Corona rückt Mitarbeitende und Behandelte in den Fokus

Corona rückt Mitarbeitende und Behandelte in den Fokus

Nicole Wessel und Sarah Seiler arbeiten gemeinsam in der Gerontopsychiatrie im Zentrum für seelische Gesundheit in der Altersmedizin des Helios Park-Klinikums Leipzig. Schwerpunkt des Bereichs ist die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit kognitiven Einschränkungen wie zum Beispiel im Rahmen einer Demenz. So verfolgt die Station ein Raumkonzept, dessen Gestaltung die Orientierung der Patientinnen und Patienten unterstützt. In den vergangenen Monaten waren die Tage voller Überraschungen – gemischte Gefühle in bewegten Zeiten.

Sarah Seiler ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und absolviert gerade die Fachweiterbildung Psychiatrie. „Meine Ausbildung habe ich in der Somatik verbracht. Ich habe mich dann entschieden, meine Prüfung in der Gerontopsychiatrie zu machen und muss gestehen: Hier bin voll aufgegangen.“ Vorher, erzählt sie, habe immer etwas gefehlt. Benennen konnte sie es damals noch nicht. „Ich habe hier das Gefühl, dass ich wirklich etwas bewegen kann. Man sieht einen schönen Prozess – den Wandel in den Menschen“, umschreibt sie ihre heutige Zufriedenheit, „nicht wie bei einem Beinbruch: Fraktur, OP, Genesung, Bein verheilt.“

Wessel

Ihre Kollegin Nicole Wessel hat ähnliche Erinnerungen vom Weg aus der Somatik in die Psychiatrie. Sie arbeitete einige Jahre auf einer internistischen Station, bevor sie 2017 die Leitung der Gerontopsychiatrie übernimmt. Auf ihr wertschätzendes, warmes Team ist sie sehr stolz. „Meine Kolleg:innen geben mir viel Rückenwind und sagen oft ‚Setz du dich mal hin und mach deinen Leitungskram‘. Es ist schön, dass man sich aufeinander verlassen kann und ich immer weiß, dass es läuft.“ Mit diesem Führungsgeist entspringen dem Team der Gerontopsychiatrie immer wieder Innovationen. Die stationsäquivalente Behandlung beispielsweise – also die psychiatrische Therapie zuhause –fand ihren Anfang hier: „Im Rückblick ist das wirklich ein Riesending.“

Maske erschwert die Kommunikation

Während der vergangenen Monate wird das Teamgefüge herausgefordert.

Die Anfangszeit war sehr anstrengend. Jeden Tag neue Anweisungen, die ich kommunizieren musste. Patient:innen reduzieren, gewisse Strategien einhalten oder der Mund-Nasen-Schutz – versuch‘ das mal bei einem Demenzpatienten. Am Anfang sind wir nur gerannt und haben denen die Masken wieder aufgesetzt.

Sarah Seiler, Gesundheits- und Krankenpflegerin am Helios Park-Klinikum

Wie auch Kolleginnen und Kollegen anderer psychiatrischer Stationen berichten, erschwert die Maske das wichtigste Werkzeug in der seelischen Arbeit: die Kommunikation. Nicole Wessel empfindet die Zeit der Pandemie als enorm herausfordernd. „Ich muss jeden Tag in die E-Mails gucken: Was ist heute wieder anders? Was gibt es für neue Anweisungen? Was müssen wir beachten? Und dann ja auch noch im Privaten“, beschreibt die Stationsleiterin den neuen Alltag.

Team gibt Rückhalt

Wessel

Doch etwas anderes belastet sie am Meisten, „ich musste letztes Jahr ganz viele Mitarbeitende weggeben als das losging. Phasenweise musste ich täglich entscheiden ‚Wer geht jetzt woanders hin, mit wem kann ich das machen? ‘“ Sarah Seiler erinnert sich mit gemischten Gefühlen an diese akute Zeit. „Unser Problem war die Unsicherheit – ‚Was erwartet mich auf der Station?‘ In der Psychiatrie sind wir sicher im Arbeiten. Und dann in ein neues Team geworfen werden, mit fremden Leuten, neuen Maschinen und Geräten?“, sagt die Pflegekraft rückblickend, „das hat erstmal teilweise zur Abneigung und zum Rückzug geführt.“ Nicole Wessel beschreibt die Situation als Zwiespalt – sie weiß, wie dringend die Covid-Stationen auf die Hilfe anderer Stationen angewiesen sind. Doch sie möchte ihre Mitarbeitenden auch keinem Druck aussetzen – „Es soll ja keine Strafe sein, woanders zu arbeiten.“ Doch das Team um Nicole Wessel unterstützt ihre Stationsleiterin sehr. „Ich muss wirklich sagen, dass mein Team gut mitgezogen hat. Es gibt niemanden, der Nein gesagt hat. Sie geben mir immer Rückhalt und ich stehe nie alleine da.“

Die besondere Zeit lässt den Blick auf das Gegenwärtige dankbarer werden. „Ich fühle mich wohl unter Helios. Dass wir z.B. bei Facebook so präsent sind, finde ich spannend. So lernen wir die verschiedenen Bereiche auch besser kennen“, erzählt sie Stationsleiterin über ihre Zufriedenheit im Helios Standort,

„schon alleine die Weiterbildungsmöglichkeiten – die finde ich wirklich toll. Und das ist nicht selbstverständlich in unserem Beruf.“

erkennt Stationsleiterin Nicole Wessel an.

Ihre Mitarbeiterin Sarah Seiler absolviert noch bis Ende September 2021 ihre Fachweiterbildung Psychiatrie – die Theorie findet derzeit im Homeschooling statt, die Praxis wie gewöhnlich auf wechselnden Stationen. „Ich wollte einfach tiefer und spezifischer in das Thema Psychiatrie eintauchen. Ich lerne, Zusammenhänge herzustellen, die ich sonst vielleicht mal zufällig durch Ärzt:innen aufgreifen würde“, schwärmt die angehende Fachpflegekraft über ihre Weiterbildung, „und ich finde es schön, mich persönlich stetig weiterzuentwickeln“.

Das Klinikleben geht mit Corona weiter

Weiterbildungen, wie die von Sarah Seiler, weiterführen zu können, ist in der corona-dominierten Zeit wichtig. Das Klinikleben geht weiter – und das ist gut so. Nicole Wessel erzählt, dass das Kollegium einzelne Therapien übernommen habe, die wegen Corona ausgesetzt waren. „Man erlebt die Patient:innen in der Therapie völlig anders als im normalen Stationsalltag. Das finde ich sehr spannend und würde es gerne auch so weiterführen.“

Generell sind im Team der Gerontopsychiatrie durch die Zeit der Pandemie auch viele schöne Aspekte sichtbar geworden. „Ich nehme aus dieser Phase den Zusammenhalt mit, der sich im Team bestätigt hat“, sagt die Stationsleiterin stolz. Feedback nimmt sie schon immer wertschätzend entgegen – persönlich oder durch einen plüschigen Stellvertreter: „Ich habe den Sorgenfresser etabliert. Das ist ein kleines Plüschtier mit Reißverschluss als Maul. Zettel schreiben, rein in den Sorgenfresser und zur nächsten Teambesprechung wird es Thema.“