„Vielleicht kann uns das Leben da auch was zeigen“

„Vielleicht kann uns das Leben da auch was zeigen“

Valentin Papendorf ist im zweiten Jahr seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Herzzentrum. Dafür ist er aus dem hessischen Marburg nach Leipzig gezogen. In seiner Heimat hat er als Rettungssanitäter gearbeitet, wo die Arbeit sehr schnell abläuft.

Am Pflegebereich schätzt er die gemeinsame Zeit und den intensiven Kontakt mit den Patient*innen. Das Herzzentrum nennt er ein „fortschrittliches Krankenhaus“ in einer „jungen, hippen Stadt“. Im Interview erzählt Valentin, was wir als Gesellschaft von der Pandemie lernen können und was seinen Beruf auszeichnet.

Warum macht Pflege dir so viel Spaß?

Ich glaube das Schönste ist, dass man durch viele kleine Sachen, Menschen in Extremsituationen helfen kann. Man ist nicht nur kurz da und macht seine Maßnahmen, sondern man kann über den Kontakt – manchmal nur durch eine nette Geste – ganz, ganz viel ausmachen. Gerade für Leute, die monatelang im Krankenhaus liegen, ist es so viel wert, wenn man mal fünf Minuten länger im Zimmer ist als vielleicht nötig. Und man sieht eben auch das Resultat - wenn die Arbeit sich auszahlt und sich Verbesserungen einstellen, erlebt man es mit.

Du bist jetzt seit über einem Jahr dabei. Was hat sich durch Corona für dich verändert?

In der ersten Welle war es erstmal so, dass die Schule zugemacht hat und wir Auszubildenden im Haus verteilt wurden. Auf einmal wurde eine Covid-Station eröffnet und alle anderen Stationen runtergefahren. Es gab eine lange Phase, wo der Normalbetrieb gar nicht mehr vorhanden war. Da war auf Arbeit gar nicht so viel zu tun. Aber jetzt in der zweiten Welle merkt man, dass das Normalprogramm weiterläuft und wir Stück für Stück mehr Patient*innen mit Covid bekommen. Dadurch haben wir sehr viel zu tun. Es ist definitiv keine entspannte Phase gerade.

Du bist momentan auf der Covid-Normalstation. Wie bist du dort hingekommen?

Ich wurde im letzten Schulturnus von der zentralen Praxisanleitung angefragt, ob ich generell bereit wäre, auf die Covid-Station zu gehen. Wir bekamen nach und nach mehr Fälle rein und es zeichnete sich ab, dass sie mehr Hilfe brauchen würden. Ich kann keine Vollkraft ersetzen, aber ich kann sie unterstützen. Und ein, zwei Wochen später wurde es dann nötig.

Wie ist der neue tägliche Ablauf hier?

Zum Beginn einer Schicht gehen wir durch eine Schleuse, ziehen spezielle grüne Kleidung und Schuhe an, legen unsere Sachen ab und gehen auf Station. Diese Umkleiden sind in speziellen Bereichen. Man kann in dieser grünen Montur nicht einfach durchs Haus laufen. Wenn man also die Station verließe, müsste man sich wieder ausschleusen. Dann bin ich umgezogen, habe eine FFP2-Maske auf und sonst ist der Ablauf wie ein normaler Dienst mit etwas mehr Aufwand. Vor jedem Zimmer einkitteln und so weiter.

Zum Ende der Schicht wasche und desinfiziere ich mir ordentlich die Hände, schleuse mich wieder aus, ziehe blaue „normale“ Arbeitskleidung an und gehe runter, um zu duschen. Die ganzen Sachen, die man so am Körper rumschleppt, möchte man nicht unbedingt mit nach Hause nehmen. Dann ziehe ich meine privaten Sachen an und gehe nach Hause.

Wenn du einen Wunsch nach außen schicken könntest, was würdest du der Gesellschaft sagen wollen?

Jeder hat das Recht solange zu leben, wie es geht und das sollte auch so bleiben. Darum müssen wir die Erkrankungen ernst nehmen und uns klarmachen, dass es Menschen in der Gesellschaft gibt, die dadurch sterben können. Wenn ich Demonstranten ohne Masken und Abstand durchs Stadtgebiet laufen sehe, macht mich das einfach wütend und ich frage mich, wo diese Ignoranz herkommt. Manchmal wünsche ich mir schon, diesen Leuten mal zeigen zu können, wie das hier aussieht, wenn Menschen schwer krank sind und sterben und wie die Angehörigen sich fühlen.

