Es ist menschlich, Fehler zu machen. Wichtig ist, aus ihnen zu lernen.

Es ist menschlich, Fehler zu machen. Wichtig ist, aus ihnen zu lernen.

Dass Prof. Michael Borger ausgerechnet Herzchirurg wurde, war eigentlich ein schöner Glücksfall. „Die Herzchirurgie habe ich zufällig entdeckt, als ich im OP assistiert habe. Und je öfter ich assistiert habe, desto mehr habe ich gemerkt: Ich möchte auf der anderen Seite des Tisches stehen. Ich möchte Herzchirurg werden.“ Michael Borger begeistert von Anfang an das Zusammenspiel von Verstand und Händen, um Probleme lösen zu können. „Und man weiß am Ende der Operation ganz genau, ob das Ergebnis gut ist.“ Enorm vielen Menschen mit diesen Operationen helfen zu können, ist etwas, was den heutigen Direktor der Universitätsklinik für Herzchirurgie am Herzzentrum Leipzig von Beginn an motiviert hat.

Klinikgesicht Michael Borger

Von Kanada aus, wo er aufwuchs und seine Ausbildung zum Herzchirurg absolvierte, weiter über New York, fand Michael Borger schließlich in Leipzig als Direktor der Herzchirurgie sowohl beruflich als auch privat sein Zuhause. Hier leitet er seit 2017 eines der größten Teams Europas mit circa 60 Ärzt:innen, 20 Arztassistent:innen bzw. Physician Assistants und insgesamt mehreren hundert Mitarbeiter:innen. Eine Aufgabe, die Borger von seinem Vorgänger und Mentor, Prof. Friedrich Wilhelm Mohr übernahm.

Für Michael Borger sind Emotionen ein wichtiger Teil seiner Arbeit, denn „für Patient:innen besteht ein gewisses Risiko, dass sie den Eingriff nicht überleben werden. Das macht diese Operation für sie extrem emotional. Niemand lässt sich freiwillig am Herzen operieren.“ Umso bedeutender sei es, Vertrauen und eine emotionale Bindung zu den Betroffenen aufzubauen. Dieser Verantwortung ist sich Borger immer bewusst: „Dass sich Patient*innen vor und nach der Operation gut betreut fühlen und ihre Interessen oberste Priorität haben, ist extrem wichtig.“

 

 

Entscheidungen mit Tragweite

Klinikgesicht Michael Borger

Borger weiß um die Tragweite seiner Entscheidungen und was eine Herz-OP für die Patient:innen und Angehörige bedeutet. Sich Zeit zu nehmen, zuzuhören und in einem ehrlichen Gespräch die möglichen Komplikationen offen darzulegen, sind für Borger die Voraussetzungen für eine vertrauensvolle Bindung. Er begegne seinen Patient:innen mit einem guten Maß an Selbstbewusstsein, das er aus seiner 30-jährigen Erfahrung als Arzt und Chirurg schöpft. Damit schaffe er das sichere Gefühl, dass man sich in sehr guten und erfahrenen Händen wissen kann. „Ein gewisses Selbstbewusstsein ist absolute Voraussetzung für die Herzchirurgie. Sonst könnte man, wenn man einen Patienten oder eine Patientin an einem Tag im OP verliert, nicht wieder am nächsten Tag dort erscheinen.“ Die monatlichen Auswertung zu den Ergebnissen der Leipziger Herzchirurgie bestätigen ihn und sein Team in ihrer Arbeit. Zu wissen, dass sie sowohl bundesweit als auch international zu den Besten gehören, „berührt mich und gibt mir Kraft und Vertrauen im Gespräch mit den Patient:innen“, sagt Borger.

Klinikgesicht Michael Borger

In seiner Arbeit als Herzchirurg ist die Balance zwischen emotionaler Bindung und rationalem, kontrollierten Handeln eine Notwendigkeit. „Im OP“, so Borger, „versucht man, so wenig emotional wie möglich zu sein. Denn man muss sehr, sehr logisch denken.“ Es brauche ein hohes Maß an Kontrolle, das Emotionale auszublenden. Nur so gelinge es, nicht von den eigenen Gefühlen überrannt zu werden, vor allem, wenn es während einer Operation zu Komplikationen komme. „Ich bin so etwas wie der Kapitän des Schiffs. Nervosität und Gefühle nicht zu kontrollieren, würde zu Unruhe im OP führen. Und wenn ich anfangen würde, laut zu werden, würde das die Leistung des ganzen Teams verschlechtern.“ Hier hilft ihm oft sein kanadischer Optimismus, den er sich mit nach Deutschland gebracht hat und mit dem man „in Kanada quasi geboren wird“. Sein Team immer wieder zu motivieren, ist ihm wichtig. Dass alles gut werden wird und sie zu den Besten weltweit gehören, ist ein kleines Mantra, das er allen gerne mitgibt.

