Kultur ist mehr als eine fremde Sprache – Integration neu gedacht

Kultur ist mehr als eine fremde Sprache – Integration neu gedacht

Natalia Kemler arbeitet seit 2004 als Sprachlehrerin. Im Mai 2021 kommt sie als Deutschlehrerin ins Helios Bildungszentrum Leipzig. Hier begleitet sie ausländische Pflegekräfte, die Internationals, auf dem Weg zur Anerkennung ihrer Ausbildung – Teil dessen ist ein Sprachzertifikat. Neben Vokabeln und Grammatik übersetzt Natalia Kemler auch Gesten und Umgangsformen. Integration ist mehr als eine Sprache zu lernen. Darum ist die Deutschlehrerin seit Neuestem auch Kulturbotschafterin.

Ich habe viel im Ausland gearbeitet und Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. In meinem Heimatland Russland und dann in Kasachstan beim Goethe Institut“, erzählt Natalia Kemler über ihren beruflichen Werdegang.  „Die Menschen lernen aus verschiedenen Gründen Deutsch. Zum Beispiel wollen die einen auswandern oder die anderen hier studieren.“ Ursprünglich stammt sie aus Sibirien – einer riesigen Region, deren Winter sie zwar liebt, deren Größe Reisen jedoch maßgeblich erschwert: „Bevor ich irgendwo hinkomme, muss ich stundenlang fliegen. Dann steigt man nicht einfach spontan in den Flieger, um ein, zwei Wochen Urlaub zu machen.“ 2012 kommt die Sprachlehrerin nach Deutschland. Sie lernt verschiedene Städte kennen und erfreut sich der gesellschaftlichen Diversität. „Ich habe eine Weile in Düsseldorf und Berlin gewohnt und dort täglich die Multikulturalität erlebt. Das ist bereichernd. Es eröffnen sich irgendwie neue Welten.“

Mehr als nur ein Sprachkurs

Zuletzt gab Natalia Kemler allgemeinsprachliche Kurse. Doch nach und nach stellt sich der Wunsch nach einer neuen Herausforderung ein. Die Möglichkeit, mit der gewohnten Tätigkeit in einem völlig neuen Umfeld zu arbeiten, überzeugt sie – bis heute: „Ich finde es spannend, jetzt ein ganz anderes Thema kennenzulernen. Und ich lerne auch unglaublich viel. Deswegen finde ich es immer noch interessant. Außerdem ist es ein Unterschied, ob man allgemeine Sprache unterrichtet oder Fachsprache.“ Während ihre Lernenden in den letzten Jahren meist arabischsprachig, 18-70 Jahre alt waren und sich im Intensivkurs voll auf die Inhalte konzentrieren konnten, ist die Zielgruppe bei Helios eine neue Herausforderung: „Ganz anders ist, dass meine Lernenden gleichzeitig arbeiten. Das heißt, dass sie sowohl auf Station sind als auch Deutsch lernen. Und das zu verbinden, ist neu für mich“, beschreibt die Deutschlehrerin ihre Rolle. „Es ist sehr, sehr interessant, dass ich keine homogene Gruppe habe, sondern Menschen aus ganz verschiedenen Kulturen.“ Natalia Kemler erzählt, dass sie das Gefühl habe, eine Ansprechpartnerin geworden zu sein, statt nur Lehrerin. „Die Pflegekräfte kommen allein her und sitzen quasi vom ersten Tag an in unseren Kursen. Ich erlebe mit ihnen die ganze Reise – die Anfangsphase des Kulturschocks bis hin zur allmählichen Eingewöhnung.“

Sprachlehrerin und Kulturbotschafterin

Als Erweiterung ihrer Kompetenz in der Arbeit mit Menschen unterschiedlicher Herkunft hat Natalia Kemler nun eine Qualifizierung zur Kulturbotschafterin abgeschlossen. Dabei werden Mitarbeitende befähigt, die Integration von Kolleg:innen mit Migrationserfahrung zu begleiten und das Umfeld zu sensibilisieren. „Grundsätzlich habe ich mit diesem Thema natürlich schon lange Kontakt. Es war Teil meines Studiums – außerdem bin ich selbst Ausländerin und habe das alles hautnah erlebt und erlebe immer noch viel“, erzählt Natalia Kemler aufgeschlossen. Doch trotz der Nähe zum Thema sieht sie den Bedarf, sich weiterzubilden: „Ich habe festgestellt, dass ich nach all den Jahren schon ein bisschen festgefahren war. Ich brauchte Anregungen und Austausch. Und das habe ich bei der Qualifizierung gefunden.“ Zum einen sei das Publikum sehr durchmischt gewesen, zum anderen habe sie viele Anregungen bekommen, um nachzudenken. „Ich werde oft von meinen Teilnehmer:innen angesprochen und hatte das Gefühl, ich brauche etwas, um mich sicherer zu fühlen, wenn ich sie unterstützen will.“ Das Lernen einer neuen Sprache birgt immer auch das Kennenlernen neuer Menschen und Umgangsformen. Die Internationals bei dieser mutigen Reise zu begleiten, ist für Natalia Kemler Herzensaufgabe und Beruf zugleich. Die Fortschritte ermuntern sie weiterzumachen: „Ich lerne in meinen Kursen Menschen kennen, die zuerst Schwierigkeiten haben und sich dann mit der Zeit entwickeln und sich hier ihr Leben aufbauen. Und es ist so schön, wenn sie mit Freude darüber erzählen, was sie alles erreicht haben und dass sie erfolgreich geworden sind.“

Die Pflegekräfte kommen allein her und sitzen quasi vom ersten Tag an in unseren Kursen. Ich erlebe mit ihnen die ganze Reise – die Anfangsphase des Kulturschocks bis hin zur allmählichen Eingewöhnung.

Natalia Kemler, Deutschlehrerin im Helios Bildungszentrum