Auf der anderen Seite möchte ich die Angst auch nehmen. Wenn ihr erkrankt, ist das kein Todesurteil. Euch wird geholfen und dafür sind wir hier. Und das alles hat auch irgendwann ein Ende. Wir sind nicht für immer in dieser Situation gefangen. Vielleicht werden wir gewisse Dinge auch beibehalten. Aber Krisen gehören in einer Gesellschaft dazu und Veränderungen auch. Wir haben lange Glück gehabt, dass wir keine größere Krise hatten. Gerade meine Generation. Vielleicht kann uns das Leben da auch was zeigen.

Was nimmst du dir aus der Krise mit?

Zum einen: Wenn wir Krisen haben, sind Leute da, die helfen. Vor allem denen, die am stärksten betroffen sind. Zum anderen: Die Pläne, die wir uns so machen, sind alle umwerfbar. Es kann sein, dass Dinge passieren, die wir nicht voraussehen konnten. Ich nehme mir mit, dass man mit Situationen umgehen lernen muss. Und wer weiß, was für Krisen noch auf uns zukommen. Beim nächsten Mal erinnere ich mich dann vielleicht zurück und komme schon besser zurecht.

Was war in deiner Ausbildung eine echte Herausforderung, die du überwunden hast?

Man lernt immer wieder neue Dinge. Ich kenne gewisse Abläufe schon aus dem medizinischen Bereich. Aber als Azubi ist man immer wieder in neuen Situationen. Vielleicht ist man dabei, wie jemand verstirbt, aber man macht nichts mehr. Zum Beispiel, weil es eine Patientenverfügung gibt in der steht, dass man keine Maßnahmen mehr einleiten soll. Man wird mit allen Bereichen des Lebens – und des Tods – konfrontiert.

Ich brauche zum Beispiel eine Definition für den Tod. Klar, er ist Teil des Lebens und er gehört dazu. Grundsätzlich ist er erstmal nichts Schlimmes oder Schlechtes. Doch manche Situationen belasten einfach. Und dann ist es wichtig herauszufinden, warum das so ist. Bin ich traurig, weil ich den Menschen gerne mochte oder verbinde ich es mit etwas ganz anderem? Ich denke, es ist wichtig, offen auszusprechen, wenn einem was nahe geht oder man traurig ist. Das hilft mir.

Worauf freust du dich noch in deiner Ausbildung?

Darauf, in alle Bereiche mal reinzukommen. Das ist gerade in großen Häusern nicht typisch. Aber hier im Herzzentrum kommt man in alle Abteilungen mindestens einmal rein und das finde ich echt superspannend. Schon jetzt – nach einem Jahr – kenne ich teilweise die Abläufe, wenn ich auf eine neue Station komme. Weil ich einfach aus jedem Bereich was mitnehme und dann merke, wenn ich es woanders anwenden kann. Da unterstützt man in der Chirurgie dann jemanden mit Tipps aus der Kardiologie. Wenn aus etwas, das einen am Anfang herausgefordert hat, Routine wird, spürt man seinen Erfolg. Alle fünf bis zehn Tage kommen komplett neue Sachen, die man noch nie gemacht hat. Da steht man davor und denkt „Puh, okay. Damit muss ich jetzt erstmal umgehen lernen“. Das zeichnet diese Ausbildung aus.

Was möchtest du selbst noch ansprechen?

Ich höre oft „Wow! Toll, dass du das machst, ich könnte das selbst nie.“ Und das finde ich sehr schade, denn es ist eine Ehre in diesem Beruf arbeiten zu dürfen. Sicherlich gibt es Schwierigkeiten und man ist auch mal überbelastet. Aber trotz alle dem ist es ein so toller Beruf und ich würde mir wünschen, dass man das öffentlicher macht. Nicht nur die schlechten Seiten. Den ganzen Tag mit Menschen zu arbeiten und ihnen etwas Gutes zu tun, empfinde ich wirklich als Geschenk.