Keine Angst vor falschen Entscheidungen

Klinikgesicht Michael Borger

Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen, dürfe man in der Herzchirurgie nicht haben. Denn es sei Teil der Realität, dass manche Patient:innen ihre Operation womöglich nicht überleben. Wichtig sei dann, aus diesen Fehlentscheidungen zu lernen, daran zu wachsen und sie in der Zukunft nicht zu wiederholen. „Es ist menschlich, Fehler zu machen.“, sagt Borger. Nur könne es als Herzchirurg sehr negative Konsequenzen haben. „Deswegen nehme ich diese Verantwortung und Lernfähigkeit extrem ernst.“ Die Begegnung mit dem Sterben ist Teil seiner Arbeit, der Umgang damit ebenso. „Glücklicherweise passiert das selten, meistens bei sehr hohen Risikopatient:innen.“ Als Team wisse man in diesen Fällen, dass man alles getan habe, was man konnte und es trotzdem nicht gelungen ist. Eine Wahrheit, die dabei hilft, solchen Momenten ruhig und sachlich zu begegnen. Der unerwartete Verlust einer Assistenzärztin traf jedoch alle im Team schwer: „Das ist dann natürlich schon eine ganz andere emotionale Ebene. Wie schwierig das für uns als Team war, kann man sich sicher vorstellen.“ Seiner eigenen Sterblichkeit sieht Borger gelassen entgegen, er denke nicht viel darüber nach und ist ein pragmatischer Optimist.

 

An jenen, intensiven Tagen aber, an denen eine Operation anders verläuft als gedacht und nicht gut ausgeht, „gehst du nach Hause und bist manchmal völlig fertig“, sagt Borger. Es ist seine Familie, die ihn dann auffängt. „Denn wenn ich meine Kinder sehe oder meine Frau, dann kann ich die negative Erfahrung des Tages zumindest teilweise vergessen.“ Sport ist für Borger ein weiterer Ausgleich und Helfer, den Kopf wieder frei zu bekommen. Fahrradfahren, schwimmen oder Skifahren mit seinen Jungs tun ihm gut. „Ich merke das auch daran, dass ich viel besser schlafe, wenn ich viel Sport mache und deswegen am nächsten Tag auch mehr Energie habe.“

Seitdem er mit 45 Jahren eine künstliche Hüfte hat, kann er manche Sportarten nicht mehr machen. Jene Hüft-Operation, die er in New York hatte, war für Borger in vielerlei Hinsicht einzigartig und lehrreich. Anders als in Deutschland, gab es dort keine Reha. „Ich wurde direkt am nächsten Tag entlassen. Das war schon was, das als Patient zu erleben.“ Die notwendigen Übungen machte er jeden Tag, ohne Reha, für mehrere Monate. In dieser Zeit habe er verstanden, wie mühsam die Rehabilitation nach einer Operation sein kann und was für eine entscheidende Rolle das Alter beim Fortschritt spiele. In Bezug auf die Herzchirurgie sehe er es als positive Entwicklung der kardiovaskulären Medizin, dass es mittlerweile verschiedene Verfahren gäbe, „um so wenig Trauma im Körper wie möglich auszulösen. Man kann viel weniger invasiv als bei einer großen Operation vorgehen.“ Vor allem für ältere Patient:innen bedeute dies einen wesentlich leichteren, postoperativen Verlauf.

Operationen bedeuten Routine und Kreativität

Klinikgesicht Michael Borger

Operationen sind für Michael Borger seine tägliche Arbeit, allen voran die Herztransplantation. Diese ist „von außen betrachtet natürlich schon dramatisch und für die Patient:innen eine absolute Lebenswende, wenn sie das gesunde Organ bekommen und es gut angenommen wird“. Zu sehen, wie sich die Lebensqualität massiv verbessert, sei für ihn und sein Team sehr schön und wichtig: „Das ist der Grund, warum wir Herzchirurg:innen geworden sind“. Dass Herztransplantationen eher Routine für sein Team sind, macht es den Patient:innen viel einfacher Vertrauen zu finden. „Denn genau das will man als Patient:in, wenn man in eine Klinik geht: dass das die tägliche Arbeit ist“. Mit Energie und Begeisterung spricht Borger von neuen Herausforderungen, die sich ihm bei manchen Operationen stellen: „Manchmal kann man im OP kreativ sein. Wenn man eine neue Lösung finden muss oder man feststellt, dass doch mehr möglich ist als gedacht.“

Klinikgesicht Michael Borger

Mit dem Herz als Mittelpunkt seiner Arbeit, verbindet Michael Borger vor allem eine tiefe und spürbare Euphorie für die Anatomie und Physiologie des Organs „Wenn jemand eine Herzerkrankung entwickelt, möchte ich immer wissen, wie man sie am besten behandeln kann.“ Für ihn sei das Herz der Motor des Körpers und er verankere es mehr wissenschaftlich als emotional in seinem Kopf. Umso glücklicher macht ihn etwa die Gelegenheit, via Virtual Reality in ein Herzmodell einzusteigen und dessen Anatomie von innen zu sehen. Voller Begeisterung sagt Borger: „Das war für mich genial.“ Und man glaubt es ihm sofort. Es muss das pure Glück sein, in das einzutauchen, was ihm auch nach Jahrzehnten immer noch so starkes Herzklopfen schenkt.

Es ist menschlich, Fehler zu machen.

Prof. Michael Borger, Herzchirurg und Direktor der Universitätsklinik für Herzchirurgie am Herzzentrum Leipzig