„Unser Kampf ist nie umsonst“

„Unser Kampf ist nie umsonst“

Katja Borzyszkowski ist in ihrem 28. Jahr als examinierte Pflegekraft, 26 davon auf der chirurgischen Intensivstation im Herzzentrum Leipzig. Nirgendwo sonst liegen Freude und Leid – aber auch eine unwahrscheinliche fachliche Bandbreite – so nah beieinander wie in der Intensivmedizin, sagt sie.

Aus ihrem Arbeitsalltag kennt die Pflegekraft die Gratwanderung zwischen Leben und Tod – und weiß, wie wichtig ein funktionierendes Team für die seelische Verarbeitung ist. Während der Pandemie setzt Katja Borzyszkowski ihre intensivmedizinische Erfahrung und ihr zwischenmenschliches Feingefühl auf einer der Covid-ITS ein.

„Ich sehe den Menschen vor mir und er ist dankbar dafür, dass ich da bin: Das ist eines der schönsten Gefühle, die man haben kann“, sagt Katja Borzyszkowski über ihren Beruf. Dass sie Pflegekraft werden will, das war schon immer klar. „Meine ganze Verwandtschaft ist in der Pflege – ich wollte nie was anderes werden.“ In die Intensivmedizin rutschte sie vor 20 Jahren auf Umwegen hinein – und fand hier ihren Traumberuf. Nach Eröffnung des Herzzentrums Leipzig im Jahr 1994 hat sie sich direkt und ausschließlich für die Intensivstation beworben. Ihr war es wichtig besonders in den Anfangsjahren ihrer Karriere Erfahrung zu sammeln, ihr Wissen der Ausbildung zu erweitern und zu festigen.

Es gibt viele Patientinnen und Patienten, bei denen ich weiß, dass sie es nicht schaffen werden“, erzählt die Pflegekraft, „und dann sage ich mir: Ich kämpfe nicht umsonst, sondern trotz allem für diesen Menschen, damit er in Würde und Ruhe gehen darf.

Katja Borzyszkowski, examinierte Pflegekraft auf der chirurgischen Intensivstation im Herzzentrum Leipzig

Selbst wenn man es für die Angehörigen tue, so sei es den Kampf jedes Mal wert, sagt sie überzeugt. Neben den traurigen Geschichten gibt es außerdem immer wieder solche, die Mut schenken: „Manchmal geben wir den Angehörigen bewusst den Punkt, nun Abschied nehmen zu dürfen: Wir sind medizinisch am Ende. Und plötzlich kämpfen sich diese Patient:innen zurück ins Leben und laufen am Ende selbst zur Tür hinaus. Auch das ist Intensivmedizin.“ Um dieser ständigen, existenziellen Belastung psychisch standzuhalten, steht ein achtsames Kollegium an erster Stelle. „Meine Kolleginnen und Kollegen im Team helfen dabei, das Erlebte zu verarbeiten, die ermutigenden Momente festzuhalten und sie überwiegen zu lassen.“

Das Unbeschreibliche durchhalten

Während der Pandemie arbeitet Katja Borzyszkowski durchgehend auf der Covid-ITS – im Mai 2021 blickt sie auf drei Wellen und etwa 15 Monate zurück. Obwohl die Mitarbeitenden über das Teamgefüge schwärmen und sich unerwartet tiefe Beziehungen entwickelt haben, sind sich doch alle über die Herausforderung bewusst. „Ich habe von Beginn an gesagt, dass ich nicht hin- und herwechseln werde“, erinnert sich die Intensivpflegekraft zurück, „wenn ich gehen muss, dann werde ich gehen. Und zwar nicht in 14 Tage Auszeit. Wenn der Punkt erreicht ist, werde ich das Ganze abschließen.“ Die Geschichten und Verläufe der Covid-Patientinnen und -Patienten sind anders als das, was die Pflegekräfte von ihren Heimatstationen kennen. Einige Schicksale brennen sich ein. „Habe ich dasselbe wie die anderen Patienten? Werde ich genauso elendig sterben? Da weißt du nicht, was du sagen sollst“, sagt Katja Borzyszkowski ernst, „du machst ihnen den Fernseher an, während sie halb ersticken – und im Programm läuft die Corona-Demo in Leipzig. Das sind Momente, die sind extrem.“ Supervisionen und individuelle Hilfsangebote unterstützen die Mitarbeitenden in diesen Zeiten, „doch jeder wird es auf seine Weise verarbeiten.“ Der enge Kontakt innerhalb des Teams trägt viele durch die schwere Zeit.

Ich kann mich hier auch mal ausheulen, ohne dass mich jemand beurteilt oder verurteilt,

erzählt Katja Borzyszkowski.

Zuversicht mit gemischten Gefühlen

Der Blick in die Zukunft bringt gemischte Gefühle. Während Erleichterung über das Abflachen des Infektionsgeschehens einsetzt, liegt auch Abschied in der Luft. „Ich bin ein Stück weit traurig. Ja, wir werden uns alle wiedersehen. Aber dieses interaktive Arbeiten, das stetige Lernen voneinander, das war hier ganz besonders“, reflektiert die Intensivpflegekraft nachdenklich, „es sind ganz andere Blickwinkel. Da spreche ich nicht nur für mich.“ Die multidisziplinäre Zusammenarbeit der Covid-ITS – gemeinsam aus den vielen zusammengewürfelten Strategien und Prozessen, den goldenen Weg aus allen Intensivstationen der Häuser zu extrahieren – daran erinnern sich wohl alle Mitarbeitenden gern zurück. Viele blicken auf die Arbeit, die sie seit vielen Jahren tagtäglich ausführen, nun mit anderen Augen. „Mit diesen verschiedenen Persönlichkeiten arbeiten zu dürfen, ihre Blickwinkel und Geschichten kennenzulernen, hat mein Leben und meine Arbeit wirklich bereichert. Zusammen können wir alles bewältigen.“