„Worunter Beziehungen leiden, ist das Unausgesprochene“

„Worunter Beziehungen leiden, ist das Unausgesprochene“

Michaela Oetzel ist seit 40 Jahren im Park-Klinikum tätig. 30 Jahre in leitender Position und davon 23 Jahre auf ihrer heutigen Station – der Teen Spirit Island. Hier werden abhängigkeitserkrankte Kinder und Jugendliche im Rahmen eines strukturierten Tagesplans beim qualifizierten Entzug und Psychotherapie unterstützt. Die erfahrene Fachpflegekraft hat diese Station mitgegründet – in einer Zeit, in der man über das Feld noch nicht viel wusste. Während der Pandemie erinnert sie sich zurück – und findet Parallelen.

„Nach der Wende hat sich in Leipzig die Drogenszene breitgemacht. Die Stadt bekam mit, wie das alles da draußen läuft. Und der Bedarf war dann einfach da“, erinnert Michaela Oetzl den Beginn der heutigen Teen Spirit Island. Die Behandlung von suchterkrankten Kindern und Jugendlichen ist in der Nachwendezeit weitestgehend Neuland. „Das war damals keine ganz einfache Zeit, weil vieles noch im Unklaren war.“ Sowohl die Teamaufstellung als auch das Therapiekonzept wird also vor 23 Jahren neuentwickelt. „Es war auch eine Chance, etwas Neues. Wir gingen auf die Suche: Wo kann man sich anlehnen? Wo kann man sich was herholen? Wo gibt's Ähnliches?“

Verlässlichkeit gibt Sicherheit

Therapie

Heute ist die Station fest etabliert. Während die Suchtmittel über die Jahre Schwankungen unterlagen, bleibt die Behandlungsbasis konstant. „Vom Konzept und Entzug her haben wir uns eigentlich sehr wenig verändert. Unser Credo war immer: ‚Wir sind da'.“ Diese Verlässlichkeit gibt den jungen Menschen und ihren Bezugspersonen Sicherheit mit auf den Weg. „Für die Patientinnen und Patienten ist es bei uns ein ganzes Stück harte Arbeit. Sie müssen auf vieles verzichten, was sie draußen durch den Tag begleitete und was sich für sie gut anfühlte. Wir gehen ,,über Start“, damit der Kopf wieder frei ist für Veränderungen. Der Tagesplan ist darum von 6:30 Uhr morgens bis 21:30 Uhr abends durchstrukturiert – verschiedene Therapieangebote, geregelte Mahlzeiten und eine gesunde Freizeitgestaltung sind die Hauptbausteine. Ob Einzel- oder Gruppengespräche, Bewegungs- und Ergotherapie oder Energieabbau am Boxsack. Die Möglichkeiten sind so verschieden wie die einzelnen Lebensgeschichten. Eine Tradition eint jedoch alle – bei Ankunft auf der TSI basteln die jungen Patient:innen ein Drahtmännchen. Diese schmücken in langen Bahnen aneinandergereiht die Gänge der Station.

Wertschätzung miteinander

Draht

Hauptbestandteil des ausgefeilten Konzepts ist das Kollegium um Michaela Oetzl. „Im Team zu spielen macht mir richtig Spaß. Dass man die Entscheidungen und Prozesse mit den Kolleg:innen gemeinsam entwickelt. Die waren immer da und immer verlässlich. Das muss man wirklich mal so sagen“, sagt die Stationsleiterin anerkennend. Sie habe in ihren 40 Jahren vor allem gelernt, dass man die Arbeit nur so gut machen kann, wenn das Kollegium zusammen stark ist. „Da muss man dranbleiben, Beziehungen sind einfach pflegebedürftig.“ Wenn man wertschätzend und harmonisch miteinander arbeitet, „vermittelt das auch Sicherheit, nicht nur für die Patient:innen, sondern auch für das Personal“, ist sich Michaela Oetzl sicher. Worunter Beziehungen leiden, sei vor allem das Unausgesprochene. Darum freue sie sich, wenn der jährliche Konzepttag endlich wieder stattfinden könne. Aufgrund der pandemiebedingten Umstände war dies im letzten Jahr nicht möglich. „Der Konzepttag ist eine Plattform, wo alle einfach mal raushauen können, was sie die ganze Zeit denken. Ohne dass es bewertet wird. Manchmal muss man zurück zur Basis“, beschreibt die gelernte Kinderkrankschwester das Teamevent. Hier können Entwicklungen und Veränderungen diskutiert und geplant werden – alle bekommen Raum, sich einzubringen.

Das Miteinander ist für Michaela Oetzl ein großes, wenn nicht das wichtigste, Thema. Die Pandemiesituation versetzt sie in die Erinnerungen an die Gründungszeiten ihrer Station. Die Unklarheit, die vielen Fragezeichen. Der Informationsfluss in den Häusern ist seit Beginn letzten Jahres echt gut nachvollziehbar – die Mitarbeitenden werden fachübergreifend über die tagesaktuelle Lage am Standort aufgeklärt. „Aber manchmal waren es einfach auch nur die Zahlen, das gebe ich ehrlich zu. Und trotzdem hat es mich berührt“, versucht sie ihre gemischten Gefühle in Worte zu fassen.

Ich finde es beeindruckend, dass Leute einzelner Stationen gesagt haben ‚Ich gehe dahin'. Da dachte ich: ‚Mensch, die kommen jeden Tag her und stellen sich diesen Ängsten, die wir alle haben'.

Michaela Oetzel, Stationsleitung Teen Spirit Island
Ergo
Ergotherapeutische Maßnahmen auf der Station Teen Spirit Island

In Michaela Oetzl erwächst das Bedürfnis, den Kolleginnen und Kollegen auf den Covid-Stationen ihre große Dankbarkeit und Anerkennung auszusprechen. Pflegedirektor Clemens Regenbrecht ermöglicht eine persönliche Zusammenkunft – kurz darauf darf sich die Stationsleiterin auf der Covid-ITS schutzgemäß einschleusen und ein eigenes Bild der Situation machen. „Ich hatte eine Schachtel Pralinen dabei“, erzählt Oetzl bescheiden. Die einzelnen Pralinen hat sie mit Wünschen und kleinen Botschaften versehen, „Ich dachte, jeder kann sich dann das Stückchen nehmen, was er oder sie vielleicht im Moment am meisten vermisst. Leichtigkeit, Hoffnung, Ruhe, Freude. Es wurde dankend angenommen.“

Dank und Verantwortung

Michaela Oetzl spricht zurückhaltend über ihren Besuch auf der Covid-Station. Es geht ihr nicht um die externe Wirkung, sondern darum, ihre aufrichtige Dankbarkeit an die Menschen ausgesprochen zu haben, die jeden Tag für uns einstehen. „Ich kenne es selbst aus dem Beruf: Man macht es ja, weil man das möchte. Und manchmal muss man dann einfach selbst schauen, wo die Grenzen sind. In dieser Stress- oder Katastrophensituation – Wo will man da die Grenze ziehen? Es geht ja immer, immer weiter“, reflektiert sie bedacht. „Ich wünsche mir, dass die Mitarbeitenden dort eine Möglichkeit gefunden haben oder finden werden mit dieser großen Verantwortung nicht auf der Strecke zu bleiben.“