Ohne Schatten kein Licht – vom Alltag der Covid-Normalstation

Ohne Schatten kein Licht – vom Alltag der Covid-Normalstation

Tina Harsdorf absolvierte in München die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Nach sieben Jahren im Pflegeberuf kam sie ins Helios Park-Klinikum Leipzig. Hier wurde sie Teil des Teams der Station 3H mit Pulmologie und Gastroenterologie. Im Frühjahr 2020 übernimmt Tina Harsdorf die Leitung der Covid-Normalstation.

Unser Pflegedirektor Clemens Regenbrecht und sein Stellvertreter Sebastian Hunger fragten bei der ersten Welle an, ob ich die Stationsleitung übernehmen wolle, weil es jemanden mit Erfahrung in der Pneumologie brauchte. Da habe ich zugestimmt. Und in der zweiten Welle hat er direkt gesagt ‚Sie machen das wieder, wenn Sie möchten‘“, erzählt Tina Harsdorf rückblickend.

Das Risiko einer Infektion habe ich ausgeblendet. Ich dachte mir: ‚Ja mei, wir treffen hier alle Vorkehrungen, um uns zu schützen.‘ Auf den Isolierstationen bekommen wir alles, was man an Ausrüstung haben kann.

Tina Harsdorf, Leiterin Covid Normal-Station, Helios Park-Klinikum Leipzig
Tina Hausdorf

Obwohl sie als stellvertretende Leiterin der pneumologischen Station Führungserfahrung mitbringt, birgt der neue Alltag mehr Überraschung als Routine. „Mein Alltag ist jetzt komplett anders. Man muss sich viel mehr um die Patientinnen und Patienten kümmern, weil sie gar keinen Kontakt nach außen haben. Der Pflegebedarf ist weitaus höher.“

Angesichts der aufwendigen Schutzmaßnahmen ist der hohe Pflegeaufwand eine zusätzliche Herausforderung. „Wir arbeiten in kompletter Montur: Zwei Paar Handschuhe, eine Haube, FFP-Maske und Visiere, die das Gesicht komplett bedecken.“ Die Kommunikation sei auf mehreren Ebenen eingeschränkt. Sowohl die Mimik und Gestik als auch die akustische Verständlichkeit. Nicht nur für die Pflegekräfte auf Station sei diese „Montur“ eine Ausnahmesituation.

Unsere Vermummung schreckt viele Leute ab, besonders die Älteren. Mal ehrlich, wenn da so ein Vermummter auf dich zukommt – fände ich auch schwierig.

sagt Harsdorf nachdenklich

Trotz der besonderen Umstände findet das Team schnell eine gemeinsame Linie. Zu Beginn der ersten Welle werden die Pflegekräfte aus verschiedenen Stationen des ganzen Hauses zusammengeführt. Tina Harsdorf erinnert sich positiv zurück: „Wir haben von null angefangen. Es gab keine Struktur, wie wir etwas machen. Das ist wirklich im Teamwork entstanden. Und ich finde, dass es die Führungsrolle fast etwas einfacher macht, dass wir uns alle noch nicht kannten.“ Während man in jahrelang eingespielten Teams die Stimmungslagen meist gut einschätzen könne, gehe die Stationsleiterin im Covid-Team immer auf Nummer sicher. „Gespräche sind mir sehr wichtig. Ich höre meine Pflegekräfte eigentlich fast jeden Tag ab, ob es etwas gibt, was sie besprechen möchten. Ich frage viel mehr als auf meiner alten Station.“ Eine Herangehensweise, die sich bislang bezahlt mache."

Es ist wirklich eine super Stimmung innerhalb des Teams. Es wird gelacht, es werden Späße gemacht. Toi, toi, toi – bis jetzt ist alles gut.

so Harsdorf
Tina Hausdorf

Doch Tina Harsdorf nimmt die Ausnahmebelastung ernst. Besonders das Sterben sei ein Thema, das viele beschäftige. Die Pflegekräfte seien viele Rituale des Abschiednehmens gewöhnt: „Sonst werden alle Zu- und Abgänge entfernt, Patientinnen werden ins Bett gelegt, man richtet die Haare, vielleicht legt man noch ein Blümchen in die Hand. Außerdem öffnen wir die Fenster, um die Seele ziehen zu lassen.“ Aufgrund der aktuellen Covid-Situation war es nicht immer möglich, dass die Angehörigen nochmal auf Station kommen durften. Dadurch sei die Vorgehensweise nun jedoch den Umständen entsprechend reduziert

„Wir ziehen die Menschen aus und legen die Verstorbenen in Säcke. Dass auch wir als Pflegekräfte keinen Abschied nehmen können, ist momentan das Schwierigste.“

hebt Harsdorf hervor

Als Führungskraft möchte Tina Harsdorf ihr Team mit diesen Belastungen nicht alleine lassen – und schätzt auch den gegenseitigen Rückhalt. „Wir achten sehr aufeinander und gehen aufeinander ein. Ich bin sehr stolz auf mein Team – auf jede Einzelne.“

Clemens Regenbricht im Dienst

Um die Stationsleitungen bei der seelischen Unterstützung ihrer Pflegekräfte zu bestärken, finden Supervisionen statt. Die psychische Gesundheit des Personals muss in dieser Zeit besonders fokussiert werden: „Und da wollen wir Sprachrohr sein“, findet Harsdorf.

Initiiert werden die Supervisionen von Pflegedirektor Clemens Regenbrecht. Auch er half bereits neben seinen täglichen Aufgaben an den Wochenenden auf der Covid-Intensivstation aus. 

Als sie sich anfänglich für den Beruf der Gesundheits- und Krankenpflegerin entschied, sei der ausschlaggebende Faktor die Arbeit mit Menschen gewesen. Ein Wert, welcher Tina Harsdorf heute mehr denn je bewusst werde. Egal, wie anstrengend die Tage auch seien: „Wenn ich mal Bürotag habe, schlaucht mich das viel mehr als in Action auf Station. Auch wenn es oft schwierig ist – der Kontakt mit Menschen ist einfach meins. Für andere da sein und etwas Gutes tun.“