Weg vom Zwang hin zur Selbstkontrolle

Weg vom Zwang hin zur Selbstkontrolle

Markus Rehak ist Stationsleiter von zwei psychiatrischen Stationen des Helios Park-Klinikums Leipzig. Gemeinsam mit seinem Team baut er seit zweieinhalb Jahren ein innovatives Konzept aus. Der Leitgedanke: „Weg vom Zwang hin zur Selbstkontrolle“. Ziel ist es, Zwangsmaßnahmen wie Fixierung auf ein absolutes Minimum zu begrenzen. Dabei stehen Mitarbeitende hinter ihm, die Veränderung leben und auf die der gelernte Krankenpfleger sich zu hundert Prozent verlassen kann.

Ich war zuvor als stellvertretende Stationsleitung tätig. Als meine Vorgängerin der Station 4 in Rente ging, übernahm ich die Station. Das ist jetzt knapp vier Jahre her“, erzählt Markus Rehak über seine berufliche Entwicklung. „Vor zwei Jahren habe ich zusätzlich noch die Stationsleitung der 5 übernommen. Station 4 ist eine akutpsychiatrische Station mit einem fakultativ geschützten Setting, also geschlossener Tür und Station 5 eine Regelbehandlungsstation, da ist die Tür immer offen.“ Anders als im somatischen Bereich, wo es um die körperliche Gesundheit geht, können Erkrankungen in der Psychiatrie nur begrenzt anhand von Laborwerten oder bildgebenden Verfahren nachgewiesen werden. „Wir brauchen sehr viel Verständnis für die Menschen. Und das leben wir im Team. Natürlich gibt es schwierige Patient:innen, doch wir verinnerlichen uns immer wieder: Dieser Mensch ist krank – anders krank.“

Durch die Pandemie verängstigt

Die besonderen Rahmenbedingungen der Pandemie bringen auch für die psychiatrischen Stationen massive Umstellungen mit sich. „Wir hatten zwar stellenweise weniger Patient:innen, aber es bleiben eben jene, die aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung dringend stationär behandelt werden müssen. Hinzu kommen die Patienten, welche aufgrund der Pandemie stark verängstigt sind.“ Das erweiterte Aufgabenspektrum und die besonderen Arbeitsumstände machen den Berufsalltag der Teams zur Herausforderung.

„Die Haltungsänderung des Personals ist grundlegend. Zeigt sich ein Patient hochgradig angespannt, dann hinterfragen wir uns automatisch: Wie geht es genau jetzt ohne Zwang?“

führt Markus Rehak, Stationsleiter Park-Klinikum Leipzig, aus

„Wir müssen die Patientinnen und Patienten auffangen. Viele von ihnen sind auch kognitiv beeinträchtigt und brauchen Aufklärung, warum wir das alles machen“, berichtet Markus Rehak aus der Praxis. Im Februar 2021 spricht der Stationsleiter rückblickend seine große Dankbarkeit für die Mitarbeitenden aus: „Ich bin wirklich stolz auf die beiden Teams, dass wir das so prima meistern. Das Ganze funktioniert nur, weil wir so gut zusammenarbeiten.“

Freiheit soll Zwang ersetzen

Klinikgesicht Markus Rehak

Die funktionierende Zusammenarbeit der Mitarbeitenden öffnet Raum für Innovation. Seit etwa zweieinhalb Jahren leben die beiden Stationen ein Konzept, das die Notwendigkeit von Zwangsmaßnahmen wie Fixierung auf ein absolutes Minimum bringen soll: „Weg vom Zwang hin zur Selbstkontrolle“. Erste Evaluationen unter Patient:innen und Mitarbeitenden sowie das bundesweite und internationale Interesse an diesem Konzept machen den Erfolg sichtbar. Sogar eine französische Einrichtung zeigte kürzlich Interesse. Die Idee besteht aus verschiedenen Bausteinen, die zusammenwirken. „Die Haltungsänderung des Personals ist grundlegend. Zeigt sich ein Patient hochgradig angespannt, dann hinterfragen wir uns automatisch: Wie geht es genau jetzt ohne Zwang?“ Für diese beispielhafte Situation steht ein weiterer, zentraler Baustein zur Verfügung: Ein eigens erschaffener Rückzugsort, der sogenannte „Freiraum“. Dieser ruhige Raum bietet durch eine Medienwand die Möglichkeit, sich abzulenken und so Fähigkeiten zu schulen, die zur Selbstregulierung beitragen. Ob Musik, ein Schachspiel oder angeleitete Entspannungsübungen – im Fokus steht immer der selbstwirksame Anspannungsabbau. „Die Patien:innen werden über alles aufgeklärt. Sie sehen auch, dass von innen eine Klinke da ist und sie jederzeit den Raum verlassen können. Außen ist ein Knauf, niemand kommt ungefragt rein.“

Viele Betroffene bedanken sich im Nachhinein für die Möglichkeit, ohne Zwang behandelt worden zu sein. Insgesamt konnte die Anwendung von Fixierung über fünfzig Prozent reduziert werden – in manchen Monaten ist sie gar nicht mehr nötig. Für diesen Erfolg ist Markus Rehak seinen Mitarbeitenden sehr dankbar: „Ich bin wirklich stolz auf unser Team mit dem, was wir die letzten zwei Jahre gemeinsam erreicht haben. Ich kann mich auf alle hundertprozentig verlassen. Und dieses Vertrauen ist unheimlich wichtig.“