„Unsere Psyche findet auch in dieser Zeit Lösungen und Stärken“

„Unsere Psyche findet auch in dieser Zeit Lösungen und Stärken“

Als Teil des Helios Park-Klinikums Leipzig ist Prof. Dr. Katarina Stengler Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Außerdem ist sie Direktorin des Zentrums für Seelische Gesundheit. Um in Zeiten der Pandemie psychisch gesund zu bleiben, lautet ihr Credo: vorhandene Ressourcen nutzen, neue Wege suchen.

„Psychische Gesundheit ist zu jeder Zeit wichtig und ist nicht nur ein nettes Anhängsel“, sagt Prof. Dr. Katarina Stengler überzeugt. In Zeiten der Krise wird die Bedeutung dieser Aussage spürbarer denn je. Selbst die Resilienten und die mit dem dicken Fell gelangen an ihre Grenzen. Wer mit Stimmung und Antrieb, mit veränderter Wahrnehmung, mit Angst und Panik zu tun hat und Hilfe sucht, steht seit Beginn der Pandemie vor einem erschwerten Zugang zu den wenigen umsetzbaren Angeboten. „Nicht nur die stationären Häuser haben neue Bedingungen: Es wird verstärkt auf die Notfallsituationen orientiert, geplante Aufnahmen müssen immer wieder zurückgestellt werden.“, erläutert die Chefärztin die Situation, „und das ist ja draußen auch so. Wohnstätten, ambulante Einrichtungen, niedergelassene Kolleg:innen und Telefonhotlines sind überlastet; konzentrieren sich auf die Akut- und Notfallkonstellationen.“

Spagat mit Zusammenhalt

Stengler

Für den Bereich der seelischen Gesundheit stellen sich mit Beginn der Pandemie Anfang 2020 zwei verschiedene Herausforderungen ein. „Alles Körperliche hat uns auch betroffen – von der Maske über Besuchsreglungen bis zu Eingangsreglungen und Kontrollen. Doch für uns folgte dann noch das Psychiatriespezifische. Kommunikation – verbal und nonverbal; Mimik und Gestik, das sind ganz wichtige Arbeitsmittel für uns – und die fielen zu großen Teilen weg oder sind bis heute extrem eingeschränkt.“

Für die Mitarbeitenden folgt eine völlige Umgestaltung ihrer persönlichen und beruflichen Lebensplanung. Die Umstellung von Normal- auf Covid-Versorgung auf der einen Seite, die Betreuung der nicht-infizierten Patientinnen und Patienten unter Schutzmaßnahmen auf der anderen Seite. Der Spagat gelingt mit Zusammenhalt: „Es gab Zeiten, da konnte man sich per Telefonanruf krankmelden. Da hätte sich ja die halbe Mannschaft melden können. Das ist aber nicht passiert“, erinnert sich Katarina Stengler anerkennend, „wir haben diese Situation sehr solidarisch getragen. Ich glaube, das ist unsere größte Stärke gewesen und das finde ich überhaupt nicht selbstverständlich – dafür bin ich sehr dankbar.“

Umstellung in der Behandlung fordert alle

Neben dem Zusammenwirken der Mitarbeitenden leistet auch die überraschende Bereitschaft der Patientinnen und Patienten einen großen Beitrag zum Meistern der Krise. „Gruppenbehandlung ist nichts, was wir machen, weil wir gerne beieinandersitzen – das ist hocheffektiv. Es gibt Therapien, die ausschließlich im Gruppenkontext stattfinden – in Corona-Zeiten mussten wir hier völlig neu organisieren – Patient:innen mussten ganz neue Konstruktionen mittragen.“

Die massive Umstellung der Behandlung und ihrer Umstände fordert Mitarbeitende und Patient:innen gleichermaßen heraus. Doch es stellt sich eine funktionierende Dynamik ein.

Die Chefärztin schildert ein nahezu bedingungsloses Verständnis der Menschen. Therapie mit Maske? Kein Besuch mehr? Am Wochenende nicht mehr nach Hause? – ‚Dann muss es eben so sein. Hauptsache ich darf hier sein, werde behandelt und habe einen Ort, wo mir jemand zuhört‘

zitiert die Chefärztin die Betroffenen.

„Es hätte auch ganz anders kommen können. Aber, es gab einige Patient:innen – und gibt sie immer noch – die mit diesen Dingen überhaupt nicht umgehen können. Aggression, Gewalt oder Selbstverletzung finden dann verstärkt statt.“ Doch im Weitwinkel betrachtet, habe die größte Ressource ganz klar beim Patienten und der Patientin selbst gelegen.„Es hätte auch ganz anders kommen können. Aber, es gab einige Patient:innen – und gibt sie immer noch – die mit diesen Dingen überhaupt nicht umgehen können. Aggression, Gewalt oder Selbstverletzung finden dann verstärkt statt.“ Doch im Weitwinkel betrachtet, habe die größte Ressource ganz klar beim Patienten und der Patientin selbst gelegen.

Ressourcen erkennen und neue Wege gehen

Stengler

Ressourcen erkennen und versuchen, neue Wege zu gehen, das ist wohl das Erfolgsrezept der Stunde. „Ich finde es sehr spannend, dass unsere Psyche eben auch in dieser Zeit Lösungen und Stärken findet. Im besten Fall werden wir alle mit gestärkten Ideen aus dieser Zeit hervorgehen“, sagt Prof. Stengler hoffnungsvoll, „wie kann ich aus dieser Dramatik da draußen irgendwie eine Ressource für mich rausziehen?“

Für ihr eigenes Seelenwohl kombiniert die Chefärztin in den letzten Monaten Routine und Disziplin. Das bedeutet in der Praxis zum Beispiel, trotz Ausgangssperre und Spätdienst Zeit zum Joggen zu finden – oder: „Wir können nicht jeden Freitagabend essen gehen, aber wir können essen und Gemeinsamkeit anders organisieren. Wir können bestimmte Rituale verändern und anders, auch digital, an ihnen festhalten – das gibt mir Kraft zu sagen ‚Okay, und wenn morgen bspw. diese oder diese Einrichtung wieder dicht ist, habe ich die und die Mechanismen, um es zu bewältigen‘.“ Das Stichwort Work-Life-Balance scheint inzwischen fast abgegriffen. Doch in der Prävention und Psychohygiene liegt in Katarina Stenglers Augen eben genau die Stärke, auf die wir im Alltag sowie in Extremsituationen zurückgreifen können: „Was tut mir gut? Wo habe ich einen gut austarierten Wechsel zwischen Belastung und Entlastung? Was sind die Dinge, die in meinem Leben außerhalb von Arbeit zählen? Welche Kontakte geben mir Kraft?“