberärztinnen die derzeitige Arbeit als besonders herausfordernd. Auf der Intensivstation gehört es auch dazu, Patientinnen und Patienten in den Tod zu begleiten. Was die Hoffnung aufrecht erhalte, seien jene, denen sie helfen können. „Zuversicht schöpfen wir momentan, wenn Patient:innen wieder anfangen, selbstständig Luft zu holen und wir wieder beginnen mit ihnen zu kommunizieren. Wenn wir sie ein Stück weit ins Leben entlassen können. Oder man Berichte aus anderen Krankenhäusern hört, dass sie jetzt dort sind und es ihnen wieder gut geht“, sagt Ulrike Strenge ernst, aber das sind Einzelne.

Doch diese Funken der Hoffnung sind ihr Motor in der Krise. Und der Blick in die Zukunft schafft Zuversicht. Denn trotz der ernsten Arbeitssituation wird für Ulrike Strenge und Janine Pöss ein großer Wissenszuwachs und persönliche Entwicklung sichtbar. Auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Krankenhäuser in Leipzig in Bezug auf die Behandlung von Covid-Patient:innen sei eine wertvolle Erfahrung. Über die Frage, worauf sie sich am meisten freuen, sobald die akute Situation abnimmt, sind sich die Oberärztinnen einig: „Freizeit – und ein bisschen Urlaub. Es wird eine gewisse Zeit dauern, bis wir uns neu geordnet haben.“